Flexible Arbeitszeitmodelle

Mehr Freizeit statt mehr Geld

Services der Bundesagentur für Arbeit
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Viele Arbeitnehmer wünschen sich mehr Freizeit, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ergibt. Demnach möchten die Hälfte der männlichen und gut 40 Prozent der weiblichen Beschäftigten ihre wöchentliche Arbeitszeit gerne reduzieren. Beim Gothaer Unternehmen IWB Industrietechnik GmbH arbeiten die Mitarbeiter seit März 2021 auf eigenen Wunsch zwei Stunden weniger pro Woche. Geschäftsführer Ralf-Peter Kroschel erzählt im Interview, wie es zu der Entscheidung kam und wie er es ermöglicht, dass trotzdem alle weiter den gleichen Lohn bekommen.

Faktor A: Herr Kroschel, Ihr Unternehmen hat zum 1. März die wöchentliche Arbeitszeit von 40 auf 38 Stunden reduziert und die Höhe der Bezahlung der Mitarbeitenden trotzdem beibehalten. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ralf-Peter Kroschel: Eigentlich hatten wir geplant, unserem Personal eine Lohnerhöhung zu geben. Mehrere Kolleginnen und Kollegen, die Kinder haben, haben uns daraufhin aber die Rückmeldung gegeben, dass ihnen mehr Freizeit wichtiger sei, als ein höheres Gehalt. Daraufhin haben wir eine Umfrage in der Belegschaft durchgeführt, die genau diesen Wunsch der Mehrheit bestätigt hat.

Danach folgte sicherlich ein langer Prozess, oder?

Nein, in einem inhabergeführten Mittelstandsunternehmen bemühen wir uns, schnelle Lösungen zu finden. Durch die Umfrage Anfang 2021 hatten wir die Entscheidung so gut vorbereitet, dass der Betriebsrat nur noch seine Zustimmung geben musste. Die Belegschaft stand ja fest dahinter und so musste dies nur noch bestätigt werden. Außerdem gilt die Arbeitszeitreduzierung um 5 Prozent ja für alle Mitarbeiter gleichermaßen und wird beispielsweise auch auf die Teilzeitkräfte entsprechend umgerechnet. Das hat den Prozess zusätzlich erleichtert.

Wie verteilt sich die Arbeitszeit denn aktuell über die Woche?

In einer weiteren Umfrage über unser internes, digitales Mitarbeiterinfomationsystem haben wir auch gefragt, wie sich die Mitarbeiter die Verteilung der Arbeitszeit wünschen. Die meisten waren dafür, die frühere Arbeitszeit an vier Tagen pro Woche beizubehalten und den Freitag zu verkürzen. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass die Mitarbeiter an einem Sechs-Stunden-Arbeitstag keine Mittagspause machen müssen und zusätzliche Zeit sparen. Seit März hat also die Frühschicht schon am Freitagmittag Feierabend und die Spätschicht endet gegen 18 Uhr.

Bisher ist so eine Umstellung vor allem aus Kreativagenturen bekannt. In einem Industrieunternehmen wie Ihrem wird ja im Schichtsystem gearbeitet.

Für unsere Schichtarbeiter hat die Umstellung tatsächlich den größten Effekt, sie sind die hauptsächlichen Profiteure. Die Freude haben sie – und die anderen Mitarbeiter – auch geteilt. Wenn sie am Freitag um 18 Uhr nach Hause gefahren sind, haben sie das erstmal auf Facebook gepostet, weil sie sich so gefreut haben, dass sie nicht mehr nur alle zwei Wochen abends nach der Arbeit Zeit hatten, Fußball zu spielen.

Das klingt alles sehr positiv. Rechnerisch bedeutet das ja aber auch, dass jede/r  Mitarbeitende einen Tag weniger pro Monat arbeitet. Insgesamt verliert das Unternehmen sogar 480 Arbeitsstunden im Monat. Das muss man sich auch leisten können, oder?

Ja. Die verringerte Maschinenlaufzeit kostet Geld, das macht sogar mehrere zehntausend Euro aus. Aber wir sind gerade dabei, unsere Maschinen zu automatisieren. Dann läuft die Automatisierung einfach ein paar Stunden länger in dieser mannlosen Zeit.

Verschafft Ihnen das neue Arbeitszeitmodell Vorteile im Wettbewerb um neue Arbeitskräfte?

Ja. Es gibt nicht allzu viele Firmen hier in Thüringen in unserer Größenordnung und im Mittelstandsbereich ist die 40-Stunden-Woche die absolute Norm. Davon wollten wir uns einfach abheben, denn natürlich sind wir auf der Suche nach guten Leuten und die kann ich nur mit entsprechenden Benefits locken. Das ist nicht immer der letzte Euro auf dem Lohnzettel, sondern es sind die Faktoren drumherum – in diesem Fall die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Können Sie mit Ihrer bisherigen Erfahrung das Modell auch anderen Unternehmen empfehlen?

Auf jeden Fall! Ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht.

Hintergrund

Das Unternehmen

Ralf-Peter Kroschel, Geschäftsführer IWB Industrietechnik
© IWB Industrietechnik

Ralf-Peter Kroschel ist seit 21 Jahren Hauptgesellschafter und Geschäftsführer des Gothaer Unternehmens IWB Industrietechnik GmbH. Das Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern hat sich auf die automatisierte Teilefertigung (NC/CNC), die Herstellung von Komponenten für die Automatisierungstechnik sowie Transportbändern und kundenspezifischen Förderlösungen spezialisiert. Damit beliefert es hauptsächlich Kunden aus der Automobilbranche, der Automatisierungstechnik, der Telekommunikation, der Lebensmittelindustrie, der Pharma- und Medizinindustrie sowie der Luftfahrtindustrie und dem allgemeinen Maschinenbau.

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Birte Schmidt

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