Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung

Wer sich am Gemeinwohl orientiert, gewinnt Kunden und Fachkräfte

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Es sind nicht nur Biohöfe, die Diakonie und Greenpeace dabei: Immer mehr Unternehmen verpflichten sich dem Gemeinwohl und erstellen ihren ökosozialen Kontoauszug. Einerseits aus ganz persönlicher Motivation, andererseits weil es hilft, Mitarbeitende anzuwerben, zu halten und Aufträge zu bekommen.

Wer ökologische Nachhaltigkeit, Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, aber auch Transparenz und Mitentscheidung verwirklicht, kann mit seinem Unternehmen finanziell nicht erfolgreich sein? Nein, sagen bereits viele Hundert Unternehmerinnen und Unternehmer in der DACH-Region – sie alle haben eine sogenannte Gemeinwohl-Bilanz erstellt, die zeigt, wie sie mit genau diesen Aspekten umgehen. Zwei davon sind Stefan Maier und Ole Langbehn. Sie sagen einstimmig: Es lohnt sich, sozialökologisch zu wirtschaften – und es nach außen zu zeigen.

Kundengewinnung durch Nachhaltigkeit

Stefan Maier hat bereits einige eindrucksvolle Situationen erlebt. Er ist Geschäftsführer von Prior1, einem Unternehmen, das sich mit 74 Mitarbeitenden und 14,5 Millionen Euro Umsatz erfolgreich um die Gebäudeinfrastruktur von Rechenzentren kümmert. „Wir haben auch schon Aufträge aufgrund der Gemeinwohl-Bilanz bekommen. Einmal ging es um einen Rechenzentrumscontainer, ein Auftrag über 270.000 Euro. Wir waren eigentlich schon fast raus aus dem Vergabeverfahren. An eine Mail hat der Vertrieb dann noch die Gemeinwohl-Bilanz drangehängt – und eine Woche später hatten wir den Auftrag, unverhandelt“, sagt Maier. Auch Ole Langbehn erhält von Kunden, Mitarbeitern und Bewerbern positives Feedback auf die Gemeinwohl-Bilanz: Mit seinem auf die Skalierung von Digitalisierungsprojekten spezialisierten Unternehmen inoio und seinen 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat er sie 2021 veröffentlicht.

Die beiden Geschäftsführer und ihr Team mussten dafür zahlreiche Aspekte des Unternehmens beleuchten: ökologische Nachhaltigkeit in der Zulieferkette, sozialökologische Investitionen, innerbetriebliche Mitentscheidung der Mitarbeitenden, ethische Kundenbeziehungen, Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte. Das sind nur fünf von 20 Feldern der sogenannten Gemeinwohl-Matrix, auf deren Basis die Bilanz erstellt wird. Zugrunde liegt dieser die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), die der österreichische Autor Christian Felber erstmals 2010 in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat. Die mittlerweile internationale gesellschaftliche Bewegung, die zahlreiche namhafte Unternehmen unterstützen, will ein ethisches Wirtschaftsmodell etablieren, welches das Wohl von Mensch und Umwelt zum obersten Ziel des Wirtschaftens erklärt.

Hintergrund

Gemeinwohl-Ökonomie – GWÖ

Insgesamt haben 822 Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz laut GWÖ bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Die Organisation finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Privatpersonen und Unternehmen zahlen, gestaffelt nach Anzahl der Mitarbeitenden, unterschiedlich hohe Beiträge. Mitglieder können eine Bilanz mit offiziellem Testat veröffentlichen. Es gibt auch freiberufliche von der GWÖ ausgebildete Beratende, die bei der Erstellung helfen. Vor der Veröffentlichung wird die Bilanz unabhängig auditiert und gilt dann für zwei Jahre.

Soziale und nachhaltige Maßnahmen sind alleine schwer zu bewerten

Für Ole Langbehn von inoio in Hamburg hat eine Bewegung im Jahr 2019 den Anstoß gegeben. „Fridays for Future hat uns wachgeküsst. Klar war schon so ein Mindset da – aber ab da haben wir überlegt, wie wir noch mehr beitragen können. Schnell wussten wir, es geht nicht nur ums Private, sondern auch um die Firma. Erst haben wir selbst geschaut, welche Maßnahmen wir umsetzen können, aber es war total schwer, deren Wirksamkeit zu bewerten und die besten zu identifizieren.“ So kam er auf die GWÖ.

Stefan Maier, Geschäftsführer von Prior1
© Prior1

Stefan Maier von Prior1 kam aus der anderen Richtung, hatte also zunächst einen Schwerpunkt auf dem nachhaltigen und sozialethischen Umgang mit den Mitarbeitenden sowie Kundinnen und Kunden, bevor ökologische Aspekte hinzukamen. „Dann wollten wir es aber ganzheitlicher angehen: Wir hatten so viele einzelne Enden und haben überlegt: Wie bringen wir das zusammen? Die GWÖ war eine wunderbare Klammer und ist da sehr wertvoll für uns“, sagt Maier.

Die Bilanz zu erstellen ist anstrengend und kostet viel Zeit, da sind sich beide einig. Initiator Christian Felber beschreibt es so: „Ganz pragmatisch gesehen durchleuchtet ein Unternehmen im Zuge der Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz sämtliche Prozesse aus einer 360-Grad-Perspektive. Das hilft, Effizienzpotenziale zu heben, die nicht auf Kosten der Humanität oder Ökologie gehen.“ Das wirke anziehend auf Mitarbeitende, Konsumenten und Geldgeber.

Bewerbungen der Fachkräfte nehmen zu

Die Beobachtung mit den Mitarbeitenden haben die Geschäftsführer von inoio und Prior1 auch schon gemacht. Ole Langbehn sagt: „Ich habe gemerkt, dass es deutlich mehr Bewerbungen gibt, und auch die Art und Weise hat sich verändert. Die Leute sprechen dann auch davon, dass sie unsere Gemeinwohl-Bilanz gelesen haben und dadurch gesehen haben, was uns wichtig ist.“ Als Unternehmer aus dem IT-Bereich ist Langbehn die ständige Suche nach Fachkräften gewöhnt, Fachkräftemangel gibt es für ihn seit „gefühlt zwölf Jahren“.

Ole Langbehn mit dem Team von inoio
© Marc Brüneke

Ole Langbehn (hintere Reihe, ganz links) und sein Team von inoio

Daher ist er froh über die GWÖ-Bilanz: „Früher war das Interesse sehr techlastig, und die Leute haben sich deshalb bei uns beworben. Heute kommt zu dem Techaspekt dazu, dass die Bewerberinnen und Bewerber unsere Unternehmenskultur, den Umgang mit den Mitarbeitenden und das nachhaltige Engagement gut finden.“

Mitarbeitende könnten in anderen Unternehmen mehr verdienen

Auch Stefan Maier merkt das mit Prior1 im nordrhein-westfälischen Sankt Augustin. „Die jungen Leute haben heute andere Werte. Ein großer Firmenwagen, eine 60-Stunden-Woche und 8000 Euro auf dem Konto? Das passt nicht mehr. Wir zeigen: Wir gehen anders mit euch um. Und das wird von den Bewerbern wahrgenommen.“ Maier sieht aber nicht nur Vorteile beim Anwerben der Fachkräfte, sondern auch beim Halten – er verzeichnet eine sehr geringe Fluktuation: „Mitarbeiter bleiben, obwohl sie ganz klar sagen, dass sie woanders mehr verdienen könnten. Da ist ein Wandel: Monetäre Anreize gibt es nur bis zu einer bestimmten Grenze, auf einer relativ geringen Schwelle kommt dann aber schon die Nachhaltigkeit als ganz entscheidender Faktor dazu.“

„Mitarbeiter bleiben, obwohl sie ganz klar sagen, dass sie woanders mehr verdienen könnten.“Stefan Maier

Auch Christian Felber beobachtet dies bei zahlreichen der GWÖ-bilanzierenden Unternehmen: „Die Gemeinwohl-Bilanz hat sich als regelrechter Magnet erwiesen, was Arbeitskräfte betrifft. Die Sparda Bank München verzeichnet eine Verdopplung der Initiativbewerbungen, seit bekannt ist, dass sie regelmäßig eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Andere Unternehmen erwähnen diese Praxis explizit in den Stellenausschreibungen, weil es zu einem Teil ihrer Identität geworden ist.“

Ganz wichtig ist für die Unternehmer Langbehn und Maier die persönliche intrinsische Motivation als Mensch – und das gute Gefühl, etwas zu verändern, wenn man nachhaltig und sozial wirtschaftet. Stefan Maier sagt: „Wirtschaftlicher Erfolg ist ja nicht nur der nächste Jahresabschluss. Als Unternehmer denke ich an die langfristige Sicherung der Firmenexistenz. Das heißt, ich muss auch die Existenz der Erde und der Menschen sichern, wenn das Unternehmen fortbestehen soll.“

Unternehmenscheck durch Gemeinwohl-Bilanz

Wo sind wir gut, wo ist noch Potenzial?

Die Gemeinwohl-Bilanz ist für viele Unternehmen auch ein Mittel, um überhaupt herauszufinden, wo sie schon gut aufgestellt sind und wo noch nachgebessert werden muss.

Ole Langbehn, inoio: „Wir sind gut beim Thema Mitarbeitende, Partizipation, Selbstbestimmung und Transparenz: Da haben wir richtig abgeräumt. Wenig Punkte haben wir beim Thema Eigentum: Klar, in einer GmbH haben letztlich die Gesellschafter sämtliche Entscheidungsmacht und profitieren allein vom Gewinn. Wir denken daher gerade über eine andere Eigentumsform wie zum Beispiel Verantwortungseigentum nach.“

Stefan Maier, Prior1: „Wir dachten, dass wir beim Thema Geldmittel schon sehr gut aufgestellt sind, denn wir haben unser Konto bei einer Ökobank. Wie viel mehr Nachhaltigkeit geht noch? Durch die Bilanz ist dann aber aufgefallen, dass unsere geleasten Fahrzeuge oder Bürgschaften gar nicht nachhaltig finanziert waren. Das ändern wir nun. Einiges kann man aber auch nicht ändern: Unser Unternehmenszweck ist, Rechenzentren zu bauen, wir sind kein Pflegeheim und keine NGO. Auch unsere Eigentümerstruktur als GmbH schneidet nicht gut ab. Sie steht für uns aber nicht zur Diskussion. Das finde ich gut an der Bilanz: Ich kann in den Spiegel schauen und sehe, was ich tue. Und dann kann ich entscheiden: Was will ich ändern und was nicht.“

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Maria Zeitler
Titelfoto: © iStock/Khanchit Khirisutchalual