Goldbroetchen Baeckerei Ralf Jahnsmueller

Das 5-Punkte-Erfolgsrezept für gelungene Inklusion

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Inklusion ist nicht nur gesellschaftlich wichtig, sie zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Was es braucht, damit sie ein Win-win für alle wird, erklärt Gerd Jahnsmüller. Er ist Geschäftsführer der Goldbrötchen-Bäckerei im Vogtland und einer der Gewinner des Inklusionspreises für die Wirtschaft 2021.

Bei der vogtländischen Goldbrötchen-Bäckerei gelingt Inklusion schon seit 15 Jahren. Und wie genau? Jungunternehmer Gerd Jahnsmüller, 33, über sein 5-Punkte-Erfolgsrezept:

1. Die richtige Denke

„2015 habe ich den Betrieb und die inklusive Firmenphilosophie von meinem Vater übernommen. Elf von unseren 46 Mitarbeitern sind schwerbehindert. Das reicht von Depressionen über Taubheit bis Lähmungen von Arm oder Knie. Was uns dazu bewegt hat, ihnen eine Chance zu geben? Ich habe zwei Verwandte mit Trisomie 21. Beide sind jetzt 46 Jahre alt. Ihr Weg war immer steinig. Überall gab es mehr Widerstand als Unterstützung, und das von Anfang an. Um überhaupt zu arbeiten, waren die Behindertenwerkstätten die einzige Möglichkeit. ,Das muss doch besser gehen!‘, haben mein Vater und ich uns immer gedacht. Und wenn jemand Menschen mit Handicap helfen kann, dann sind das doch wir, die Unternehmer. Also haben wir uns genau das zur Aufgabe gemacht. Schritt für Schritt. Damit sind wir jetzt nicht nur sozialer, sondern auch wettbewerbsfähiger. Und dabei noch kunterbunt.“

2. Wie man motivierte Mitarbeitende hält

„Fachkräftemangel herrscht überall, darüber müssen wir nicht reden. Das Handwerk stirbt aus, weil es unattraktiv ist. Da muss man sich etwas einfallen lassen. Menschen mit Handicap sind loyale, hoch motivierte und extrem dankbare Mitarbeiter, die genau wissen, was sie tun, wenn man sie angelernt hat. Und das muss ich ja bei jedem neuen Mitarbeiter.

Wir haben unser Team so aufgestellt, dass sich alle wohlfühlen. Und dass am Ende alle profitieren. Bei uns gibt es etwa eine separate Frühschicht, in der die Brötchen für die Nachtschicht produziert werden. Das machen vor allem Mitarbeiter mit Handicap, weil sie der Nachtschicht nicht nachkommen können. Damit haben wir einen Gewinn für die Bäcker und fürs ganze Team.

Manche Mitarbeiter mit Behinderung, die wegen ihrer Defizite keinen Teig zubereiten können, übernehmen andere Aufgaben, mit denen sie den Kollegen den Rücken freihalten. Etwa den Abwasch, das Scheuern der Backstube, solche Sachen. Das machen sie gerne und gut – und ihre Kollegen sind ihnen dafür ewig dankbar. Und nicht nur das: Sie können sich mehr auf ihre Arbeit als Fachkraft fokussieren, was automatisch zu besseren Ergebnissen führt.“

Gerd Jahnsmüller (hintere Reihe, 4. v. l.) mit Mitarbeiterinnen und MItarbeitern seiner Bäckerei
© zeichensetzen/Harms

Gerd Jahnsmüller (hintere Reihe, 4. v. l.) mit Mitarbeiterinnen und MItarbeitern seiner Bäckerei

3. Jeder braucht die passende Aufgabe

„Um eines vorwegzunehmen: Jeder ist anders. Und: Arbeit gibt es genug. Wenn beide Parteien wollen, findet man immer eine Lösung. Bevor wir jemanden einstellen, vereinbaren wir eine Probearbeitszeit. Da sieht man schnell, wo einer Talent hat, aber auch, was nicht so gut klappt. Mitarbeiter mit Handicap arbeiten bei uns überall: in der Herstellung der Backwaren, im Verkauf, im Service, in der Verwaltung und in der Warenlieferung. Wir bilden immer Teams aus Jung und Alt, das hat sich bewährt. Genauso wie die Förderpläne, die wir für jeden Einzelnen aufstellen und in denen die Fähigkeiten, aber auch die Bedürfnisse berücksichtigt werden. Wir wollen keinen überfordern, das ist nur kontraproduktiv. Wichtig ist uns, dass jeder macht, wie er oder sie kann. Das erfordert ein hohes Maß an Flexibilität, aber das können wir leisten. Wer eine Pause braucht, kann immer raus oder sich in unserem Ruheraum hinlegen. Und wer Abwechslung braucht, weil er eine Auszeit von der monotonen Arbeit braucht, der kann kurz mal in die extra neu gegründete Abteilung ,Brennholzproduktion und Landschaftspflege‘ wechseln und dort das Holz für den Brennofen der Schaubäckerei spalten oder mal eine Wiese mähen.“

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4. Barrieren müssen weg

„Bei uns sind alle Betriebsstätten barrierefrei. Und auch fast alle Filialen. Zwei fehlen uns noch, aber da sind wir dran. Etwa 50.000 Euro haben wir dafür in die Hand genommen. Der Zuspruch ist enorm, bei unseren Kunden und bei unseren Mitarbeitern. Wir haben alles getan, um ihnen die Arbeit zu erleichtern: etwa höhenverstellbare Schreibtische angeschafft, genauso wie elektrische Hubwagen und Förderpumpen, damit man die schweren Kübel nicht mehr heben muss. Warum das Ganze? Weil wir finden, dass keiner ausgeschlossen werden darf. Weder beim Einkaufen noch bei der Arbeit. Bei uns sind alle gleich. Und außerdem werden wir doch alle älter. Und was, wenn uns mal etwas zustößt? Auch für den Fall der Fälle wollten wir vorsorgen.“

5. Sich Unterstützung holen

„Wir arbeiten eng mit der Agentur für Arbeit, dem Integrationsfachdienst und dem Kommunalen Sozialverband Sachsen zusammen. Dabei geht es manchmal darum, neue Mitarbeiter zum Probearbeiten zu gewinnen, aber auch um Zuschüsse für Arbeitsgeräte oder zum Gehalt. Keiner muss also die Sorge haben, dass er alleine vor so einer Aufgabe steht. Ich wünschte mir manchmal mehr Austausch mit anderen Unternehmern. Aber hier in der Region sind wir die Einzigen, die Inklusion leben. Wäre schön, wenn sich das ändert.“

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Nele Justus
Titelfoto: © zeichensetzen/Harms

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