Fäden und Nadeln zu einem

Pra­xis­bei­spiel: Cof­fee Cir­cle und Git­ti

Un­ter­neh­men und ih­re So­ci­al-Me­dia-Stra­te­gi­en

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Mein Faktor A
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Wenn Unternehmen ihren Social-Media-Auftritt planen, heißt die wichtigste Frage: Über welche Plattform erreiche ich meine Zielgruppe? Und die zweitwichtigste: Wie spreche ich meine Community an? Eine Start-up-Gründerin und ein mittelständischer Onlinehändler für Kaffee berichten, warum sie sich für welches soziale Netzwerk entschieden haben und wie sie mit ihren Followern kommunizieren. Social-Media-Expertin Julia Berger ordnet die Strategien der beiden Unternehmen ein.

Das Start-up

Gitti – conscious beauty

  • Produkt: veganer, auf Wasserbasis hergestellter Nagellack
  • Gründerin: Jennifer Baum-Minkus
  • Gründungsjahr: 2018
  • Mitarbeiter: 1
  • Website: gitti.de
  • Instagram – 4000 Abonnenten
  • Facebook – 400 Abonnenten

Gitti-Gründerin Jennifer Baum-Minkus über ihr Unternehmen

„,Was würdest du machen, wenn du keine Angst hättest?‘ Diese Frage hatte mir jemand gestellt, nachdem ich meinen Job bei einem Konzern gekündigt hatte – und meine spontane Antwort war: ‚Glitzernagellack.‘

Ich begann zu recherchieren und stellte schnell fest, dass traditionelle Nagellacke viele Inhaltsstoffe enthalten, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Deshalb wollte ich den besten Nagellack produzieren, der weder uns Menschen noch der Umwelt schadet.

Mir war ziemlich schnell klar, dass dieses neue Produkt vor allem meinen potenziellen Kundinnen und Kunden gefallen muss. Also bat ich Freunde und Familie per WhatsApp und Facebook, einen Fragebogen auszufüllen und ihn wiederum mit Freunden und Bekannten zu teilen. Ein toller Schneeballeffekt, denn ich bekam mehr als 400 Antworten. Ich erfuhr, wie Nagellack genutzt wird, was man über ihn weiß und was man sich von ihm wünscht. Vor allem aber zeigte mir das Feedback, wie wichtig es ist, meine künftigen Kunden in die Produktentwicklung miteinzubeziehen. Denn was nützt es, wenn ich das für mich perfekte Produkt kreiere, es aber sonst niemand haben will?

Deshalb bat ich auch meine kleine Community, den ersten Prototyp zu testen. An dem fand man leider fast alles schlecht. Das war schon hart. Aber ich habe dann versucht, mit einer positiven Haltung daranzugehen und gefragt: ‚Was muss verbessert werden?‘ Als ich gemerkt habe, wie super man darauf reagiert, habe ich einfach weitergemacht und immer gezeigt, woran ich gerade arbeite – und habe anschließend abstimmen lassen: über die Flaschenform, die Pinsel, die Farbe des Verschlusses. Vor allem über Instagram, weil meine Zielgruppe dort am aktivsten ist.
Ich habe keine Social-Media-Strategie; ich entscheide nur aus dem Bauch heraus. Und nachdem mir bewusst geworden ist, wie wichtig der Austausch und eine größere Reichweite für mich sind, habe ich einen Account bei Instagram angelegt. Dort teilen wir nicht nur das, was toll ist, sondern auch das, was nicht funktioniert. So zum Beispiel als es ein Riesenproblem bei der ersten Lieferung gab. Und die Rückmeldung von der Community war: ‚Danke, dass ihr so ehrlich seid.‘ Große Unternehmen machen so etwas nicht; vielleicht weil sie Angst haben, Fehler zuzugeben.

Für mich ist meine Community extrem wichtig. Ich bekomme darüber so viele wertvolle Rückmeldungen, dass ich immer das Gefühl habe, ein großes Team an meiner Seite zu haben. Deswegen ist gitti auch nie ‚ich‘, sondern nur ‚wir‘.“

Expertenmeinung

Julia Berger über gitti

Julia Berger ist Leiterin Digital beim Business-Lifestyle-Magazin „Business Punk“ und Social-Media-Expertin.

„Von Anfang an hat Jenni die Community gefragt: ‚Was wollt ihr? Welche Farben wünscht ihr euch? Wie soll die Verpackung aussehen?‘ Und das lange bevor sie den Nagellack überhaupt herstellen ließ. So wusste sie, was verlangt wurde, und startete mit genau den fünf Produkten, die ihre Follower auch wirklich gut fanden. Das war sehr klug, denn oft bringen Unternehmen etwas auf den Markt, was niemand haben möchte. Jenni dagegen gibt der Community das Gefühl, mitbestimmen zu können. Und durch ihre offene, persönliche Art hat sie sich extrem schnell eine Fanbase aufgebaut – ganz ohne PR-Agentur. Sie hat gezeigt, dass man auch als junges Start-up relativ groß und erfolgreich werden kann, wenn es einem gelingt, so nah an der Community zu sein. Außerdem ist sie nicht nur digital unterwegs, sondern auch offline bei vielen Events präsent. Auch das ist sehr, sehr wichtig.“

Das mittelständische Unternehmen

Onlineshop Coffee Circle

  • Produkt: nachhaltig produzierte Kaffeesorten
  • Gründer: Martin Elwert, Robert Bach und Moritz Waldstein-Wartenberg
  • Gründungsjahr: 2010
  • Mitarbeiter: mehr als 60
  • Website: coffeecircle.com
  • Facebook – 61.000 Abonnenten
  • Instagram – 20.000 Abonnenten
  • Youtube – 12.000 Abonnenten

Social-Media-Arbeit bei Coffee Circle

Faktor A: Welches Ziel verfolgt Coffee Circle mit seinen Social-Media-Kanälen?

Maria Hänel, Marketing Communications Manager, Coffee Circle: Sie sind für uns eine ganz wichtige Kontaktmöglichkeit zu unseren Kunden, vor allem auch deshalb, weil wir es als Onlineshop natürlich besonders schwer haben, persönlich mit ihnen zu interagieren. Und wir nutzen die Kanäle, um unsere Geschichte zu erzählen. Auf Instagram zeigen wir aber nicht nur schöne Kaffeebilder, sondern wir nehmen unsere Kunden mit auf die Plantagen nach Äthiopien oder Kolumbien, bieten ihnen einen Blick hinter die Kulissen und lassen sie so Teil unserer Reisen werden.

Geht es nicht auch darum, Produkte zu verkaufen?

Natürlich. Aber auf Instagram geht es uns in erster Linie um engagement, awareness und loyality, also darum, eine gewisse Verbindlichkeit, Bewusstheit und auch Bindung für das Thema zu erzeugen. Wir wollen über diesen Kanal Offenheit und Transparenz schaffen, um so unsere Kunden teilhaben zu lassen an dem, was wir tun.

Dienen die Social-Media-Kanäle auch zur Mitarbeiter-Rekrutierung?

Jein. Ich glaube, dass ein Unternehmen, das sich offen und ehrlich gegenüber seinen Kunden zeigt, auch attraktiv für Mitarbeiter ist. Für richtiges Employer Branding nutzen wir eher LinkedIn, da sind wir aber noch ein bisschen in der Testphase.

Sie bespielen außer Instagram noch Facebook und YouTube – warum?

Unser Fokus liegt ganz klar auf Instagram; dort können wir unsere Zielgruppe am besten erreichen. Die ist  ab 30 und relativ breit, weil wir auch unser Portfolio breit aufgestellt haben. Es gibt schokoladige Sorten, andere schmecken eher nussig, erdig oder beerig. Jeder soll bei uns den perfekten Kaffee finden, egal, wie er oder sie ihn zubereitet.

Wie gewinnt Coffee Circle neue Abonnenten und Follower? Auch durch Werbung?

Ja, wir schalten auch Ads. Die organische Reichweite ist gerade bei Facebook sehr gering. Um die richtigen Menschen zu erreichen muss man schon Geld ausgeben. Aber wir halten nichts davon, penetrant Werbung zu schalten, sondern wollen mit der Art, wie wir sind, und mit unseren Produkten überzeugen.

Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich mit Ihren Posts orientieren?

Eher weniger. Wir schauen nicht so sehr nach rechts und links, denn wir haben sehr eigene Vorstellungen von unserer Bildsprache und unserer Designwelt, die sehr farbig und lebendig ist. Wir versuchen einfach bestmöglich die Features, die Instagram anbietet, zu nutzen. Mit der Zeit lernt man auch, welche Bilder oder welche Bild-Text-Kombinationen funktionieren – und welche nicht. Es ist uns wichtig, eine gute Mischung zu haben, sowohl von schönen Bildern, die unsere Produkte zeigen, als auch von Backstage-Fotos. Das werten wir anschließend auch mit den üblichen Tools wie Google Analytics oder Instagram-Insights aus.

Wäre Coffee Circle eigentlich auch ohne Social Media so schnell so groß geworden?

Die Kanäle tragen sicher einen großen Teil dazu bei, dass Kunden uns lieben lernen. Kunden, die uns beispielsweise über Instagram folgen und kaufen, sind nämlich wesentlich loyaler als Kunden, die uns nicht folgen.

Expertenmeinung

Julia Berger über Coffee Circle

„Coffee Circle hat von Anfang an großen Wert auf Kundenbindung und Transparenz gelegt. Und sie waren einer der Ersten, die nicht nur ihre Produkte gezeigt haben, sondern auch ganz viel Wissen über Kaffee und seine Zubereitung vermittelt haben. Sie sind sehr kundenzentriert, und das finde ich gut. Wer ihnen auf Instagram folgt, lernt das ganze Team kennen. Dadurch gelingt es ihnen, eine so starke Vertrautheit und Nähe zu den Kunden zu entwickeln, dass der User das Gefühl bekommt, wenn ich meinen Kaffee dort kaufe, kaufe ich quasi bei Freunden ein. Deren Zufriedenheit ist ihnen aber auch sehr wichtig: Wer beispielsweise auf Facebook schreibt: ,Mein Paket kam zwei Tage zu spät an‘, bekommt direkt eine Entschuldigungskarte und eine Probe von einem anderen Kaffee. Sie kommunizieren wirklich mit ihren Kunden. Das Ergebnis ist ein besonders enges Verhältnis zu ihnen; ein Verhältnis, das fast nicht besser sein kann.“

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Kommentare

Prima Thema, gut aufbereitet. Danke.
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Antonia Kemper
Titelfoto: © Pogonici/iStock

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