Fachkräfte aus Tunesien und Ägypten anwerben

Neue Wege der Personalsuche

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In zahlreichen Branchen wie Gastronomie und Handwerk ist der Fachkräftemangel längst Realität. Der Ausweg für einige: das THAMM-Projekt, das junge Fachkräfte aus Nordafrika vermittelt. Fast einhundert sind schon da.

Dass Peter Bode in den Genuss traditioneller tunesischer Küche gekommen ist, liegt daran, dass er bei der Suche nach Auszubildenden neue Wege geht. Er ist einer der Geschäftsführer des Elektro- und Gebäudesystemtechnik-Unternehmens Habotec in Lübeck. Im Sommer 2021 haben dort fünf Frauen aus Tunesien ihre Ausbildung zur Elektronikerin im Fach Energie- und Gebäudetechnik begonnen. Realisiert hat Bode das mit dem Projekt THAMM, in dem die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit kooperieren. Die Ziele sind: den Fachkräftemangel in Deutschland bremsen und gleichzeitig jungen Menschen aus den drei nordafrikanischen Ländern Ägypten, Marokko und Tunesien eine berufliche Perspektive bieten.

Fachkräfte finden und halten: Hilfe zur Integration ist wichtig

Ursprünglich wollte Bode für Habotec drei Auszubildende über das Projekt gewinnen: „Wir haben die Vorschläge bekommen und sieben Interviews gemacht. Letztlich hat es so gut gepasst, dass wir uns doch dazu entschieden haben, fünf zu nehmen“, sagt er. Nach dem Flug, den die Unternehmen bezahlen müssen, zogen die fünf Frauen in zwei Mitarbeiterwohnungen ein. „Dadurch haben sie Freundinnen um sich und sind nicht allein“, sagt Bode. Der Kontakt mit den übrigen Mitarbeitenden ist gut. Und um dem neuen Chef ihre Heimat näherzubringen, luden sie Bode und seine Frau zum selbst gekochten Essen ein.

Dass er für den bei Männern beliebten Beruf Elektroniker ausschließlich Frauen ausgewählt hat, hat mehrere Gründe: „Ich dachte, wenn junge Frauen das machen wollen und dafür von der Familie und aus ihrer Heimat weggehen, dann muss die Motivation schon sehr stark sein – und das hat sich bis heute bewahrheitet“, sagt Bode. Doch ihm ging es auch darum, Chancen zu eröffnen, denn alle wollten einen technischen Beruf erlernen und haben im Abitur bereits die technische Fachrichtung gewählt: „Aber in Tunesien ist das – noch stärker als hier – eine Männerdomäne. Da hat man als Frau nicht wirklich die Möglichkeit, das überhaupt zu lernen.“

„Arbeitsmigration ist ein wichtiges Teil des Puzzles“

Die Probezeit haben alle erfolgreich überstanden. Bode hat im Blick, dass sich die neuen Mitarbeiterinnen möglichst gut integrieren, damit die Chancen steigen, dass er sie als Fachkräfte langfristig behalten kann. „Es geht nicht anders mit dem drohenden Fachkräftemangel, als auch ausländische Fachkräfte anzuwerben. Den technischen Berufen des Handwerks fehlen in den kommenden Jahren Hunderttausende Fachkräfte.“ Allein mit Migration lasse sich das Problem zwar nicht lösen, aber: „Für mich ist es ein wichtiges Teil des Puzzles: Umschüler, Migranten, deutsche Auszubildende. Wir bilden viel aus, in der Hoffnung, dann einen ganzen Schwung übernehmen zu können“, sagt Bode. Aktuell sind deshalb 55 der insgesamt 220 Beschäftigten Auszubildende. Wenn es weiter so positiv läuft, möchte er gerne im nächsten Jahr noch einmal Nachwuchskräfte über das Projekt gewinnen – weil er auch sieht, dass der Fachkräftemangel in Deutschland schon in der Phase der beruflichen Ausbildung beginnt.

Das Ziel: 600 Fachkräfte und Auszubildende aus Nordafrika

Peter Bode ist mit seinen Sorgen und seiner Strategie nicht allein: 28 Unternehmen aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe und der Elektrobranche haben in den Jahren 2020 und 2021 insgesamt 92 Auszubildende aus Tunesien aufgenommen. Im Rahmen des 2019 gestarteten Projekts sollen 600 Auszubildende und demnächst auch Fachkräfte aus Tunesien und Ägypten kommen. Susanne Beck, strategische Projektleiterin auf Seiten der Bundesagentur für Arbeit, sagt, das Interesse sei ungebrochen und steige weiter: „Die Not wird größer. Ich habe den Eindruck, viele Unternehmen merken allmählich, was die Stunde geschlagen hat. Der Elektrobetrieb auf dem Land bekommt nicht mehr automatisch alle Lehrlinge aus den Nachbardörfern“, so Beck.

Auszubildende: Die Nachfrage wie früher ist nicht mehr da

Diesen Standortnachteil bekommt auch Andrea Mereu zu spüren, wenn sie Auszubildende für das „Weinromantikhotel Richtershof“ in Mülheim an der Mosel sucht. Die Operations Managerin sagt: „In den Städten ist es noch etwas einfacher, weil es mehr Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung und bessere Verkehrsanbindungen gibt. Auf dem Land ist die Nachfrage von früher einfach nicht mehr da.“ Auch sie hat sich deshalb dazu entschieden, ab Sommer 2021 zwei Männer aus Tunesien auszubilden, nachdem sie bereits in den Jahren zuvor über ein anderes Projekt fünf Nachwuchskräfte aus Indonesien für die Ausbildung gewonnen hat. „Bei den beiden jungen Männern aus Tunesien ist es Gott sei Dank aktuell kein Problem, sie kommen aus ländlichen Gegenden, deswegen finden sie die Kleinstadt und die Natur toll“, sagt Mereu.

Aber sie sollen auch bleiben. Was der Standort nicht bietet, macht Mereu mit ihrem Engagement wett: Ausländerbehörde, Einwohnermeldeamt, Fahrschule, Bankkonto, Aufenthaltstitel abholen – Andrea Mereu kümmert sich gern um alles, aber nicht nur das: Als es plötzlich kalt wurde, besorgte sie den beiden warme Winterjacken. Als Nikolausgabe stellte sie ihnen eine Kleinigkeit vor die Tür, und zum Ende der Probezeit fertigte sie den beiden Männern eine Urkunde an, die ihnen die feste Zugehörigkeit zum Team bescheinigte. „Natürlich bedeutet es zeitlichen Aufwand, aber für mich ist es auch eine Frage von Miteinander und Respekt – eine betriebliche und eine persönliche Verpflichtung“, sagt sie. Die Menschen einstellen und dann sich selbst zu überlassen, reiche nicht: „Anders wird Integration nie funktionieren.“

Flugtickets kosten gleich viel wie Stellenanzeigen

Zwölf Azubis hat das Hotel aktuell, bei insgesamt 50 Mitarbeitern. Die Pandemie, die gerade die Hotel- und Gastronomiebranche hart trifft, ist für sie kein Hinderungsgrund, weiter alle Hebel in Bewegung zu setzen: „Wir müssen perspektivisch denken, und wenn Interessenten da sind, werden wir sie begeistern und einfangen“, sagt sie. Sechs Azubis sind als Ausbildungsbotschafter an Schulen unterwegs, Mereu ist mit der Agentur für Arbeit und der IHK in Kontakt. „Wir werben mit Ausbildungs-Qualitätssiegeln und einem hauseigenen Ausbildungsprogramm. Ich greife nach allem, was sich bietet.“ Auch THAMM kann sie nur empfehlen: „Es waren immer nette, unkomplizierte und sehr kompetente Kontakte mit allen Beteiligten – und wenn ich Anzeigen schalte, ist es genauso teuer, wie den Azubis den Flug zu bezahlen“, sagt Mereu.

Azubis und Fachkräfte aus Nordafrika

Was müssen Arbeitgeber*innen leisten?

  • Für Auszubildende: Mindestgehalt von 939 Euro brutto pro Monat
  • Für Fachkräfte: Kostenübernahme für Anpassungsqualifikationen in Deutschland,
    für die Anerkennung des Berufsabschlusses
  • Übernahme der Reisekosten der neuen Mitarbeitenden nach Deutschland
  • Finanzierung eines weiterführenden Deutsch-Sprachkurses (Niveau B2) nach Arbeitsbeginn
  • Hilfe bei der Suche einer passenden, nicht zu teuren Wohnung

Mehr Informationen erhalten interessierte Arbeitgeber*innen auf der Webseite des Projekts THAMM. Sie können direkt mit den Projektmitarbeiter*innen der Bundesagentur für Arbeit Kontakt aufnehmen.

Hintergrund

Über das Projekt

THAMM steht für „Towards a Holistic Approach to Labour Migration Governance and Labour Mobility in North Africa“, also auf Deutsch: „Unterstützung regulärer Arbeitsmigration und -mobilität zwischen Nordafrika und Europa“. Die faire und nachhaltige Gewinnung von Auszubildenden und Fachkräften aus den nordafrikanischen Ländern Ägypten und Tunesien für Deutschland ist das Ziel des Projekts – vorerst. Denn THAMM soll auch testen, wie reguläre Arbeitsmigration zwischen Nordafrika und Europa sicher gestaltet werden kann. Langfristig sollen dann die Ministerien und Behörden in den nordafrikanischen Ländern die Arbeitsmigration nach Deutschland eigenständig unterstützen.
Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH sind die beteiligten Projektpartner. Auftraggeber ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das Projekt wird durch die Europäische Union kofinanziert. THAMM ist noch nicht bundesweit aktiv, sondern derzeit überwiegend in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Was bietet THAMM?

  • Informationsveranstaltungen
  • Trainings zu interkultureller Kommunikation und Kompetenz
  • Vorauswahl von Bewerber*innen (persönliche und fachliche Qualifikation)
  • Individuelle Vermittlungsvorschläge
  • Vorbereitung und Durchführung der persönlichen Auswahlgespräche
  • Deutsch-Intensivsprachkurs bis Niveau B1 für die Bewerber*innen
  • Unterstützung beim Prozess der Anerkennung von Qualifikationen
  • Vorbereitung der Ausreise inklusive Unterstützung im Visumverfahren
  • Unterstützung für Teilnehmende und Unternehmen in den ersten Monaten des Beschäftigungsverhältnisses
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Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist eine absolute Schande und riesengroße Schweinerei Fachkräfte aus dem Ausland hier her zu holen!

Anstatt mehr Gelder in die Ausbildung, Weiterbildung und sonstige Maßnahmen zu geben um lernschwachen Personen, Arbeitslosen usw. wieder eine Perspektive zu geben, werden ständig neue Menschengruppen hier nach Deutschland geholt.

Ist ja auch weitaus günstiger, als wenn man in unsere eigene Bevölkerung wieder Geld zufließen müsste.

Aber weder die Bundesregierung noch Unternehmer begreifen es, geschweige denn ihr von den Agenturen für Arbeit.

Eine richtig gute Geschichte, die in meine künftigen Gespräche mit Handwerksbetrieben definitiv einfließen wird. Ich drücke den fünf Damen, der Firma Habotec und Hr. Bode sehr die Daumen, dass der, gewiss nicht leichte Weg, ein erfolgreicher sein wird.
Ebenso wünsche ich dem Projekt THAMM viel Erfolg und finde es erwägenswert, es auf weitere Bundesländer auszuweiten. Ich arbeite mit Handwerksunternehmen aus Brandenburg zusammen, deren Ausbildungsplatzangebote Jahr für Jahr unbesetzt bleiben auch wenn in den vergangenen Jahren bereits viel für die Attraktivität der Unternehmen und der einzelnen Berufe getan worden ist.

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Maria Zeitler
Titelfoto: © iStock/fotostorm

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