Inklusion am Arbeitsplatz

Die Chancengeber aus Leipzig

Services der Bundesagentur für Arbeit
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Eine Leipziger Anwaltskanzlei hat mit Mandy Berger eine schwerbehinderte Frau eingestellt. Warum? Weil sie beide Anwälte von sich überzeugt hat. Und weil ein Inklusionsprojekt der Agentur für Arbeit ihre Anstellung fachlich und finanziell begleitet.

Stefan Schübel, 49, Fachanwalt für Arbeits- und Versicherungsrecht in der Kanzlei Bergk & Schübel in Leipzig, über die Gründe, einer Schwerbehinderten einen Arbeitsplatz anzubieten, über Förderhilfen und warum er anderen Unternehmern gerne von seinen positiven Erfahrungen berichtet.

Faktor A: Sie haben mit Mandy Berger eine schwerbehinderte Mitarbeiterin eingestellt. Rein rechtlich wären Sie dazu nicht verpflichtet gewesen, da Sie keine 20 Angestellten haben. Warum haben Sie es trotzdem getan?

Stefan Schübel: Wir hatten mehrere Bewerber, und bei ihr hat es gut gepasst – auch weil das Inklusionsprojekt „AuVschwung“ der Leipziger Agentur für Arbeit ihre Eingliederung gefördert hat, unter anderem durch die Möglichkeit eines dreimonatigen Praktikums. Wir haben uns deshalb entschieden, es mit ihr zu probieren. Im März 2018 fing Mandy dann bei uns an, ab Juni haben wir ihr einen festen Arbeitsvertrag angeboten.

Gab es etwas, was Sie in dieser Zeit besonders von ihr überzeugt hat?

Sie war sehr motiviert; sie wollte diese Chance, unbedingt. Das war für uns tatsächlich ein Argument. Es war zwar klar, dass sie als Bürokraft fachlich noch sehr viel würde lernen müssen, da sie keine Ausbildung als Rechtsanwaltsfachangestellte hat, aber das haben wir in Kauf genommen. Außerdem hat uns der für sie zuständige Berater von „AuVschwung“ schon im ersten Gespräch auf Fördermöglichkeiten hingewiesen, wie beispielsweise auf die Tatsache, dass die Agentur für Arbeit ihre Anstellung für drei Jahre unterstützt. Das hat uns ehrlicherweise die Entscheidung leichter gemacht, auch weil bei ihr jenseits der fehlenden fachlichen Qualifikation Defizite vorhanden sind, die man kompensieren muss.

Welche denn?

Zum Beispiel ihr langsameres Arbeitstempo. Außerdem ermüdet sie relativ schnell, denn der Job ist schon ziemlich stressig und anspruchsvoll. Weil ihre körperliche Konstitution krankheitsbedingt nicht optimal ist, braucht sie immer mal wieder eine längere Pause. Aber das ist in Ordnung; ihre beiden Kolleginnen tragen das mit. Es passt also gut. Wir hoffen, dass sie bis zum Ablauf der Förderzeit so viel gelernt hat, dass wir sie wie eine vollwertige Arbeitskraft weiterbeschäftigen können.

Was hat Ihre Entscheidung mehr beeinflusst: das Geld oder die Betreuung durch den Berater?

Ohne die Begleitung durch den Projektmitarbeiter hätten wir Mandy wahrscheinlich nicht genommen, das muss man ganz klar sagen. Doch seine Kenntnisse, wie man einen schwerbehinderten Menschen ins Arbeitsleben integriert, haben sehr geholfen – und uns die Entscheidung leicht gemacht. Aber natürlich ist es auch ein großer Vorteil für uns als Unternehmer, jemanden mit einem geringeren finanziellen Risiko einzuarbeiten.

Was ist mit den Nachteilen, die Sie haben, wenn Sie einen schwerbehinderten Mitarbeiter einstellen? Schließlich hat er oder sie Anrecht auf mehr Urlaubstage, darf Mehrarbeit verweigern, und ein besonderer Kündigungsschutz besteht auch.

Klar, das sind rechtliche Nachteile für Arbeitgeber, keine Frage. Aber es hängt ja auch immer mit dem Arbeitnehmer zusammen. Und wir sind mit Mandy sehr zufrieden; sie ist sehr motiviert, fleißig und zuverlässig. Diese Eigenschaften wiegen für uns alles andere auf.

Empfehlen Sie auch anderen Unternehmern, Schwerbehinderte einzustellen? Ihren Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel?

Natürlich gebe ich meine Erfahrung weiter. Ich erzähle dann auch, wie extrem hilfreich es war, dass Mandy in der Anfangsphase so gut begleitet wurde. Das ist ein ganz gewichtiges Argument. Ebenso, dass uns Arbeitgebern die Möglichkeiten der Integration aufgezeigt werden. Es ist ja nicht nur das Geld. Mandy wurde auch ein ihrer Behinderung entsprechend angepasster Arbeitsplatz eingerichtet. Deshalb finde ich Projekte wie „AuVschwung“ sehr sinnvoll. Denn wer nicht weiß, dass und wie sich bestimmte Defizite kompensieren lassen, ist sicher häufig abgeschreckt und verzichtet darauf, einen schwerbehinderten Menschen einzustellen, auch wenn der sich in den einzelnen Jobs sehr gut gemacht hätte. Aber dadurch hat keiner von beiden die Chance, das festzustellen.

Mandy Berger und einer ihrer Chefs, Stefan Schübel.
© Bergk & Schübel

Mandy Berger und Stefan Schübel

Das sagt die Chancennehmerin

„So, wie es jetzt ist, ist es genau richtig“

Menschen mit Behinderungen sind nicht weniger engagiert wie Menschen ohne Behinderung – vorausgesetzt, sie sind wie Mandy Berger, 26, am richtigen Arbeitsplatz.

„Ich habe eine chronische Erbkrankheit. Abgekürzt heißt sie HMSN Typ 1. Sie bewirkt, dass die Muskulatur in meinen Füßen verkümmert, sodass ich nicht richtig gehen kann und häufiger stolpere. Deshalb gelte ich als schwerbehindert.

In Leipzig habe ich eine ganz normale Realschule besucht und bin nach dem Abschluss für ein Berufsvorbereitungsjahr zum Berufsbildungswerk nach Dresden gegangen. Die Agentur für Arbeit hatte mir das BBW vorgeschlagen, weil es sich speziell um die Ausbildung von Körperbehinderten kümmert, denn auf dem normalen Arbeitsmarkt wäre es für mich vermutlich schwierig geworden. Das BBW war meine Chance, und die habe ich genutzt. Einen ganzen Tag lang habe ich einen Eignungstest gemacht, um herauszufinden, was überhaupt zu mir passt. Das Ergebnis: Es sollte auf jeden Fall eine Bürotätigkeit sein. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn am Computer zu arbeiten hat mir schon immer Spaß gemacht.

Nach dem Vorbereitungsjahr habe ich eine Ausbildung zur Bürokraft gemacht, dazu gehörten auch mehrere Praktika, eines davon habe ich an einer Uniklinik gemacht. Anschließend habe ich zunächst in einem Callcenter für eine Bank gearbeitet, danach saß ich ein Jahr lang bei einem Supermarkt an der Kasse. Aber das hat mir überhaupt nicht gefallen – abends bin ich immer mit Kopf- und Rückenschmerzen heimgegangen, weil ich keinen speziell für meinen Rücken und Po gepolsterten Stuhl hatte. Also habe ich mich parallel für alles Mögliche beworben, vor allem Richtung Krankenhaus und Arzt, das kannte ich ja. Aber immer wenn ich reingeschrieben hatte, dass ich behindert bin, bekam ich entweder sofort eine Absage oder gar keine Antwort. Und wenn ich es nicht erwähnte, erhielt ich zwar manchmal eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, aber anschließend kam dann doch eine Absage.

Mandy Berger aus Leipzig
© Bergk & Schübel

Gemeinsam mit ihrem Integrationsberater ging Mandy Berger zum Vorstellungsgespräch.

Irgendwann habe ich im Internet die Stellenausschreibung einer Rechtsanwaltskanzlei entdeckt und mich beworben. Durch die Unterstützung vom Arbeitsamt bekam ich etwas später auch die Möglichkeit, mich vorzustellen; mein Integrationsberater bei der Agentur hat mich zu dem Gespräch begleitet. Aufgrund meiner früheren erfolglosen Bemühungen hatte ich mir gar keine so große Hoffnung gemacht, aber das Gespräch mit den beiden Chefs lief gut – auch weil mein Berater mir meine Nervosität genommen hat, denn er konnte meine Krankheit erklären und erzählen, welche Unterstützung es vom Arbeitsamt für mich geben würde. Und als dann die beiden Rechtsanwälte Ja gesagt haben, war ich sehr sehr froh.

Zunächst habe ich dort ein dreiwöchiges Praktikum gemacht, dann bekam ich einen auf drei Monate befristeten Vertrag, und seit April vergangenen Jahres arbeite ich fest im Sekretariat der Kanzlei. Ich schreibe Briefe, telefoniere und erledige alle Aufgaben, die mir die Anwälte geben. Das Arbeitsamt hat den auf mich angepassten Bürostuhl bezahlt und einen höhenverstellbaren Schreibtisch, außerdem habe ich eine spezielle Tastatur, eine besondere Maus und eine Erhöhung für die Füße bekommen. Und wenn ich Akten tragen muss, die mir zu schwer sind, gehe ich eben mehrmals.

Ein Jahr lang hatte ich einen Ansprechpartner beim Arbeitsamt, der mich betreute und den ich immer fragen konnte, was ich vor allem während der Einarbeitungszeit getan habe. Am Anfang war ja vieles neu für mich, aber jeden Tag ist es besser geworden.

Ich bin dankbar dafür, dass mir das Projekt geholfen hat, diese Arbeitsstelle zu finden. Hier möchte ich bleiben. Ich mag die Atmosphäre hier, meine beiden Kolleginnen, die Chefs und die Klienten. Früher hätte ich nicht genau sagen können, in welcher Art Büro ich hätte arbeiten wollen. Aber so, wie es jetzt ist, ist es genau richtig.“

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Antonia Kemper
Titelfoto: © Natee127/iStock

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