Rebecca Maskos

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„Behinderung und Arbeit, das passt für viele nicht zusammen“

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Rebecca Maskos ist Diplom-Psychologin und Journalistin und lebt mit Glasknochen. In einem Gastbeitrag schreibt sie darüber, auf welche Vorurteile sie im Lauf ihrer Karriere gestoßen ist – und warum diese unbegründet sind.

„Sagen Sie, Ihr Auto is ja tagsüber nie da, wie kommt denn dat?“, fragt meine ältere Nachbarin neugierig. „Na, ich bin bei der Arbeit“, entgegne ich. „Wat, Sie arbeiten? Dit hätt ick ja nich jedacht!“, kräht sie ungläubig zurück. Es ist nicht die erste überraschte Reaktion auf die Tatsache, dass ich einen Job habe. „Ihre Miete kommt ja bestimmt vom Amt“, vermuten auch Vermieter bei der Wohnungsbegehung. Dass jemand wie ich – kleinwüchsig, Rollstuhlfahrerin – „ganz normal“ arbeitet, scheint in den Köpfen vieler Menschen nicht vorzukommen. Behinderung und Arbeit, das passt für viele nicht zusammen. Arbeitskräfte mit Behinderung, die stellen sich viele Menschen nur in der Behindertenwerkstatt vor. Und viele denken, als behinderter Mensch bekommt man „automatisch“ Sozialleistungen.

Solche Vorurteile habe auch ich erlebt, zum Beispiel bei meiner Arbeit als Journalistin in einem Funkhaus der ARD. Nach abgeschlossenem Studium, viel Praxiserfahrung und Volontariat fragte eine meiner Vorgesetzten, ob ich denn überhaupt eine Stelle bräuchte, da ich doch bestimmt sowieso „eine Rente bekäme“. Die Kollegenschaft unterstützte und schätzte meine Arbeit sehr. Doch in der Chefetage – also unter Personen, die nicht alltäglich mit mir zusammenarbeiteten – gab es anfangs Bedenken, ob ich denn den Anforderungen an Mobilität und Flexibilität gewachsen und „belastbar“ genug sei.

„Ich käme nicht auf die Idee, eine Rente zu beantragen.“

Nach meiner Zeit als angestellte und feste freie Mitarbeiterin bei der ARD arbeitete ich als pädagogische Mitarbeiterin in einem zeitlich befristeten Projekt. Danach war ich phasenweise arbeitslos. Wenn ich bei erfolglosen Bewerbungen nachfragte, warum ich nicht eingeladen wurde, führte man oft mangelnde Barrierefreiheit ins Feld. Das fand ich schade, denn Arbeitgeber können Gelder für Umbaumaßnahmen beantragen. Außerdem können die Arbeitsagenturen Arbeitsassistenz finanzieren: eine Person, die behinderte Mitarbeiter im Arbeitsalltag unterstützt. Meine Assistenz begleitete mich bei Reportereinsätzen und half mir bei einer späteren Stelle bei Dienstreisen und dem Transport von Arbeitsmaterialien. Mit dem Geld, das mir die Arbeitsagentur bewilligt hatte, konnte ich meine Arbeitsassistenten selbst einstellen und verwalten. Dadurch habe ich als Festangestellte und Selbstständige seit vielen Jahren interessante Stellen und Aufgaben durchlaufen, die zu mir passen – ich käme nicht auf die Idee, eine Rente zu beantragen.

Vier Millionen potenzielle Arbeitskräfte

Die meisten behinderten Menschen müssen – und wollen – genau wie ich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, es sei denn, sie werden nach durchlaufener Reha-Maßnahme für nicht arbeitsfähig erklärt. Rund acht Millionen Menschen haben in Deutschland eine Schwerbehinderung, rund die Hälfte von ihnen ist erwerbstätig. Angesichts des Fachkräftemangels und der oft hohen Qualifizierung wären sie eine wichtige Ressource für den Arbeitsmarkt. Dennoch haben behinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt einen vergleichsweise schweren Stand, trotz allgemein sinkender Arbeitslosenquote, trotz der vielen Inklusionsbemühungen.

Zwar sank die Arbeitslosenquote Schwerbehinderter im vergangenen Jahr deutlich von 11,7 auf 11,2 Prozent. Sie liegt damit aber immer noch um einiges höher als die nicht behinderter Menschen: Die allgemeine Arbeitslosenquote betrug 2019 rund fünf Prozent. Besonders die Älteren und Langzeitarbeitslosen mit Behinderung haben es schwer, einen Job zu finden. Im Durchschnitt sind behinderte Arbeitssuchende 100 Tage länger arbeitslos als nicht behinderte Menschen. Aus Frustration stellen viele früh einen Rentenantrag. Die neuen Frühverrentungsmöglichkeiten haben sich 2019 auch auf die sinkende Zahl der behinderten Arbeitslosen ausgewirkt, so Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes, das vergangenes Jahr im Auftrag der Aktion Mensch die Studie „Inklusionsbarometer Arbeit“ erstellte.

„Im Durchschnitt sind behinderte Arbeitssuchende 100 Tage länger arbeitslos als nicht behinderte Menschen.“

Tatsächlich sind die Gründe für das schlechtere Abschneiden von behinderten Menschen auf dem Arbeitsmarkt vielfältig, so die Studie. Viele Arbeitgeber wissen nichts über die Fördermöglichkeiten, die ihnen bei der Einstellung behinderter Mitarbeiter zustehen. Das sei gerade vor dem Hintergrund der steigenden Beschäftigungspflicht kleinerer Betriebe problematisch, so Christina Marx von der Aktion Mensch. Ein Plus von rund 4.000 Betrieben habe im vergangenen Jahr ihre Belegschaft so vergrößert, dass sie nun eine Ausgleichsabgabe zahlen müssen, wenn unter ihren Mitarbeitern zu wenige Schwerbehinderte sind. Gerade den kleineren Betrieben fehle oft das Wissen, wie viel möglich ist: Die Arbeitsagentur kann zum Beispiel eine Probebeschäftigung unterstützen und dafür bis zu 100 Prozent der Lohnkosten zahlen. Eingliederungszuschüsse können je nach Alter des Arbeitnehmers bis zu 96 Monate übernommen werden. Außerdem werden Umbaumaßnahmen und Arbeitsausstattungen, wie zum Beispiel Software für sehbehinderte Arbeitnehmer oder spezielle Büromöbel, von der Arbeitsagentur bezahlt, wenn der Antrag vor Abschluss des Arbeitsvertrags gestellt wird.

Unbegründete Bedenken auf Arbeitgeberseite

Studien zeigen jedoch, dass viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber  zudem Vorbehalte gegenüber behinderten Beschäftigten haben: Sie seien nicht leistungsfähig und flexibel genug. Es wird befürchtet, dass behinderte Mitarbeiter die Arbeitsabläufe durcheinanderbringen oder „dem Team“ Mehrarbeit bereiten würden. „Es findet eine merkwürdige Umkehrung statt“, fanden Rehabilitationssoziologe Ernst von Kardorff und Kollegen in Interviews mit Personalern heraus, „als ob die Arbeitgeber ihre Beschäftigten vor den behinderten Arbeitnehmern schützen wollten.“ Hinzu kommen Unsicherheiten im Umgang, wie es sie überall in unserer noch nicht inklusiven Gesellschaft gibt. Wie begegnet man einer Person im Rollstuhl? Wie viel Hilfe ist angemessen, wann ist sie zu viel? Darf man eine behinderte Kollegin kritisieren? Das alltägliche Leben findet oft noch in parallelen Welten statt, sodass selbstverständliche Begegnungen zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen selten sind.

„Die Zusammenarbeit mit behinderten Kollegen stärkt den Teamgeist.“

Besonders in der Bewerbungsphase stünden Menschen mit Behinderungen immer wieder „wie vor einer unsichtbaren Glaswand“, so von Kardorff. Die löse sich aber auf, sobald behinderte Menschen erst mal die Gelegenheit bekommen, ihre Fähigkeiten zu zeigen. Vorgesetzte von behinderten Mitarbeitern erleben diese oft als hoch motiviert und loyal. Da sie ohnehin alltäglich Problemlösungsstrategien entwickeln müssen, zeigen sie sich auch als besonders kreativ. Sie sind im Schnitt höher qualifiziert als nicht behinderte Mitarbeiter – auch das liegt quer zum Bild vieler Personaler. Statt das Team zu belasten, zeigt sich umgekehrt, dass die Zusammenarbeit mit behinderten Kollegen den Teamgeist stärkt.

Bedenken haben viele Arbeitgeber wegen der zusätzlichen Arbeitnehmerrechte: Schwerbehinderte Angestellte dürfen bei einer Vollzeitstelle fünf Tage zusätzlich Urlaub nehmen (bei Teilzeitarbeit anteilig weniger) und Mehrarbeit über die Grenze einer Vollzeitbeschäftigung hinaus ablehnen. Besonders der erweiterte Kündigungsschutz macht ihnen Sorgen – unbegründet: In der Probezeit, und noch danach, darf auch behinderten Arbeitnehmern gekündigt werden. Das örtliche Integrationsamt muss der Kündigung zustimmen, doch laut Aktion Mensch erfolgt in zwei Dritteln der Fälle diese Zustimmung auch.

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Rebecca Maskos
Titelfoto: © Privat

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