6 statt 8 Stunden arbeitet man bei der Firma Bike Citizens - und verdient trotzdem 100 Prozent.

Neue Ar­beits­zeit­mo­del­le

Voll­zeit ver­die­nen, Teil­zeit ar­bei­ten

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Vor fünf Jahren führte das Berliner Start-up Bike Citizens die 4-Tage-Woche ein, damals noch mit angepasstem Gehalt. Mittlerweile ist Bike Citizens ein junges Unternehmen, gearbeitet wird noch immer nur vier Tage pro Woche, verdient allerdings auf Vollzeitniveau. Geschäftsführer Andreas Stückl erzählt, wie sich das Modell auf Kundenkontakt, Work-Life-Balance und die Bereitschaft zur Mehrarbeit auswirkt.

Faktor A: Wann fängt der Arbeitstag bei Bike Citizens an?

Andreas Stückl: Wir haben eine Kernzeit von 9 bis 15 Uhr. Manche kommen schon um 7 Uhr, andere gehen erst um 19 Uhr nach Hause. Die Mitarbeiter hängen einfach vorne oder hinten Arbeitszeit dran, sodass sie bei einer Vollzeitstelle auf 36 Wochenstunden kommen. Gearbeitet wird von Montag bis Donnerstag, der Freitag ist frei.

Ist diese 4-Tage-Woche auch für Sie als Geschäftsführer machbar?

Natürlich! Schließlich war das einer der Hauptgründe, die 4-Tage-Woche einzuführen.
Manchmal finden am Wochenende Messen oder Konferenzen statt, zu denen unser Außendienst oder ich selbst fahre, aber die zusätzlichen Stunden werden in der Folgewoche abgebaut. Sinn und Zweck der 4-Tage-Woche ist es, dass man eine so ausgewogene Work-Life-Balance aufbaut, dass man auch mal eine Konferenz am Samstag rockt.

Anfangs wurden 36 Stunden gearbeitet und auch 36 Stunden bezahlt. Mittlerweile sprechen Sie von einer 36-Stunden-Woche bei Vollzeitlohn. Wann haben Sie das Gehalt angehoben?

Das höhere Lohnniveau hat gar nicht so sehr mit 36 oder 40 Stunden zu tun. Unser Umsatz ist gestiegen, daran wollten wir unsere Mitarbeiter teilhaben lassen. Es ist für mich logisch, dass das Gehalt bei erfolgreicher Arbeit steigen muss, um das Personal bei der Stange zu halten.

Beschäftigen Sie auch Teilzeitkräfte?

Wir sind sehr flexibel: von Leuten, die nur acht Stunden pro Woche da sind, über eine Kollegin, die Mutter geworden ist und daher viel im Home-Office arbeitet, bis zu einem Mitarbeiter, der jeden Tag etwas früher nach Hause geht, um sich um seine Kinder zu kümmern und diese Zeit mit Home-Office am Freitag ausgleicht. Der Großteil unserer 25 Mitarbeiter arbeitet Vollzeit.

Wie sieht es mit der Bereitschaft zu Überstunden aus?

Unser Geschäft ist saisonal. Im April, Mai und Juni ist am meisten los. Wenn es da mal länger wird, ist das kein Problem. Da jammert niemand, einfach weil die Balance stimmt.
Mai ist ein arbeitsintensiver Monat, der zugleich viele Feiertage hat. Fällt so ein Feiertag zum Beispiel auf einen Dienstag, wird in der folgenden Woche an fünf Tagen gearbeitet, sodass am Ende in Summe eine 4-Tage-Woche steht.

Beeinflussen die eingeschränkten Arbeitszeiten den Kontakt mit Kunden oder Geschäftspartnern?

Die Wahl des freien Tages fiel damals bewusst auf den Freitag, weil da am Nachmittag viele Firmen und Behörden nur mehr eingeschränkt besetzt sind. Bisher gab es keinen Kunden, der sauer war, weil er uns am Freitag nicht erreicht hat, wir kommunizieren unsere 4-Tage-Woche ja. Im Gegenteil: Die meisten freuen sich für uns und wünschen sich das für ihr eigenes Arbeitsleben.

Wie wirkt sich die 4-Tage-Woche auf die Gesundheit Ihres Teams bzw. den Krankenstand bei Bike Citizens aus?

Wenn die Arbeit stressig ist, dann ist sie nur vier statt fünf Tage stressig. Ob jemand gesund oder häufig krank ist, dafür gibt es aber viele Gründe. Das Fahrrad ist für unsere Mitarbeiter Verkehrsmittel Nummer eins, denn dafür steht unser Unternehmen. Die tägliche Bewegung spielt für die Gesundheit vermutlich auch eine wichtige Rolle. Genau ausgewertet haben wir die Krankheitsstatistik aber nicht.

Andreas Stückl ist Geschäftsführer bei Bike Citizens
© Bike Citizens

Vom Fahrradkurier über den Start-up-Gründer zum etablierten Jungunternehmer: Andreas Stückl.

Wie sehr ist die 4-Tage-Woche ein Faktor, der qualifizierte Bewerber anlockt?

Heutige Absolventen haben andere Erwartungen an ihr Leben, die Work-Life-Balance steht im Zentrum. Wir haben genügend Bewerber. Die meisten Leute bewerben sich aber, weil ihnen unser Unternehmenszweck zusagt, die 4-Tage-Woche ist eher das i-Tüpfelchen. Wenn ich die Wahl habe, vier Tage am Fließband zu stehen oder fünf Tage genau das zu tun, was ich schon immer machen wollte, dann wähle ich trotzdem den 5-Tage-Job.

Ist die 4-Tage-Woche das Nonplusultra, oder überlegen Sie, andere Modelle einzuführen?

Es steht immer wieder im Raum, die Arbeitszeit von 36 auf 32 Stunden zu reduzieren. Ich bin unsicher, ob neun Stunden Arbeitszeit auch eine hohe Effizienz ermöglicht. Unter Umständen arbeiten wir mit einem Pensum von acht Stunden vielleicht sogar besser.

Das heißt, die nächste Arbeitszeitverkürzung bei Bike Citizens ist schon geplant?

Wir haben uns in letzter Zeit eher mit dem Inhalt als den Bedingungen unserer Arbeit beschäftigt. Bei jeder Reduktion muss man sich die Struktur, interne Abläufe und Meetings anschauen. Man muss den Arbeitstag effizienter gestalten, ohne dass er gleichzeitig stressiger wird. Wir wollen ja nicht den Austausch beim Kaffee zwischendurch wegrationalisieren. Es gab damals bei der Umstellung von 38,5 auf 36 Stunden einige unsinnige Arbeitsabläufe. Die muss man finden und streichen, nicht die Pausen zwischendrin.

„Das Gehalt muss bei erfolgreicher Arbeit steigen, um das Personal bei der Stange zu halten.“

Wird sich die 4-Tage-Woche irgendwann auch in anderen Branchen als Standard-Arbeitszeitmodell durchsetzen?

Ich sehe sie jedenfalls als das Modell für den Kreativbereich. Die richtige Balance zwischen Arbeit und Freizeit beflügelt die Kreativität. Außerdem ist das Team motivierter. Als Bürger würde ich mir die 4-Tage-Woche für alle Branchen wünschen, denn dadurch stiege die Zeit, die man in die Gesellschaft investieren kann. Mit der Technologie, die uns heutzutage zur Verfügung steht, müsste es eigentlich drin sein, weniger zu arbeiten.

Was ist Ihre Empfehlung für Unternehmen, die über eine Verkürzung nachdenken?

Wir haben nicht in einer finanziell kritischen Phase auf die 4-Tage-Woche umgestellt, sondern als es bereits gut lief. Wir wählten als Startzeitpunkt den August, bei uns saisonal bedingt ein Monat mit weniger Geschäft. Es war als Pilotprojekt auf drei Monate angelegt, und wir haben mit jedem einzelnen Mitarbeiter gesprochen. So eine Umstellung ist mit viel Management und interner Kommunikation verbunden.

Infografik Vollzeit verdienen, Teilzeit arbeiten
© Territory

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Kommentare

Wenn Feiertage nachgearbeitet werden müssen, bleibt ja nicht mehr viel von Verkürzung der Wochenarbeitszeit übrig, weil sich die reduzierten Stunden zum großen Teil gegen die nachgearbeiteten Feiertagen aufrechnen.

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Julia Fröhleke
Titelfoto: © Vera Lair/Stocksy

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