Malermeister Hermann Maracke mit seinem Azubi Morteza Shahrabi Farahani.

Flücht­lin­ge als Azu­bis

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Nachwuchskräftemangel? Gibt es nicht bei Malermeister Hermann Maracke. Viele der Lehrlinge in seinem Betrieb sind Geflüchtete. Dass diese Menschen eine große Chance für Unternehmen in ganz Deutschland sind – davon ist der Hamburger überzeugt.

Hermann Maracke, Geschäftsführer von Germann Malermeister in Hamburg

„Es gab kaum eine Phase in meiner Karriere, in der ich nicht nach Nachwuchskräften gesucht habe. So ging es mir bis 2015, als so viele Flüchtlinge in Deutschland ankamen. Damals besuchte ich den Marktplatz der Begegnungen, ein Jobevent für Flüchtlinge. Handwerksbetriebe aus der ganzen Region stellten sich den Menschen aus Syrien, Irak, Iran und Afghanistan vor.

Hermann Maracke
© Thies Raetzke

Hermann Maracke

Die Leute konnten kaum Deutsch sprechen, aber viele von ihnen hatten Vorkenntnisse im Malerhandwerk oder in einem anderen technischen Beruf. Was jedoch wichtiger war: Ich konnte ihren unbedingten Willen sehen. Der begegnet mir heute nur ganz selten. Eigentlich kenne ich den nur von meinem Vater. Der hat uns in den harten Nachkriegsjahren als Schuhmacher durchgebracht und trotzdem nie aufgehört, seinen Beruf zu lieben. Wenn sich heute ein junger Mensch bei mir vorstellt, kann ich recht gut einschätzen, ob er das Zeug dazu hat, eine Ausbildung durchzuziehen. Das sind nicht viele.

An jenem Nachmittag nahm ich innerhalb von zwei Stunden 30 Bewerbungen mit. 15 davon wählte ich aus und lud die Leute zu Gesprächen ein. Auch Morteza Shahrabi Farahani war darunter. Der damals 41 Jahre alte Iraner konnte kaum Deutsch sprechen, berichtete aber von viel Erfahrung als Maler. Er kam mehrfach zu mir und sagte, wie wichtig ihm ein Bewerbungsgespräch sei. Wir luden ihn ein und ließen ihn ein kurzes Praktikum absolvieren. Obwohl der Malerberuf im Iran nicht mit den neuesten Malertechnologien ausgeübt wird, bewies er seine Begabung und Sorgfalt beim Streichen. Und er zeigte Ehrgeiz: Er arbeitete täglich von 7 bis 16:15 Uhr und besuchte danach noch bis 22 Uhr Deutschkurse. Heute hat er das Leistungsniveau B1, kann sich ausdrücken und viel verstehen. Die Berufsschule mit Fächern wie Chemie und Physik ist selbst für deutsche Auszubildende nicht leicht, daher stellt unser Betrieb ihm zusätzlich noch einen Nachhilfelehrer. Leute wie Herr Farahani motivieren mich enorm.

„Viele rieten mir sogar davon ab, Flüchtlinge einzustellen.“Hermann Maracke, Geschäftsführer Germann Malermeister

Mir begegnen heute viele junge Menschen, die die Nase rümpfen, wenn sie an einem Farbeimer vorbeigehen. Studieren ist doch cooler! Flüchtlinge kennen diesen Dünkel nicht. Das liegt auch daran, dass Handwerksberufe in ihren Heimatländern viel höher angesehen sind als bei uns. Sie erkennen ihre Perspektiven: Nach der Ausbildung haben sie einen Beruf, sie können aufsteigen oder vielleicht einmal einen eigenen Betrieb leiten.

Heute sind elf von 13 Auszubildenden in meinem Betrieb Flüchtlinge, und ich bin schon lange nicht mehr auf der Suche nach Nachwuchs. Ich kann ihn mir aussuchen. In einem Jahr wird Herr Farahani die Prüfung zum Maler absolvieren. Wenn er es schafft, werde ich ihn übernehmen. Dann bekommt er auch seine Aufenthaltsgenehmigung und ist endlich nicht mehr nur „geduldet“. Ich glaube, das offizielle Dazugehören gibt Menschen wesentlich mehr Selbstbewusstsein.

Anderen Unternehmern kann ich nur raten, Flüchtlingen eine Chance zu geben. Anfangs stieß ich nicht immer auf Verständnis bei Kollegen aus der Branche. Viele rieten mir sogar davon ab, Flüchtlinge einzustellen: ,Bist du verrückt, das schaffen die nie‘, sagten sie. ,Die brechen ab, sind faul, lassen dich im Stich …‘ Das war 2015. Heute spricht keiner mehr so mit mir. Sie haben sich alle getäuscht.“

Das sagt der Auszubildende

Morteza Shahrabi Farahani, 2014 als ungelernter Maler aus dem Iran geflohen

„Die Ausbildung ist ein großes Glück für mich! Das schafft nicht jeder Flüchtling. Viele irren jahrelang durch Europa und sind höchstens geduldet. Ich hatte Angst, dass mir das auch passiert. Im Iran war ich Buchhalter und habe als ungelernter Maler gearbeitet. Das ist nicht vergleichbar mit dem Beruf in Deutschland: Dort gibt es nicht Dispersions- oder Schimmelfarbe oder die neuesten Spritztechniken. Ich werde sehr unterstützt im Betrieb. Es gibt auch einen Ausbildungsbeauftragten, der mir bei Formularen und Anträgen zu Zwischenprüfungen hilft.

Morteza Shahrabi Farahani
© Thies Raetzke

Morteza Shahrabi Farahani

Ich bin dankbar für meine zweite Chance. 2014 floh ich in der Nacht aus dem Iran. Die Polizei hatte mich in meiner Heimatstadt Teheran verfolgt, weil ich vom Muslim zum Christen konvertiert war. Für etwas Geld brachten mich Schleuser über die türkische Grenze. Dort gelangte ich bis Izmir, wo ich einen weiteren Schleuser dafür bezahlte, mich in einem Gummiboot nach Griechenland zu bringen. Es waren viele Flüchtlinge an Bord. Ein weiteres Boot neben uns kenterte. Alle Menschen bis auf zwei ertranken. Das war schlimm.

In Griechenland schickte mir mein Bruder aus Teheran etwas Geld, damit konnte ich in Athen ein Flugzeug nach Hamburg nehmen. Und da war ich. In einem Land, dessen Sprache ich nicht verstand. Zuerst kam ich in ein Flüchtlingsheim, eine ehemalige Schule, in der ich mir mit 16 Leuten einen Raum teilte. Ich war der Einzige, der Farsi gesprochen hat. Mein größter Wunsch war: raus hier und so schnell wie möglich Deutsch lernen.

Ich habe immer wieder Leute getroffen, die mir geholfen haben. Ich habe Nachhilfe bekommen, wurde zu den Ämtern begleitet. Irgendwann riet man mir, zu einer Veranstaltung der Handwerkskammer zu gehen. Dort traf ich Herrn Maracke. Ich habe gleich gesehen, dass ich vor dem Malerberuf keine Angst haben muss. Darin hatte ich ja Erfahrung! Ich hoffe nun, dass ich die Prüfung bestehen werde. Mein großer Traum ist es, endlich hier anzukommen.“

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Kommentare

Guten Tag, ich finde das Foto drückt eine Haltung aus, die ich schlecht finde: klar durch die Symbolik der Kleidung getrennt, wird gezeigt wer hier Dominant ist. Die linke Person wird wie eine Trophäe der eigenen Güte hergezeigt. Das ist m. E. zum Einen offensichtlich unbescheiden und zum Anderen zeigt es eine besonders subtile Art von mangelndem Respekt. Ich glaube fest daß der Herr rechts gute Absichten hat – doch die Ikonologie des Fotos ähnelt Fotos aus der Kolonialzeit, in denen Weiße "ihre" Afrikaner präsentierten. Insofern finde ich das Foto misslungen. Davon abgesehen finde ich das Engagement des Malermeister aber großartig. Ich hoffe Sie verstehen diese Kritik als so konstruktiv wie sie gemeint ist. Ich habe Kommunikationsdesign studiert und kann nicht anders : )

Lieber Herr Jünger, vielen Dank für diesen Kommentar! Ich kann Ihre Argumentation nachvollziehen, teile sie aber nicht. Ich sehe zwei Gesichter, die strahlen - weil hier etwas gelungen ist. Die Ikonologie, wie Sie schreiben, wirkt auf mich authentisch: Der Chef hat sich gerade nicht den Malerkittel übergeworfen, um fürs Foto eine Nähe herzustellen, die es gar nicht gibt, sondern ist in seiner Rolle geblieben. Gleiches gilt für den neuen Mitarbeiter. Ich freue mich, dass Sie die Fotos so aufmerksam studieren und wünsche mir, dass Sie dies weiterhin tun - und uns immer Rückmeldung geben, wenn Sie etwas stört - oder freut!

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Nadine Kleve-Osterhues
Titelfoto: © Thies Raetzke