Häftling Sebastian Berger erzählt von seiner Ausbildung

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Für Häftlinge eröffnet das Angebot der Agentur, die Rückkehr ins Berufsleben zu begleiten, neue Lebensperspektiven. Ein junger Berliner erzählt, was er daraus gemacht hat.

Sebastian Berger (Name geändert) hatte einen holprigen Lebensweg hinter sich, als er in einer Berliner Haftanstalt den Arbeitsvermittler Dennis Dötzel kennenlernte. Der Resozialisierungsberater verhalf ihm zu einem Ausbildungsplatz bei einer Reinigungsfirma. Seither fühle sich das Leben wieder gut an, sagt Sebastian Berger. In einem Telefoninterview hat er sein bisheriges Leben Revue passieren lassen und seinen Alltag als Azubi geschildert.

„Ich komme aus Berlin-Spandau und bin Ende 20. Vor vier Monaten habe ich eine Ausbildung zur Reinigungskraft begonnen. Ein bisschen spät für mein Alter, aber wenn man bedenkt, dass ich derzeit eine Haftstrafe absitze, und das nicht zum ersten Mal, kann ich froh sein, einen Ausbildungsplatz bekommen zu haben.

Mein Leben war bisher eine ganz schöne Achterbahnfahrt. Dabei hatte ich eigentlich eine gute Kindheit. Meine Mutter war Krankenschwester, mein Vater hat für die Rentenversicherung gearbeitet. Als sich meine Eltern trennten, muss jedoch etwas in mir zerbrochen sein. Ich war das jüngste von fünf Kindern. Wir blieben beim Vater, doch als dessen neue Freundin bei uns einzog, packte ich meine Sachen. Ich konnte sie nicht leiden.

Jedenfalls war ich ein zorniges Kind. Mit 18 Jahren landete ich das erste Mal im Gefängnis. Für eineinhalb Jahre, wegen Körperverletzung. Meinen Ausbildungsplatz zum Anlagenmechaniker musste ich deshalb aufgeben. Nur zehn Monate nach meiner Entlassung musste ich wieder rein, erneut wegen Körperverletzung. Dieses Mal machte ich eine Verhaltenstherapie, die mir guttat. Als ich wieder draußen war, fing ich mit Kraftsport an. Ein Freund empfahl mir Kokain – daraus entwickelte sich leider eine Sucht, die ich mit dem Verkauf von Drogen finanzieren musste. Eines Tages stand die Polizei erneut vor der Tür. Ich bekam drei Jahre und acht Monate wegen bewaffneten Drogenhandels.

„Die Leute vom Arbeitsamt“

Im Gefängnis habe ich mitbekommen, dass jede Woche Leute vom Arbeitsamt vorbeikommen. Ich hatte seit meiner abgebrochenen Ausbildung nichts mehr richtig angepackt, war mal Türsteher oder habe schwarz auf dem Bau gearbeitet. Der Mitarbeiter fragte mich nach meinen Vorstellungen, und ich sagte ihm, dass ich die angefangene Ausbildung zum Anlagenmechaniker gern weitermachen würde. Der erste Anlauf klappte leider nicht. Ich war noch im geschlossenen Vollzug, da mahlen die Mühlen langsamer. Beim zweiten Anlauf aber – im offenen Vollzug – lief alles glatt. Herr Dötzel vom Arbeitsamt fragte mich, ob ich mir auch vorstellen könnte, in der Reinigungsbranche zu arbeiten. Ich dachte, einen Versuch ist es wert, und bewarb mich bei der Firma GRG, einer Hamburger Gebäudereinigungsfirma, die in Berlin viele Kunden hat. Das Bewerbungsgespräch war kurz und schmerzlos – die Firma arbeitet bereits mit Häftlingen und hat damit offenbar gute Erfahrungen gemacht.

Im April fing ich an mit Eventreinigung im Friedrichstadt-Palast. Das ist ein Varietétheater in Berlin, wo so gut wie jeden Abend Programm ist. Ich habe da Böden gewischt, teilweise mit Maschinen. Das fand ich ganz cool, und ich kam auch mit den Kollegen gut klar. Bei einer Schulung in der Zentrale hat mich dann eine Mitarbeiterin gefragt, ob ich nicht bei ihnen eine Ausbildung anfangen wollte. „Wir würden uns darüber freuen, denn wir sind sehr zufrieden mit Ihnen“, sagte sie zu mir.

Ein straffer Alltag

Es gibt zwar viele Ungelernte bei GRG, die dasselbe Geld bekommen wie ich. Aber mit einer Ausbildung kann ich aufsteigen und langfristig deutlich mehr verdienen. Seit September gehe ich daher einmal die Woche in die Berufsschule und lerne alles über Schädlingsbekämpfung, Glasreinigung und mit welcher Chemie man welche Böden behandeln muss. Das ist viel Stoff, und ich komme nicht viel zum Lernen, aber zum Glück hat es bisher immer gereicht für eine Zwei oder Drei.

Mein Alltag ist seither ganz schön straff. Ich stehe um drei Uhr morgens auf und verlasse um 4.20 Uhr die Anstalt. Denn ich brauche bis zum Arbeitsplatz mit den öffentlichen Verkehrsmitteln allein eineinhalb Stunden. Von sechs Uhr bis 14.30 Uhr bin ich für die Firma im Einsatz, danach mache ich entweder Sport oder besuche meine Freundin. Spätestens um 20.20 Uhr – nach exakt 16 Stunden – muss ich wieder zurück in der Anstalt sein. Meistens quatsche ich dann noch mit den anderen, jeder will ja erzählen, was er draußen erlebt hat. Dadurch komme ich oft nicht vor 23 Uhr ins Bett und brauche dann morgens viel Kaffee, um wieder in die Pötte zu kommen.

Aber ich will nicht klagen – im Gegenteil: Mein Leben fühlt sich gut an. In sechs Monaten werde ich wieder auf freiem Fuß sein. Dann mache ich einen Neuanfang. Meine Freundin und ich wollen heiraten.“

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Darüber haben wir noch nie nachgedacht, es gäbe aber unter Umständen Positionen, bei denen wir auch über die Einstellung von Häftlingen nachdenken könnten.
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Akiko Lachenmann
Titelfoto: © Corbis documentary/Getty Images