Ein Jahr Corona

Wie kommen Unternehmen durch die Pandemie?

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
Zum Lesen scrollen

In unserer Serie „Firmen trotzen der Krise“ haben wir im vergangenen Jahr Unternehmen vorgestellt, die in der Pandemie neue Wege gegangen sind. Beim Messebauer Depla und dem Uhrenhersteller Sternglas haben wir nachgefragt, welche Hürden sie weiter nehmen mussten und welche Ideen sich wirklich durchgesetzt haben.

Uhrenhersteller Sternglas

„Einfach mal machen“

Dustin Fontaine, 31, ist Inhaber des Armbanduhren-Start-ups Sternglas. Als im ersten Lockdown die Geschäfte schließen mussten, brach ein Drittel des Umsatzes weg. Deswegen stellte er sein Business um und bot kurzerhand Juwelieren Baukastensysteme für Online-Shops an. Hier erzählt er, was aus seiner Idee wurde.

„Um es vorwegzunehmen: Das ist kein neuer großer Zweig für uns geworden. Wir haben zwölf Shoplösungen gebaut – für Juweliere, aber auch etwa für einen Concept Store in Hamburg. Für die Kunden bedeutete es, dass sie ihren Umsatz zum großen Teil halten konnten. Und für uns, dass ich keinen meiner 22 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken musste.

Dustin Fontaine, Geschäftsführer Sternglas
© Sternglas

Dustin Fontaine ist Gründer der Uhrenmarke Sternglas.

Was ich dabei gelernt habe: Es ist möglich, sein Team mitzunehmen und von einem Tag auf den anderen etwas völlig Neues zu machen. Das war wahnsinnig spannend. Aber auch, dass das Agenturgeschäft, wo es ja primär um Dienstleistungen geht, nicht unser Ding ist. Da war nach ein paar Monaten bei uns allen ein wenig die Luft raus. Deswegen war es gut, dass wir uns ab Juli, als der Lockdown erst mal vorbei war, wieder voll auf unser Kerngeschäft konzentrieren konnten.

Die Härte des zweiten Lockdowns

Bis November und auch in den Dezember rein lief es richtig gut für uns. Aber mit dem zweiten Lockdown kurz vor Weihnachten ist das Geschäft komplett eingebrochen. Das hat uns hart getroffen. Im Januar lagen wir, was den Bereich Retail angeht, bei zehn Prozent verglichen zum Vorjahr. Das konnten wir nicht mehr ausgleichen. Deswegen ging es dann auch bei uns mit der Kurzarbeit los. Click and Meet hat uns eine Zeitlang noch geholfen, aber auch das war ja schnell wieder vorbei. Zum Glück haben wir mit Online ein zweites, starkes Standbein. Deswegen kommen wir trotz allem einigermaßen gut durch die Krise.

Weil wir aber schon geahnt hatten, dass es im ersten Quartal schwierig werden könnte, haben wir uns dieses Mal deutlich besser darauf vorbereitet und ordentlich Gas gegeben: Schon im Januar sind wir mit einer Kickstarter-Kampagne an den Start gegangen. Damit haben wir 350.000 Euro eingenommen. Die Kunden konnten dabei schon im Voraus eine Uhr kaufen, die sie aber erst im April ausgeliefert bekommen haben. Das Crowdfunding hat uns gut durch den Januar gebracht. Sonst wäre es richtig düster geworden.
Und im Februar haben wir ein neues Modell rausgebracht, bei dem wir einen Teil der Erlöse an einen Verein gespendet haben, der sich für die Reduktion von Meeresplastik einsetzt. Das kam gut bei den Kunden an. Mit diesen beiden Projekten waren wir ganz gut aufgestellt.

Remote first: langfristig im Homeoffice

Wir haben das letzte Jahr außerdem dazu genutzt, unsere Arbeitsabläufe zu ändern und eine neue Strategie zu entwickeln. Bei uns gilt jetzt: remote first. Das bedeutet: Wir haben die Firma so umgebaut, dass langfristig alles aus dem Homeoffice stattfinden kann. Meetings werden bei uns nur noch über Videocalls gemacht. Auch in Zukunft. Fürs Recruiting bedeutet es, dass wir jetzt auch deutschlandweit einstellen.

Schon vor der Pandemie hat etwa ein Viertel unserer Mitarbeiter im Homeoffice gearbeitet. Aber die waren nie richtig integriert. Die neue Strategie hat uns deswegen auch als Team weiter zusammengeschweißt. Wir haben zweimal am Tag einen Kaffee-Call, bei dem ein Videochat offen ist, in den jeder reinkommen kann. Und auch unsere Teamabende laufen nun remote. Statt wie früher im Büro bei Pizza und Bier zusammenzusitzen, gibt es jetzt für jeden ein Lieferando-Guthaben, das die Firma bezahlt, und dazu Spiele, die jeder vom Handy oder Rechner aus mitmachen kann.

„Die Krise hat ein paar Schalter im Kopf umgelegt.“

Für uns als Unternehmen ist die Pandemie, so übel sie ist, tatsächlich eine Riesenchance. Alleine schon, weil wir feststellen, dass auch B2B-Partner auf einmal neue Wege gehen und uns nun auf dem Radar haben, weil auch sie sich weiterentwickeln und verändern wollen.

Und auch bei mir persönlich hat die Krise dazu beigetragen, dass sich ein paar Schalter im Kopf umgelegt haben. Gedanken wie ,Das können wir nicht machen, das passt nicht zu uns‘ habe ich über Bord geworfen. Wir probieren es einfach aus. Wenn es angenommen wird, ist es super. Wenn nicht, machen wir uns an die nächste Idee.“

Christoph Schumacher, DEPLA Messebau

„Wir sind maximal flexibel“

Christoph Schumacher, 44, ist Geschäftsführer der DEPLA Messebau GmbH in Elmshorn. Im Januar 2020 hatte er den Betrieb neu übernommen – dann kam Corona, und das Geschäft stand still. Um seinen Mitarbeitern eine Perspektive zu bieten, hatte er die Idee, mobile Testboxen und Begegnungsboxen für Pflege- und Altenheime zu entwickeln und zu bauen. Hier erzählt er, was daraus wurde.

„Die Testbox, das muss ich leider so klar sagen, wollte damals keiner haben. Und das lag nicht daran, dass niemand davon wusste. Vom Bundeswirtschaftsministerium über das Gesundheitsministerium bis hin zur Kassenärztlichen Vereinigung: Ich habe alle angeschrieben. 30 bis 40 E-Mails täglich habe ich verschickt. Alle fanden die Idee gut, fanden es richtig und wichtig, früh mit dem Testen anzufangen, um schneller aus der Krise rauszukommen. Umgesetzt hat es leider keiner.

Ähnlich war es mit der Weiterentwicklung: einer Begegnungsbox für Pflege- und Altenheime, mit der die Bewohner nicht auf Besuch hätten verzichten müssen und sozial nicht so isoliert gewesen wären. Ich habe sowohl die großen Träger auf Vorstandsebene angeschrieben als auch die Verbände und einzelne Pflegeheime. 4500 Euro sollte so eine Box kosten. Eine einzige habe ich verkauft bekommen. Der Wille war nicht da. Es war anscheinend viel einfacher, die Leute in ihren Zimmern zu lassen. So eine Box bedeutet Mehraufwand. Sie muss desinfiziert werden, es braucht jemanden, der sich drum kümmert. Dazu war wohl keiner bereit. Und viele meinten: ,Wir müssen jetzt erst mal sparen.‘ Deswegen habe ich meine Bemühungen wieder eingestellt.

Testbox versus Testmobil Corona
© DEPLA Messebau

Wo 2020 noch die mobile Testbox von DEPLA stand, parkt ein Jahr später das Corona-Testmobil der Stadt Flensburg.

Wie man damit umgeht? Aufrichten, nach vorne gucken, neue Ideen entwickeln. Und etwas Positives daraus ziehen. Für uns als Unternehmen waren die Boxen als Leuchtturmprojekte trotzdem gut. Während unsere Mitbewerber noch in der anfänglichen Schockstarre verharrten, haben wir schon gemacht. Das hat meine Mitarbeiter motiviert – und mich auch.

Flaute im Messebau

Was unser eigentliches Geschäft angeht, den Messebau, ist gerade überhaupt nichts zu tun. Normalerweise haben wir zwei Hochzeiten: das Frühjahr mit dem März und April und den Herbst mit dem September und Oktober. Das Frühjahr ist uns schon komplett weggebrochen. Und selbst unser Herbstgeschäft rückt gerade in weite Ferne. Wir haben lange Vorlaufzeiten und müssten jetzt, nach Ostern, so langsam mit den Vorbereitungen beginnen. Aber bei unseren Kunden ist noch Vorsicht angesagt, weil sich noch keine klare Perspektive abzeichnet. Verständlich. Und trotzdem können wir jetzt nicht komplett umschwenken, z. B. in den Bereich Ladenbau oder Ähnliches. Weil es eben immer noch die Möglichkeit gibt, dass es im Sommer losgeht – und dann brauche ich alle meine 30 Mitarbeiter auf einen Schlag.

Die Messebranche ist eben mit am härtesten von der Pandemie betroffen. Lieferanten, Zulieferer für Mietmöbel oder Technik, alle haben zu kämpfen. Einige sind schon in die Insolvenz gegangen. Die Gastronomen hatten wenigstens noch einen starken Sommer. Das können wir nicht behaupten.

Digitale Neuaufstellung

Dafür haben wir das vergangene Jahr genutzt und uns digital besser aufgestellt. Für einige unserer Kunden haben wir virtuelle Messestände und digitale Welten gebaut. Gerade sitzen wir für einen unserer Kunden aus dem Automotive-Bereich an einer digitalen Produktionshalle, in der sich die Kunden interaktiv durch die Räume bewegen und sich über einzelne Produkte informieren können. Da sind wir im letzten Jahr deutlich weitergekommen.

Christoph Schumacher, DEPLA Messebau GmbH
© PR

Christoph Schumacher: „Abwarten ist nicht meine Stärke.“

Und auch außerhalb des Messebetriebs liefen ein paar spannende Projekte, für die wir immer wieder Mitarbeiter für mehrere Monate aus der Kurzarbeit rausholen konnten. Wir haben zum Beispiel für einen großen Energydrink-Hersteller einen Prototyp aus Aluminium für Marketingzwecke konstruiert und gebaut, der nun in Kleinserie gefertigt wird. Und für das abgeschaltete Atomkraftwerk Krümmel haben wir Büroräume für das Team geschaffen, das es abwickeln wird. Da mussten wir schnell und unter Zeitdruck abliefern – dafür sind wir als Messebauer prädestiniert.

Das Gute an dem Jahr war, dass wir Zeit hatten, uns einmal grundlegend die Dinge anzuschauen: Wir haben Arbeitsabläufe, Zuständigkeiten und die Kommunikation zwischen den Teams verändert. Haben in neue Maschinen investiert und unsere Mitarbeiter geschult. Jetzt warten wir, dass es losgeht. Nur ist Abwarten wirklich nicht meine Stärke.“

Eine Fortsetzung dieser Reihe erscheint am Mittwoch, 5. Mai 2021, dann mit dem Software-Hersteller Connfair und dem Messebauer Fair Care.


Nele Justus
Titelfoto: © iStock/FilippoBacci