Geschichte der Bundesagentur für Arbeit

„Vertrauen steht seit jeher im Zentrum“

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
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Seit mittlerweile 70 Jahren ist die Bundesagentur für Arbeit die wichtigste Anlaufstelle in Jobfragen – sowohl für Arbeitnehmende als auch Arbeitgebende. Dabei hat sie sich ständig weiterentwickelt und ihr Angebot ausgebaut. Über die Entwicklung der Bundesagentur als Dienstleisterin für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die wichtigsten Reformen und die aktuellen Trends hat Faktor A mit dem Historiker Dieter Maier gesprochen.

2019 bewerteten laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 90 Prozent der befragten Betriebe den Arbeitgeber-Service der Bundesagentur für Arbeit (BA) als „sehr gut“, „gut“ oder „befriedigend“. Das sind gute Zahlen – doch bis dahin war es ein weiter Weg. Wie weit dieser wirklich war, zeigt sich im Gespräch mit Dieter Maier, einem ehemaligen Dozenten der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. Maier weist auf die Startschwierigkeiten hin, mit denen sich die heutige BA bei ihrer Neugründung 1952 konfrontiert sah: „Die Menschen kannten vor allem die repressive Lenkung des Arbeitsmarkts während der NS-Zeit.“ Im Nationalsozialismus war die Arbeitsverwaltung so umgestaltet worden, dass sie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beinahe beliebig zwischen einzelnen Betrieben hin und her schieben konnte. „Besonders während des Kriegs geschah das häufig, weil Rüstungsunternehmen immer mehr Arbeitskräfte benötigten. Daher wurden diese von anderen Betrieben abgezogen“, erzählt Maier. Auch die Siegermächte hatten diese Lenkungspraxis aufgrund der vielen Geflüchteten und Vertriebenen nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht 1945 zunächst weitergeführt, geändert hat sich dies erst mit der Einführung des Grundgesetzes 1949 und der Neuformulierung des Kündigungsschutzgesetzes. Ein wichtiges Element beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland war dann die Gründung der Bun­desanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (BAVAV) mit Hauptsitz in Nürnberg.

Selbstverwaltungsprinzip: eine 100-jährige Erfolgsgeschichte

Das nun maßgebliche Selbstverwaltungsprinzip der Bundesanstalt war allerdings keine Erfindung der Nachkriegszeit: Schon 1920 wurde das Reichsamt für Arbeitsvermittlung als eigenständige Behörde unter Aufsicht des Reichsarbeitsministeriums installiert. Aus diesem ging 1927 mit der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung die Vorläuferin der heutigen Bundesagentur hervor. Die Reichsanstalt war eine Körperschaft öffentlichen Rechts und verwaltete sich selbst – allerdings nur sechs Jahre lang. Denn mit der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 begann die Abschaffung des Selbstverwaltungsprinzips bis hin zur beschriebenen Lenkungspraxis.

Dies waren also die Vorzeichen, unter denen die Bundesagentur 1952 gegründet wurde. „Das Arbeitsamt, wie die BA damals hieß, genoss anfangs keinen guten Ruf – weder bei Arbeitnehmenden noch bei Arbeitgebenden“, sagt Maier. Aber das Bild habe sich schnell gewandelt, denn mit dem Wirtschaftswunder, dessen Blütezeit in den 1950er-Jahren begann, sank die Arbeitslosenquote auf ein historisches Minimum. Arbeitskräftemangel war die Folge, 1955 reagierte die Bundesrepublik mit der Anwerbung von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern.

Seit jeher steht das Vertrauen im Zentrum

Doch nicht nur das Prinzip der Selbstverwaltung wurde aus den 1920er-Jahren übernommen. Es tauchte auch früh ein Wort auf, das in den vergangenen Jahren eine Hochkonjunktur erleben sollte: Dienstleistung. „Öffnungszeiten, Sprechzeiten, Öffentlichkeitsarbeit, fachlich kompetentes und sozial aufgeschlossenes Personal, enger Kontakt zu den Betrieben, auch um sich über die neuen Entwicklungen in den Berufen und die betrieblichen Veränderungen informieren zu können – all das ist heute selbstverständlich“, erzählt Maier. In den 1920er-Jahren und auch bei der Neugründung seien es hingegen noch neue und wichtige Ansatzpunkte gewesen, ebenso wie der Ausbau der Fach- und Beratungsdienste. „Das Vertrauen der Kundinnen und Kunden steht seit jeher für die Bundesagentur und ihre Vorgänger-Institutionen im Zentrum“, ordnet Maier das Selbstverständnis der Agentur ein.

Arbeitsförderungsgesetz: der erste große Strukturwandel

Der erste große Strukturwandel der mittlerweile 17-jährigen Bundesanstalt wurde 1969 vollzogen. Durch das Inkrafttreten des Arbeitsförderungsgesetzes (AFG) änderte sich die Arbeitsmarktpolitik grundlegend. „Umschulung und Weiterbildung wurden nun sehr großzügig finanziert“, erzählt Maier. Das sei von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern gleichermaßen gut angenommen worden. Wie weitreichend die Veränderungen durch das AFG waren, zeigte sich bereits an den Kostenpunkten: War vorher das Arbeitslosengeld der größte Kostenfaktor gewesen, gab die Bundesanstalt nun das meiste Geld für die Um- und Weiterbildung von Beschäftigten aus.

Doch nach dem Wunder folgte der wirtschaftliche Einbruch Mitte der 1970er-Jahre, die Arbeitslosenzahlen stiegen. Lange Schlangen Arbeitsuchender vor den Ämtern, verspätete Zahlungen an die Antragstellenden – 1985 war das Ansehen des Arbeitsamtes bei Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden auf einen Tiefpunkt gesunken. Und mit der Wende kamen neue Herausforderungen.

Hartz-Reformen vereinfachen den Kontakt mit der Bundesagentur

Schon in den 1990er-Jahren gab es aus dem Inneren der Behörde selbst Reformwünsche. Modellversuche in verschiedenen Dienststellen sollten ermitteln, wie die Arbeit effizienter gestaltet werden könne. Viele dieser Erkenntnisse flossen direkt in die Hartz-Reformen ein, die zwischen 2003 und 2005 umgesetzt wurden. „Vorher betreute eine Vermittlungsstelle bzw. ein Berufsbereich gleichzeitig die Arbeitsuchenden wie auch die Betriebe. Das hatte zur Folge, dass ein Unternehmen, das gleichzeitig eine Elektrikerin, eine Buchhalterin und einen Hausmeister einstellen wollte, mit drei verschiedenen Vermittlungskräften sprechen musste“, erzählt Maier. Mit der Einrichtung des Arbeitgeber-Services wurde jedem Unternehmen eine feste Ansprechperson für alle Anliegen zur Seite gestellt.

Seitdem hat sich vor allem auf technischer Seite viel getan. Die Bundesagentur für Arbeit hat ihre Services früh digitalisiert, um schnell und rund um die Uhr für die Arbeitgebenden erreichbar zu sein. „Jetzt nehmen auch Kleinbetriebe durch die E-Services die Leistungen der Arbeitsagentur stärker in Anspruch“, sagt Maier und verweist dabei auf deutlich steigende Zahlen zwischen 2000 und 2015.

„Die Verteilung des Kurzarbeitergeldes hat kaum für Schlagzeilen gesorgt“

Und Corona? „Zum hohen Ansehen der Arbeitsagentur trägt auch bei, dass das Kurzarbeitergeld kaum für negative Schlagzeilen gesorgt hat“, fasst Maier die gute Arbeit der Agentur zusammen. „Viele Kolleginnen und Kollegen waren in den letzten Monaten speziell für Antragsprüfungen und die Auszahlung des Geldes abgestellt.“ Besonders im Verhältnis zu noch ausstehenden Förderungen und Unterstützungen anderer Behörden zeige sich, wie gut organisiert und schnell die Arbeitsagentur auch während der Pandemie funktioniert

Trotzdem, merkt Maier an, gebe es noch immer offene Aufgaben: „Schon seit rund 35 Jahren wird das Personal besonders geschult und werden die Strukturen enthierarchisiert. Die Digitalisierung ist nicht das Ende, es geht immer noch besser. Das war, ist und bleibt der Anspruch der Bundesagentur für Arbeit.“

Für Geschichtsinteressierte

Wie alles begann …

Die Bundesagentur für Arbeit hat im Jahr 2017 eine 28-seitige Broschüre über „Die Geschichte der deutschen Arbeitsverwaltung“ herausgegeben, die Sie als PDF herunterladen können. Neben informativen Grafiken sind dort einige Artikel zusammengestellt, die wichtige Phasen und Umbrüche näher beleuchten – von der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Digitalisierung der Dienstleistungen der Bundesagentur für Arbeit.

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Per Horstmann
Titelfoto: © natasaadzic/iStock

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