Studierende als Nachfolger:innen im Handwerk

Handwerk: Studierende als Nachfolger:innen

Wie die Übergabe des Betriebs gelingt

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
Zum Lesen scrollen

Der Zentralverband des deutschen Handwerks geht davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren 125.000 Handwerksbetriebe einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für ausscheidende Geschäftsführende suchen. Gleichzeitig bleiben weniger als 40 Prozent der Gesellinnen und Gesellen dem Handwerk treu, der Rest wandert beispielsweise in die Industrie ab. Eine Lösung könnte sein: Hochschulabsolventen und -absolventinnen übernehmen die Handwerksbetriebe. Madeleine Peterson-Oster ist diesen Weg gegangen und hat zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter das Familienunternehmen Oster Dach + Holzbau GmbH übernommen.

Das sagt die Nachfolgerin

„Nicht jeder muss ein Start-up gründen“

Madeleine Peterson-Oster ist 33 Jahre alt, Holzbauingenieurin, Zimmerer- und Dachdeckermeisterin und Geschäftsführerin des Familienunternehmens Oster Dach + Holzbau GmbH, in dem sie gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Mutter die Nachfolge antritt.

Faktor A: Frau Peterson-Oster, Sie haben nach Ihrer handwerklichen Ausbildung, Ihrer Meisterprüfung und Ihrem Studium gemeinsam mit Ihrem Bruder den Handwerksbetrieb Ihrer Eltern übernommen. Ist das ein Weg, den Sie auch anderen Unternehmensgründer:innen empfehlen würden?

Madeleine Peterson-Oster: Ich würde es andersherum formulieren: Wenn man nach der handwerklichen Ausbildung ein Studium macht, dann ist das auf keinen Fall ein Ausschlusskriterium, um zurück ins Handwerk zu gehen. Denn genau das ist ja das Problem: Ganz viele Leute aus dem Handwerk, die Abi haben, studieren danach, gehen aber den Schritt zurück ins Handwerk nicht. Leider ist immer noch die Meinung verbreitet, dass man mit einem Studium für einen Handwerksbetrieb überqualifiziert sei. Aber das stimmt nicht.

Erzählen Sie doch bitte einmal kurz Ihren Werdegang.

Ich habe, nachdem ich mit 16 Jahren für ein Jahr in Amerika war, Abitur und anschließend die Ausbildung zum Zimmerer gemacht. Es gibt zwar viele Leute, die sagen, dass es besser ist, die Ausbildung woanders zu machen, aber meine zwei Brüder und ich haben alle zu Hause gelernt. Wir wollten einfach alle Energie in den familieneigenen Betrieb stecken. Anschließend habe ich noch den Zimmerermeister in Kassel gemacht. Während des Studiums in Aachen im Bereich Holz-Ingenieurwesen habe ich noch die Prüfung als Dachdeckermeisterin in Kassel bestanden.

Stand für Sie denn schon immer fest, dass Sie diesen Beruf ergreifen und ins Familienunternehmen einsteigen möchten?

Ich habe das nie ausgeschlossen, wir sind ja im Betrieb groß geworden. Wir haben zwar alle drei auch viele Praktika gemacht, zum Beispiel als Bauzeichner, Friseur und Optiker. Mein Abitur habe ich sogar mit dem Schwerpunkt Musik gemacht. Wir konnten also wirklich in viele Bereiche hineinschnuppern, aber es kam immer wieder der Wunsch auf, dass wir den Betrieb weiterführen werden.

Wie viel arbeiten Sie heute als Ingenieurin und Geschäftsführerin denn tatsächlich noch handwerklich?

Ich bin zwar noch viel auf den Baustellen, da Absprachen vor Ort mit den Mitarbeitern, Kunden und Planern besonders wichtig sind, aber sehr viel handwerkliche Arbeit bedeutet das für mich tatsächlich nicht mehr. Das Hintergrundwissen ist jedoch für meine Arbeit im Bereich der technischen Planung und die Kundenberatung essenziell. Wenn ein Kunde anfragt, schaue ich mir die Projekte an und kalkuliere sie. Ich organisiere die Arbeitsvorbereitung, bauleite dann das Projekt mit unseren Mitarbeitern und mache anschließend auch die Abrechnung.

Und wie wichtig ist es für Ihren Arbeitsalltag, dass Sie studiert haben?

Es ist gerade die Kombination aus Handwerk und Studium, die mir sehr viel Freude macht. In den jeweiligen Ausbildungen erlernt man zum Teil ähnliche, aber auch sehr unterschiedliche Kompetenzen, die einem täglich zugutekommen. Im Studium ist der theoretische Anteil hoch, und Themen werden in der Tiefe behandelt. Das kann einem den Austausch mit den Fachplanern erleichtern. Im Bauwesen habe ich beispielsweise sehr viel mit Statikern und Bauphysikern zu tun. Außerdem lernt man im Studium auch viele Dinge – wie Präsentationstechnik, Kommunikation und Teamwork. Die baupraktischen Fähigkeiten aus der Meisterschule wollte ich aber in keinem Fall missen, denn die Theorie muss ja auch in die Praxis umgesetzt werden können.

Was möchten Sie Studierenden gerne noch mit auf den Weg geben?

Ich denke, dass es wichtig ist, den Leuten klarzumachen, dass man als Akademiker:in in einem Handwerksbetrieb viele tolle Perspektiven hat. Junge Menschen sollen sich gut fühlen, wenn sie einen Betrieb übernehmen möchten. Unterschwellig heißt es leider immer noch: Mach doch etwas aus dir, anstatt in einem Handwerksbetrieb zu arbeiten. Dabei sind in den Betrieben viele Kompetenzen gefragt! Und: Nicht jeder muss ein Start-up gründen, es gibt bereits so viele gute Unternehmen mit einer guten Substanz, die auf eine Nachfolge hoffen. Warum von null aus starten, wenn man bereits mit einer gesunden Basis auf viel Erfahrung aufbauen kann?

©Andreas Scholer/tonimedia.de

Karin Oster, Geschäftsführerin des Familienunternehmens Oster Dach + Holzbau GmbH

Das sagt die Mutter und Geschäftsführerin des Handwerksbetriebs

„Ich bin ein absoluter Freund davon, Praxis und Studium zu kombinieren“

Karin Oster ist 63 Jahre alt, Dachdeckermeisterin, Managerin im Dachdeckerhandwerk und Geschäftsführerin des Familienunternehmens Oster Dach + Holzbau GmbH, das sie 1986 zusammen mit ihrem Mann gegründet hat.

Die Entscheidung, die Nachfolge für unser Handwerksunternehmen zu regeln, haben wir getroffen, als mein Mann an Krebs erkrankt ist. Dass unsere beiden älteren Kinder, die zu diesem Zeitpunkt 24 und 27 Jahre alt waren, in das Familienunternehmen einsteigen würden, stand damals schon fest. Unsere Kinder haben schon immer gesagt, dass sie gerne mit uns arbeiten und Häuser bauen möchten. Sie haben ja alle eine handwerkliche Ausbildung als Zimmerer beziehungsweise Dachdecker gemacht.

Deshalb haben wir uns entschieden, die Betriebsanteile auf mich und unsere Kinder zu verteilen und damit direkt Verantwortung zu übergeben. Auf diese Weise haben wir unsere Verantwortung geteilt und sind gleichzeitig noch Teil der Geschäftsführung geblieben.

Unser jüngster Sohn war allerdings erst 17 Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur. Damals wussten wir noch nicht, wie seine Zukunft aussehen würde. Deshalb haben wir entschieden, dass zunächst nur die beiden älteren Kinder Anteile erhalten. Für meinen jüngsten Sohn haben wir ebenfalls bereits eine Lösung erarbeitet, sofern er nach seiner Ausbildung in den Betrieb einsteigen möchte.

Bei der Bildung unserer Kinder haben wir immer Wert daraufgelegt, dass sie gute Schulabschlüsse erlangen, um gegebenenfalls später noch ein Studium absolvieren zu können. In der heutigen Zeit ist es auch im Handwerk nicht mehr so leicht, mitzuhalten. Wir arbeiten viel mit Planungsbüros zusammen und haben teilweise schwierige Aufgaben zu bewältigen. Hierbei können die gelernten Kompetenzen aus dem Studium oftmals hilfreich sein. Am liebsten war uns immer, dass die Kinder das Studium mit einer Meisterschule koppeln, wenn sie das möchten.

Ich bin ein absoluter Freund davon, Praxis und Studium zu kombinieren. Denn im Betrieb lernt man das Handwerk von der Pike auf. In der Ausbildung geht man zur Baustelle, lernt den Umgang zwischen Mitarbeitern und zwischen Bauherren und auch der Industrie kennen. Danach besucht man am besten die Meisterschule und absolviert anschließend ein Studium. Oder umgekehrt, so wie mein jüngster Sohn. Auf diese Weise lernt man, die Zusammenhänge besser zu verstehen und sich zu artikulieren. Durch die geforderte Eigeninitiative im Studium lernt man außerdem strukturiertes Arbeiten.

Wichtig ist meiner Meinung nach, diese Chance in jungen Jahren zu nutzen. Denn wer nach der Meisterschule erst einmal wieder in den Betrieb geht, fängt meist später kein Studium mehr an.

Unter unseren Azubis haben 50 Prozent Abitur und werden vielleicht auch studieren. Das ist auf jeden Fall ein guter Weg. Leider kehren viele junge Leute danach nicht ins Handwerk zurück, sondern arbeiten später in Architekturbüros oder in der Industrie. Das ist sehr schade, denn auch der Arbeitsalltag im Handwerk ist anspruchsvoll und zudem sehr abwechslungsreich. Als Ingenieur kann man gemeinsam mit Planungsbüros arbeiten, die Kunden beraten und Kostenkalkulationen zusammenstellen sowie die Baustellenleitung übernehmen. Es ist die perfekte Kombination aus Theorie und Praxis und sehr erfüllend für den Berufsalltag. Finanziell ist man meiner Meinung nach auch nicht schlechter gestellt als in einer anderen Branche.

Auch wenn ich theoretisch in den nächsten Jahren in Rente gehen könnte, habe ich weiterhin großes Interesse und Freude, die Kinder im Betrieb mit meiner Erfahrung zu unterstützen.

Es macht mir einfach Spaß, unser Lebenswerk weiter wachsen zu sehen. Meine Aufgaben haben sich inzwischen auch gewandelt, und ich kann somit etwas mehr im Hintergrund agieren. So habe ich auch mal Zeit, Themen zu bearbeiten, die sonst im Alltag auf der Strecke geblieben sind. Damit nehme ich den Kindern diese Arbeit ab und kann den Betrieb weiter maßgeblich mitgestalten.

Zusätzliche Informationen

Tipps für Nachfolger:innen und Übergebende

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) unterstützt Handwerksbetriebe bei der Suche nach geeigneten Nachfolger:innen. Dafür besuchen die Mitarbeiter:innen unter anderem Schulen und Hochschulen, um potenzielle Übernehmer:innen zu erreichen. „Wir müssen immer noch sehr gründlich erklären, dass Handwerksbetriebe durchaus interessante Betriebe zum Beispiel für zukünftige Diplom-Ingenieurinnen und -Ingenieure oder Diplom-Kaufleute sind“, sagt Rolf Papenfuß, Referatsleiter Abteilung Gewerbeförderung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Und nicht nur das: Handwerksbetriebe seien je nach Größe im Vergleich zu Industriebetrieben relativ leicht zu finanzieren. Die Nachfolgenden bekommen bei einem passenden Konzept unproblematisch einen Kredit bzw. eine Förderung.

Wer sein Unternehmen übergeben möchte, bekommt bei den Betriebsberatungsstellen der bundesweit 53 Handwerkskammern und bei den Fachverbänden Unterstützung in allen unternehmerischen, rechtlichen und finanziellen Fragen, die für die Übergabe eines Betriebes relevant sind.

Studierende, die Interesse haben, einen Betrieb zu übernehmen, können sich jederzeit an eine von 900 Betriebsberatungsstellen der Handwerksorganisation wenden und erhalten dort eine umfangreiche neutrale und kostenlose Beratung. Diese dauert zunächst bis zu vier Tage und kann danach – je nach Notwendigkeit – noch verlängert werden. Für eine reibungslose Übergabe stellt die Handwerkskammer Nachfolgelotsen, die Übergebende und Nachfolger:innen betreuen.

Beim Suchen und Finden von Betrieben und Nachfolger:innen unterstützen regionale Betriebsdatenbanken oder die bundesweit aufgestellte Unternehmensbörse nexxt-change.org.


Birte Schmidt
Titelfoto: ©Andreas Scholer/tonimedia.de