Lehr­stel­len­markt

Wie Gla­ser Sterz auf Face­book Azu­bis fin­det

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
Zum Lesen scrollen

Sven Sterz hat vor einem Jahr einen Viral-Hit im Internet gelandet: Mit seinen Facebook-Videos suchte er zwei Lehrlinge für seine Glaserei. Wie sieht es bei ihm ein Jahr später aus?

Um neue Azubis zu finden ist sich Sven Sterz, der Meister-Glaser, für fast nichts zu schade. Im Februar 2018 stellt er ein Facebook-Video online: Lässig in der Armbeuge fixiert, trägt er mit Schwung eine Zimmertür aus Milchglas aus seinem Schuppen auf den Hof. Kaum im Freien, kippt die Türe über seinen Unterarm und – klatsch, klirr – zerbirst in Tausende Splitter. „Moin“, Sterz dreht sich norddeutsch-lässig zur Kamera: „Ich habe zwei Ausbildungsplätze zu vergeben.“

Der 1:17-Minuten-Klick wird zum viralen Renner: Mehr als vier Millionen Aufrufe auf Facebook. „Bild“, ZDF und die „Deutsche Handwerks Zeitung“ berichten über den Familienbetrieb in Langen bei Bremerhaven. Der Knaller zeigt Effekt: Bis zum Bewerbungsschluss schicken 36 Interessenten ihre Unterlagen ein, darunter fünf Frauen. Drei neue Lehrlinge stellt Sterz ein: seinen Sohn Finn und zwei weitere Bewerber.

Ein Jahr später fällt die Bilanz gespalten aus: Sicher, zwei seiner drei Lehrlinge sind unter den Top 3 ihrer Berufsschulklasse. Aber: „Aufgeben und Abbrechen sind keine Option. Ich bin immer für dich da!“, hatte Sterz in seinem Video gesagt. Und jetzt hat einer aufgegeben. Abgebrochene Ausbildungsverhältnisse sind für Lehrbetriebe in Deutschland ein großes Problem. Jeder vierte Azubi wirft vor der Abschlussprüfung das Handtuch – ein Minusgeschäft für jeden Betrieb.

Boni für Zwischenprüfung und Abschluss

Auch das Versprechen des Glasermeisters, sich zu kümmern, und seine guten Konditionen können nicht verhindern, dass einer der drei Lehrlinge schon im ersten Jahr geht. Bezahlung 100 Euro über Tarif, Boni nach Zwischenprüfung und Abschluss, alles unter einer Einschränkung: Die Noten müssen stimmen. „Ich verlange von meinen Azubis, dass sie sich reinhängen und mit Eifer bei der Sache sind“, sagt Sterz. Getreu seinem Firmenmotto: pünktlich, sauber, zuverlässig. Nur solange eine 3,0 als Note gehalten wird, gibt es die Zuschläge. Wer diese Leistung bringt, bekommt auch einen Zuschuss zum Führerschein.

War der Druck auf die Lehrlinge zu groß, die ständige Forderung nach Leistung Grund für den Abgang? „Dass ein Azubi gegangen ist, hatte private Gründe“, sagt Sterz heute. „Weiter will ich mich dazu nicht öffentlich äußern.“

Dennoch sieht er seine Aktion insgesamt als Erfolg. „Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, auf diesem Weg Auszubildende zu suchen.“ Er habe, sagt er, von Betrieben gehört, die versucht hätten, seine Idee zu kopieren, und krachend gescheitert sind. „Man muss authentisch bleiben und gradlinig“, sagt Sterz. „Vor allem auch den Gesellen gegenüber. Eine 3,0 ist eine 3,0 und keine 3,1. Viele machen sich keine Vorstellung davon, was wir im Handwerk bei der Suche nach Auszubildenden alles erleben.“

Azubis für 2019

Im März hat Sterz wieder ein Video auf Facebook hochgeladen. Er sucht einen neuen Lehrling für das Ausbildungsjahr 2019. Die gleichen Konditionen wie 2018. Leistung soll sich lohnen. Sterz will Schulen besuchen, um für das Handwerk zu werben. Er hat schon Rückmeldungen auf das neue Video bekommen. „Handwerk. Wir haben Spaß“ steht auf einer Glasplatte, die er zu Beginn des neuen Videos über seinen Glasschneidetisch in die Kamera schiebt. Dieses Mal zerbirst kein Glas. Das Video hat rund 60.000 Aufrufe. Für einen kleinen Handwerksbetrieb nicht schlecht, aber weit entfernt vom viralen Hit. Fünf Bewerbungen sind eingetrudelt, immerhin. Einen neuen Lehrling hat Sterz so gefunden – er fängt zum neuen Ausbildungsjahr an. Ob er durchhält? Jedenfalls weiß er, was Sterz von ihm erwartet: die 3,0.

Tipps von Sven Sterz

Authentische Azubi-Suche über Social Media

1. Bleiben Sie Sie selbst

Nur wer authentisch bleibt, schafft es, seine Follower an sich zu binden und glaubwürdig zu bleiben. Schauspielen will gelernt sein und ist den wenigsten gegeben.

2. Seien Sie einzigartig

Überlegen Sie, was Sie auszeichnet, was Ihre Follower nur bei Ihnen finden? Den Unique Selling Point (einzigartiges Verkaufsargument) nennen die Marketingexperten das. Ihn zu finden hilft Ihnen auch, die eigenen Stärken zu erkennen.

Glasermeister Sven Sterz
© DPA

Beherrscht sein Handwerk – und Social Media: Sven Sterz.

3. Bleiben Sie konsequent

Wer hü sagt, darf nicht hott meinen. Nutzer von Social Media mögen es nicht, wenn man ihnen etwas verspricht, was später nicht gehalten wird. Deshalb gilt: Überlegen Sie sich gut, was Sie Ihren Followern mitteilen und welche Hoffnungen Sie bei ihnen wecken. Enttäuschen Sie sie nicht.

4. Seien Sie am Puls der Zeit

Kennen Sie noch Google+, Lokalisten.de und Werkenntwen? Vor zehn Jahren waren das große Player auf dem deutschen Social-Media-Markt, heute kennen sie nur noch Nostalgiker. Facebook gilt manchen Jugendlichen jetzt schon als Altherren-Treffpunkt, Instagram und Snapchat haben ihm bei vielen Jugendlichen bereits den Rang abgelaufen. Überlegen Sie also, wen Sie mit Ihrem Auftritt ansprechen wollen, und wählen Sie die passende Plattform.

5. Bleiben Sie überraschend

Nichts ist so langweilig wie das Erwartbare. Wer mit Selbstironie und humorvoll auftritt, gewinnt die Herzen der Social-Media-Gemeinde. Aber übertreiben Sie es nicht: Die Berliner Verkehrsbetriebe haben mit ihrer Kampagne #weilwirdichlieben zunächst viel Sympathien zurückgewonnen, weil der ÖPNV der Hauptstadt seine Schwächen selbst auf die Schippe genommen hat. Doch alleine durch Marketing lassen sich Schwächen auf Dauer nicht retuschieren. Wer in den sozialen Medien fortschrittlich wirkt, in der realen Welt aber ständig hinterherhinkt, wird auf Dauer unglaubwürdig. Siehe Punkt 1.

Ihre Meinung: Jetzt kommentieren!
Kommentare

Teilen Sie Ihre Meinung zum Thema und Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen mit anderen Nutzern! Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Immer gut informiert

Faktor A als Newsletter

Mehr wertvolle Infos über Personalsuche, Qualifizierung, Führungsfragen und weitere wichtige Themen – wie Gesundheitsmanagement und die Zukunft der Arbeit – bietet unser kostenloser Newsletter. Fundiert, auf den Punkt und kostenlos alle zwei Wochen direkt in Ihre Inbox. Gleich anmelden!

Faktor A ist mobil

Faktor A ist für Smartphones und Tablets optimiert. Als kostenlose App ist Faktor A außerdem im App Store und bei Google Play erhältlich.

Faktor A auch offline lesen

Einige Reportagen auf Faktor A würden Sie gerne unterwegs lesen, ohne Internetzugang? Nutzen Sie die Sammelmappe „Mein Faktor A“, um Artikel zu Ihrer eigenen Auswahl hinzuzufügen und diese Sammlung als PDF zu versenden oder herunterzuladen.


Matthias Thiele
Titelfoto: © Noprati Somchit/Getty Images

Mehr zu diesem Thema