Fachkräfte aus dem Ausland

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Viele Unternehmen werden mittelfristig nicht mehr genug geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland finden. Alexander Wilhelm, Leiter Internationale Beziehungen bei der BA, erklärt im Interview, welche Chancen die Fachkräftegewinnung in Drittstaaten bietet. Auch von Unternehmen fordert das Einsatz – der sich auszahlt.



Faktor A: Obwohl die BA schon länger erfolgreich Fachkräfte aus Drittstaaten nach Deutschland vermittelt, sind einige Unternehmen zögerlich: Sie haben Angst, die Mitarbeiter könnten trotz des Aufwands und der Kosten schnell wieder weg sein. Ist das begründet?

Alexander Wilhelm: Nein, diese Sorgen müssen sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber im Normalfall nicht machen. Obwohl ich ihre Bedenken verstehe, denn einige von ihnen haben bereits Erfahrungen mit Fachkräften aus dem EU-Ausland gemacht, die teilweise nicht so lange bleiben: Jemand, der zum Beispiel aus Spanien kommt, kann sich durch die Freizügigkeit in der EU dankenswerterweise unkompliziert zwischen dem deutschen und dem spanischen Arbeitsmarkt bewegen. Bei Fachkräften etwa aus Brasilien oder Marokko ist dies allein aufgrund aufenthaltsrechtlicher Hürden aber nicht so einfach, und zudem sind die Gehaltsunterschiede deutlich größer – da kommt in der Regel nicht unverhofft ein attraktives Jobangebot aus der Heimat. Die Entscheidung für Deutschland ist meist eine Lebensentscheidung. Das gilt selbstverständlich nicht immer und für alle. Aber das ist bei inländischen Fachkräften oder Auszubildenden ja auch nicht anders. Bei Menschen aus Drittstaaten ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie länger bleiben, groß.

Welche Vorhaben laufen denn aktuell, um Fachkräfte aus dem nicht europäischen Ausland für Unternehmen in Deutschland zu gewinnen?

Aktuell gibt es hier rund zehn Projekte und Programme: einerseits zeitlich befristete und meist aus öffentlichen Mitteln geförderte Projekte, andererseits nach erfolgreicher Laufzeit ins Liniengeschäft überführte, feste Programme, die in der Regel vor allem von der Arbeitgeberfinanzierung getragen werden. Zum Beispiel gibt es das Projekt THAMM mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) für die faire und nachhaltige Gewinnung von Auszubildenden und Fachkräften aus Nordafrika für verschiedene Handwerks-, Industrie- und Serviceberufe. Oder unser vom Bundeswirtschaftsministerium gefördertes Projekt „Hand in Hand for International Talents“ mit der DIHK Service. Hier werden Fachkräfte aus Brasilien, Vietnam und Indien für Unternehmen der Industrie- und Handelskammern vermittelt – der Schwerpunkt liegt aktuell auf Elektrotechnik, Informatik sowie dem Hotel- und Gaststättengewerbe. Das rein arbeitgeberfinanzierte Programm „Triple Win“ von BA und GIZ kümmert sich um die nachhaltige Gewinnung von Pflegekräften aus dem Ausland.

Gibt es bereits neue Projekte, die in Planung sind? Wie ist derzeit die Perspektive für die kommende Zeit?

Im Moment sind wir ganz stark dabei, vorhandene Vorhaben zu skalieren, denn wir haben den Anspruch, neben dem qualitativen auch einen quantitativen Beitrag zur Lösung der Fachkräfteproblematik zu leisten. Das bedeutet: Die Ausweitung bestehender Formate auf neue Berufe, aber auch auf neue Länder ist jetzt aktuell. So wird zum Beispiel das Pilotprojekt für Azubis in Gesundheitsberufen, das bisher nur Pflegekräfte aus El Salvador ansprach, jetzt auf Mexiko und Brasilien ausgeweitet und bietet jetzt auch Auszubildende im Bereich operationstechnischer und radiologischer Assistenzkräfte an – angestrebt ist auch eine bedarfsbezogene Erweiterung auf Berufe außerhalb des Gesundheitssektors.

Alexander Wilhelm, Leiter Internationale Beziehungen bei der Bundesagentur für Arbeit
© BA

Zur Person

Alexander Wilhelm

Alexander Wilhelm ist Leiter Internationale Beziehungen in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit (BA) und verantwortet im Geschäftsbereich Internationales die strategische Zusammenarbeit mit Drittstaaten. Zuvor hat er diese Aufgabe mehrere Jahre als Geschäftsführer Internationale Zusammenarbeit in der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der BA wahrgenommen. Bis 2017 hat sich Wilhelm bereits bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände um Fragen der Erwerbs- und Flüchtlingsmigration gekümmert und war davor für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit tätig. Schon seit seinem Studium der Volkswirtschaftslehre hat er eine große Leidenschaft für das Thema und schrieb bereits seine Diplomarbeit zum Thema Braindrain und Arbeitsmigration. „Ich halte es für eines der wichtigsten Zukunftsthemen, denn ohne gezielte, gut organisierte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland wird es nicht gehen: Wir brauchen sie zur Sicherung des Standortes Deutschland.“

Wenn es darum geht, neue Länder hinzuzunehmen – wie darf man sich das vorstellen? Und was ist Ihre Rolle dabei?

Als Leiter Internationale Beziehungen in der Zentrale steht für mich die strategisch-konzeptionelle Ebene im Fokus. Dazu gehört die Pflege und der Aufbau bilateraler Beziehungen zu neuen und bestehenden Partnerländern, den Botschaften, den staatlichen Partnern, aber auch nicht staatlichen Partnern für die Gestaltung unserer Vorhaben im In- und Ausland, wie zum Beispiel den Kammern. Die potenziellen Partnerländer für die Fachkräftegewinnung durch die BA haben wir im Rahmen einer umfassenden Potenzialanalyse identifiziert. Zu den Fokusländern zählen einerseits Länder wie Ägypten, Jordanien, Kolumbien oder Indonesien, die selbst proaktiv den Kontakt zur BA zwecks Kooperation in der Fachkräftemigration gesucht hatten. Aber auch Länder wie Mexiko und Brasilien, bei denen wir die Zusammenarbeit initiiert haben: Dort nehmen wir dann Kontakt zu geeigneten Kooperationspartnern zunächst über die deutsche Botschaft im Zielland auf oder gehen direkt auf diese zu. Es gibt zudem auch Länder wie Vietnam, mit denen wir schon eine Kooperation zum Wissenstransfer hatten: Dann knüpfen wir da an und nutzen die Kontakte auch für die Vermittlung von Fachkräften.

Was motiviert die Länder zu einer Zusammenarbeit? Bräuchten sie die Fachkräfte nicht selbst vor Ort?

Wir werben keine vor Ort benötigten Fachkräfte ab. Deswegen binden wir die dortigen Partnerverwaltungen und unsere Botschaften von Anfang an aktiv in unsere Aktivitäten ein. Die Drittstaaten, mit denen wir zusammenarbeiten, sind meist große Schwellenländer, die eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und enorme Schwierigkeiten haben, jungen Menschen Perspektiven zu bieten. Junge, gut qualifizierte Fachkräfte in einem partnerschaftlichen Ansatz in Deutschland in Arbeit zu bringen, ist hier eine große Chance. Nicht nur der Geldtransfer der dann bei uns arbeitenden Fachkräfte in die Herkunftsländer spielt eine große Rolle, sondern auch die hierzulande erworbenen zusätzlichen Qualifikationen.

Faire Erwerbsmigration spielt in allen Projekten und Programmen eine große Rolle. So hohe Standards haben nicht alle Vermittler auf dem Markt. Wie grenzt sich die Bundesagentur für Arbeit da ab?

Die garantierte Fairness ist sozusagen unser Unique Selling Point: Wir sind kein profitorientierter privater Dienstleister, sondern eine staatliche Organisation. Bei uns können einstellungsbereite Unternehmen davon ausgehen, dass sie auf der ganz sicheren Seite sind: keine Ausbeutung der Menschen, kein Braindrain, Gleichbehandlung aller Fachkräfte und große Transparenz. Unsere Dienstleistungen in der Information, Beratung und Vermittlung einschließlich der Bewerberansprache und -vorauswahl im Ausland sind für Bewerberinnen und Bewerber wie für Arbeitgeber kostenfrei. Wir sind in enger Abstimmung mit den relevanten staatlichen Stellen vor Ort und stellen sicher, dass alles fair abläuft. Wir haben langfristige Vorhaben mit erfahrenen Partnern. Aber selbstverständlich gibt es neben uns auch viele gute private Vermittler, zum Beispiel gekennzeichnet mit dem Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“. Wir betrachten das nicht als Wettbewerb, denn die Masse an Fachkräften, die wir brauchen, ist keine Aufgabe, die die BA allein stemmen könnte.

Worauf müssen sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber einstellen, wenn sie Personal aus Drittstaaten rekrutieren?

Sie müssen sich zunächst im Klaren sein, dass Fachkräftegewinnung im Ausland abseits der Vermittlung trotzdem Geld kostet. Aber – und das sagen wir immer sehr deutlich – dies sind gut angelegte Investitionskosten und nicht mehr, als eine längerfristig unbesetzte Stelle oder mehrere erfolglose Anzeigenschaltungen etwa in einer größeren überregionalen Tageszeitung kosten. Die größten Kosten entstehen für den Spracherwerb, die Einreise und im Zusammenhang mit der Anerkennung der Qualifikation in Deutschland. Und Unternehmen sollten sich zwei weiterer Aspekte bewusst sein: 1. Das alles geht nicht von heute auf morgen. Wer den Personalbedarf mit einem Vorlauf von sechs bis zwölf Monaten planen kann, ist in unseren Vorhaben gut aufgehoben. 2. Man muss Flexibilität mitbringen und sollte nicht die Vorstellung haben, im Ausland Fachkräfte zu finden, die schon exakt und passgenau nach den Anforderungen des deutschen Markts ausgebildet sind. In unseren Partnerländern gibt es viele hervorragend ausgebildete Menschen: Diese sind oft nicht schlechter, aber anders qualifiziert als bei uns. Bei den meisten wird daher eine umfassendere Einarbeitung und oft auch eine Zusatzqualifizierung unausweichlich sein.

Die betriebliche, aber auch soziale Integration der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist eine große Aufgabe für die Unternehmen. Warum sollten sie diese trotzdem auf sich nehmen?

Trotz aller Bemühungen gerade auch der Arbeitsagenturen und Jobcenter, inländische Potenziale besser zu erschließen, gilt: Wir werden absehbar schlicht nicht genügend Fachkräfte in Deutschland haben, um die Bedarfe der Wirtschaft zu decken. Zudem birgt die Anwerbung im Ausland Chancen nicht nur für die Fachkräftesicherung, sondern auch für mehr Vielfalt und ein kollegiales Miteinander: In vielen Betrieben arbeitet die ganze Belegschaft zusammen, um Wohnung, Möbel, ein Fahrrad oder einen Kitaplatz für die ausländischen Fachkräfte zu organisieren. Viele Unternehmen berichten davon, dass es positive Effekte gibt, dass in der Belegschaft neue Leute zusammengefunden haben und das Team durch das gemeinsame Projekt zusammengeschweißt wurde.

Hintergrund

Welche Bedeutung hat das Fachkräfteeinwanderungsgesetz?

Im März 2020 trat das deutsche Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft, das die gesetzlichen Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten vereinfacht hat. Alexander Wilhelm beurteilt dessen Bedeutung trotz noch bestehender Hürden positiv: Insbesondere wurde die Beschränkung auf Berufsgruppen aufgehoben, und mit der Verankerung der Vermittlungsabsprachen wurden viele Vorhaben der Bundesagentur erst ermöglicht. Ein zweiter Aspekt sei nicht zu unterschätzen: „Ganz abseits der Formalitäten hat damit ein Mentalitätswechsel in der Gesellschaft stattgefunden hin zur Überzeugung: Wir brauchen Fachkräfte aus dem Ausland.“

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Kommentare

Das größte Hemmnis der Fachkräfteeinwanderung ist die Bürokratie des Außenministeriums. In Sarajewo warten 2 uns bekannte zukünftige Mitarbeiter (Elektroniker und Schaltschrankbauer) mit unterschriebenen Arbeitsverträgen, dass die dortige Botschaft sie vorlässt und ihnen Arbeitspapiere für Deutschland ausstellt. Seit Februar 2022 haben beide Mitarbeiter ihre Anträge gestellt. Warten heute noch nach fast 6 Monaten, obwohl wir sie dringend in der Lüftungs- und Klimabranche (auch für die Energiewende der Grünen) benötigen. Aber die Grüne Außenministerin macht nichts um den Bearbeitungsstau in den Botschaften zu normalisieren.

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Maria Zeitler
Titelfoto: © iStock/VioletaStoimenova

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