Unternehmen und Inklusion

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In Sachsen haben sich verschiedene Behörden und Verbände zum Dienstleistungsnetzwerk Support zusammengeschlossen, um Unternehmen bestmöglich darin zu unterstützen, Menschen mit Behinderungen in ihre Betriebe zu integrieren – sei es durch Geld, technische Hilfsmittel oder weitergehende Hilfen. Ein Gespräch mit dem Support-Koordinator und Diplom-Sozialpädagogen Daniel Wiener und seiner Kollegin, der Pädagogin Claudia Teuchert.

Faktor A: Mit welchen Argumenten versuchen Sie Arbeitgebende zu überzeugen, Behinderte einzustellen?

Claudia Teuchert (CT): Häufig müssen wir gar nicht so viel Überzeugungsarbeit leisten: Der Fachkräftemangel spricht für sich, denn Stellen ausschließlich mit gesunden Mitarbeitenden zu besetzen, wird zunehmend schwerer. Deshalb ist es inzwischen oft umgekehrt: Die Arbeitgebenden kommen auf uns zu, weil sie zwar Menschen mit Einschränkungen einstellen würden, aber vor der Bürokratie zurückschrecken. Das übernehmen wir – und mit uns haben sie auch erst mal nur eine einzige Ansprechperson, nicht viele verschiedene.

Daniel Wiener (DW): Ohnehin ist die Anstellung von Menschen mit Beeinträchtigungen für uns nur eine von mehreren Aufgaben. Eine ganz wesentliche ist, Arbeitgeber in Gesprächen für das Thema zu sensibilisieren und Vorurteile abzubauen. Den meisten begegnen wir dabei auf Veranstaltungen, wo wir über unsere Dienstleistung berichten, aber auch unsere Netzwerkpartner stellen immer wieder Kontakte her. Dann vereinbaren wir oft Folgegespräche in den Unternehmen selbst.

Auf welche Vorurteile treffen Sie dabei typischerweise?

DW: Bei dem Stichwort „Menschen mit Behinderungen“ denken die meisten nur an Äußerlichkeiten wie Rollstuhlfahrende oder an Menschen mit Downsyndrom. Doch das ist eine falsche Vorstellung. Das liegt ein wenig an der Öffentlichkeitsarbeit der Vergangenheit: Auf Flyern zum Thema Inklusion waren oft nur diese beiden Motive gedruckt, weil sie optisch so eingängig sind.

Claudia Teuchert, Dienstleistungsnetzwerk Support Sachsen
© Support

Claudia Teuchert

Laut Statistischem Bundesamt bestehen tatsächlich die allerwenigsten Behinderungen von Geburt an oder werden durch einen Unfall oder eine Berufskrankheit verursacht. Die weitaus meisten, nämlich 86 Prozent, werden im Laufe des Lebens durch eine Krankheit im höheren Alter erworben. Was bedeutet das für Ihre Tätigkeit?

DW: Unsere Aufgabe ist es, genau darüber tagtäglich aufzuklären. Und dass es eben auch Menschen mit einer Hörbehinderung gibt oder mit einer stärkeren Diabetes, für die einfach nur bestimmte Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit sie mit dieser Einschränkung auch auf dem Bau arbeiten können, wenn sonst alles passt.

In der Regel kennen Arbeitgeber die verschiedenen Gesetze, Leistungsträger und -arten gar nicht in vollem Umfang. Deshalb ist es an uns, sie über Fördermöglichkeiten aufzuklären und die entsprechenden Träger mit ins Boot zu holen, damit der behinderte Mensch im Betrieb bleiben oder neu eingestellt werden kann.

CT: Ein Beispiel vielleicht: Jemand ist mit 45 Jahren an Krebs erkrankt und nach seiner Gesundung vorübergehend in seiner Leistung eingeschränkt. Wir beraten zur Beantragung diverser Unterstützungsmöglichkeiten und begleiten diesen Prozess. Wir betonen aber auch, dass dieser Mitarbeiter, der vielleicht schon Jahre im Unternehmen ist, über einen Erfahrungsschatz verfügt, den jemand Neues gar nicht haben kann, es also wirtschaftlich durchaus lohnend ist, ihn zu halten.

Was sind denn die häufigsten Bedenken von Unternehmerinnen und Unternehmern gegenüber Menschen mit Behinderungen?

CT: Ganz klar: der besondere Kündigungsschutz. Aber diese Sorge lässt sich gut entkräften, denn das Integrationsamt stimmt einer Kündigung oft zu, wenn sie beantragt wird – sei es aus betriebsbedingten Gründen oder weil der Arbeitsplatz wegfällt und der- oder diejenige nicht umgesetzt werden kann.

DW: Auch in der Probezeit ist der besondere Kündigungsschutz nicht wirksam, und befristete Verträge sind bei Menschen mit Behinderungen genauso möglich wie bei jedem anderen auch.

„Bislang wird einfach zu viel Potenzial vergeudet.“Claudia Teuchert

CT: Eine weitere, häufig geäußerte Vermutung von Arbeitgebenden ist, dass Menschen mit Einschränkungen öfter krank seien als gesunde. Die Statistik gibt eine solche Einschätzung nicht her. Ich persönlich glaube, dass oftmals sogar das Gegenteil der Fall ist: Menschen mit Behinderungen sind sich ihrer Situation sehr bewusst und fürchten, dass sie schneller als andere auf der Abschussliste stehen. Deshalb sind sie meist auch sehr engagiert.

Daniel Wiener, Dienstleistungsnetzwerk Support
© Support

Angenommen, Ihnen ist es gelungen, dass jemand mit einer neu erworbenen Behinderung bleiben kann oder jemand mit einer Behinderung eingestellt wird – wie wichtig sind in diesem Prozess die Teammitglieder? Und was können Sie von Support tun, um gegebenenfalls zu unterstützen?

CT: Wenn eine Behinderung zwar nicht sichtbar ist, aber einschränkend, ist eine Mitarbeiterschulung sicher sehr sinnvoll. Die würde dann einer unserer Netzwerkpartner, ein Integrationsfachdienst, vor Ort übernehmen und dabei auf die Besonderheiten in der Zusammenarbeit beispielsweise mit einem Gehörlosen eingehen, vielleicht sogar einfache Begriffe in Gebärdensprache zeigen. Eine gute Kommunikation mit den Mitarbeitenden ist wichtig – und das bedeutet, immer wieder auf die jeweiligen Merkmale der Behinderung hinzuweisen, sei es Epilepsie oder Autismus oder etwas anderes.

DW: Akzeptanz und Toleranz dem jeweiligen Kollegen oder Kollegin gegenüber sollte in einem Unternehmen grundsätzlich vorhanden sein. Erfahrungsgemäß funktioniert das in kleineren Firmen besser, weil das Umfeld familiärer ist und man vielleicht sogar weiß, wie das Haustier dieser Person heißt. Da wird dann auch leichter toleriert, dass jemand langsamer ist oder eine halbe Stunde länger Pause machen muss. Der Nachteil ist, dass es dort oft keine spezielle Personalabteilung gibt, die sich mit den verschiedenen Fördermöglichkeiten auskennt. Sie sind also auf Dienstleister wie uns eher angewiesen, die über viel Wissen verfügen und neutral beraten – und auch mal sagen: „Diese Förderung ist ungünstig für Sie, weil Sie dadurch auf andere Hilfen verzichten müssten.“

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, was Ihnen Ihre Arbeit erleichtern würde – was wäre das?

DW: Ich würde mir wünschen, dass Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit diverser dargestellt werden. Insbesondere der Anteil von Menschen mit psychischen Einschränkungen nimmt massiv zu, in der öffentlichen Wahrnehmung aber finden sie kaum statt. Vor allem Depressionen sind eine schwerwiegende Krankheit, über die Arbeitgebende besonders viel Aufklärung benötigen, zumal sie so unterschiedlich ausgeprägt auftritt. Und der zweite Punkt auf meiner Wunschliste wäre, dass Arbeitgebende experimentierfreudiger wären und Menschen mit Behinderungen eine Chance gäben. Die Praxis zeigt mir sehr oft, dass dies für beide Seiten gewinnbringender ist, als man vielleicht im Vorfeld glaubt.

CT: Das stimmt, und einen Wunsch möchte ich noch ergänzen: dass Menschen mit Behinderungen sichtbarer in unserer Gesellschaft wären – aber eben nicht nur Körperbehinderte. Und dass häufiger nach dem Motto gehandelt würde: Egal wer eingestellt wird – Hauptsache, der Mensch passt in das Unternehmen. Bislang wird einfach zu viel Potenzial vergeudet.

Kurz erklärt

Was macht Support?

Support ist ein sächsisches Netzwerk, in dem sich wesentliche Leistungsträger zusammengeschlossen haben – von der Bundesagentur für Arbeit über den Unternehmerverband bis hin zum Integrationsamt und den Rentenversicherungsträgern. Im Auftrag des Kommunalen Sozialverbandes Sachsen berät Support seit zehn Jahren landesweit, kostenlos und unbürokratisch Unternehmen aller Größen und Branchen zum Thema Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen. Sowohl in den Geschäftsstellen Chemnitz, Dresden und Leipzig als auch vor Ort in den Betrieben wird unter anderem über die Ausstattung von behinderungsgerechten Arbeits- und Ausbildungsplätzen ebenso informiert wie über Fördermöglichkeiten, Zuschüsse, Gleichstellung, Kündigungsschutz und Barrierefreiheit – entweder durch Mitarbeitende von Support oder durch die jeweiligen Fachleute aus dem Netzwerk. Koordinator der drei Geschäftsstellen sowie Geschäftsführer des Partners Soziales Förderwerk e.V. ist der Diplom-Sozialpädagoge Daniel Wiener, 40. Claudia Teuchert ist Ansprechpartnerin in Leipzig.

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Gunthild Kupitz
Titelfoto: © iStock/SolStock

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