Florian Post

Unternehmer Florian Post

„Ich weiß, was ich kann, und ich will es beweisen“

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
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Die linke Hand von Florian Post ist nur in Ansätzen ausgebildet. Das hinderte ihn nicht daran, Karriere zu machen: Post stieg vom Praktikanten zum Inhaber eines Handwerksbetriebs auf. Als er später einen Autisten einstellte, äußerten Mitarbeiter Bedenken. Er sei zu langsam, befanden sie. Doch inzwischen sind sie von ihrem Kollegen genauso beeindruckt wie Post.

Ein dreistöckiger Zweckbau im Gewerbegebiet von Dresden-Gohlis. Zu DDR-Zeiten war hier ein reiner Bürokomplex untergebracht. Seit den 1990er-Jahren aber werden im Erdgeschoss Bohrer- und Fräswerkzeuge individuell für die Zulieferer der Automobil- und Flugzeugindustrie gefertigt. Es ist heiß an diesem Mittwoch im Sommer 2020. Durch die Werkstatt wabert feiner Ölgeruch, die Lüftung brummt auf Hochtouren. Seit sechs Uhr früh werden hier Sägeblätter geschliffen und Bohrer nach Kundenvorlagen an computergesteuerten Werkzeugmaschinen hergestellt. Inhaber Florian Post hat an diesem Vormittag zwischen Telefonaten und Büroarbeit an einer CNC-Anlage drei Spezialbohrer für einen Motorradfabrikanten produziert. Jetzt, um 14 Uhr, gegen Ende der Frühschicht, sitzt Post an einem langen Tisch im Pausenraum, vor ihm steht eine Tasse frisch gebrühter Kaffee.

Faktor A: Die Werkzeuge, die in Ihrem Betrieb gefertigt werden, müssen auf den Hundertstelmillimeter passen. Eine ziemlich anspruchsvolle Arbeit. Doch die meisten Ihrer Mitarbeiter kommen aus metallfernen Branchen. Warum ist das kein Problem?

Florian Post: Bei uns gibt es tatsächlich alles – vom Steinmetz bis zum Tischler. Trotzdem beherrschen meine Jungs sämtliche Aufgaben hier, denn sie wurden alle mindestens ein Jahr dafür angelernt, aber vor allem: Sie interessieren sich dafür. Das ist das Allerwichtigste. Und sie besitzen ein räumliches Vorstellungsvermögen. Sie wissen, wie das Werkzeug aussehen soll, das ein Kunde bestellt hat, und haben im Hinterkopf, wofür der das braucht.

Im vergangenen Jahr haben Sie mit Tobias Hähner einen Mitarbeiter eingestellt, der zwar gelernter Zerspanungsmechaniker ist, aber überdies Autist. Weil er eine Behinderung hat so wie Sie?

Auch. Ich habe während meiner Lehrzeit am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wegen einer Behinderung abgelehnt zu werden. Aber ich wusste, was ich kann, und wollte das beweisen. Hätte mir damals niemand eine Chance gegeben, wäre das schwierig geworden. Warum also sollte nicht auch ein Autist die gleiche Chance bekommen wie ich?

Tobias wurde wie Sie am BBW Dresden ausgebildet. Vor vier Jahren hat er dann sein erstes Praktikum in Ihrem Betrieb gemacht. Haben Sie damals Ihre Mitarbeiter auf ihn vorbereitet?

Ein bisschen. Ich habe ihnen gesagt, dass wir dem Jungen wenigstens die Möglichkeit geben müssen, reinzuschnuppern. Wir sind ein offener Betrieb. Die Jungs haben ihn herzlich aufgenommen und immer wieder versucht, ihn miteinzubeziehen. Aber ich gebe zu, anfangs war es nicht einfach. Tobias redet wenig und oft sehr leise. Er isst und trinkt auch nicht vor anderen. Das beeinflusst das Miteinander. Aber wir motivieren ihn, mitzumachen. Häufig arbeiten wir im Team, unterhalten uns über Werkzeug und überlegen gemeinsam, wie wir komplexe Aufgaben umsetzen können. Da ist dann jeder gefragt, auch Tobias.

Und es hatte wirklich keiner Bedenken, als Sie ihn später fest anstellen wollten?

Doch. Der ein oder andere fragte schon nach, ob ich sicher sei, dass wir das machen sollten, weil Tobias ziemlich langsam sei. Um auszugleichen, dass Tobias mehr Zeit braucht, bekommen wir finanzielle Unterstützung von der Agentur für Arbeit. Wir brauchen das auch, denn es wird noch mindestens drei Jahre dauern, bis er durch Routine eine gewisse Schnelligkeit erreicht. Aber schon jetzt haben die Jungs festgestellt, dass er gut reingefunden hat. Wir merken schon Verbesserungen. Es war deshalb die absolut richtige Entscheidung, ihn einzustellen.

Was hat Sie an Tobias überzeugt?

Seine Qualität. Ich erinnere mich noch genau: Ziemlich zu Anfang sollte er Bohrer an einer kleinen CNC-Maschine schleifen. Jeder Praktikant vor ihm hatte den kleinen Ausbruch an der Spitze übersehen, nur Tobias fragte: „Was ist denn mit der Ecke hier oben?“ Bei uns geht es um kleinste Details, und dass er das gesehen hat, hat mich beeindruckt. Deshalb habe ich an ihm festgehalten.

Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit mit ihm?

Man braucht etwas Fingerspitzengefühl und Zeit, bis man mit ihm warm wird. Er ist ein Typ, der ohne jede Nachfrage alles verstehen möchte. Tobias vermeidet Nachfragen. Deshalb hört er genau zu, denkt über das Gesagte nach und setzt es dann um. Das ist manchmal schwierig, darum unterstützen wir ihn und fragen nach, damit er antworten muss. So holen wir ihn immer wieder ins Boot. Tobias macht seine Arbeit dann aber wirklich super, er ist sehr genau. Das ist ideal bei Werkzeugen. Im Moment braucht er zwar die dreifache Zeit, aber sein Ausschuss liegt nahezu bei null. Ansonsten sind für ihn geregelte Abläufe wichtig. Man kann nicht einfach sagen: „Morgen kommst du um zwölf und übermorgen um drei.“ Aber während der Arbeitszeit probieren wir immer wieder vorsichtig Veränderungen aus.

Andreas Pahler kommt nach Schichtende in den Pausenraum. Der 36-Jährige hat zusammen mit Florian Post am BBW Dresden gelernt. Seine linke Hand ist ähnlich fehlentwickelt wie die von Post. Weil er jedoch keinen Daumen hat, gilt er mit einer Beeinträchtigung von 50 Prozent als schwerbehindert. Fühlt er sich dadurch eingeschränkt? „Nein, ich bin damit groß geworden“, sagt Pahler. „Wenn ich als Jugendlicher einen Unfall gehabt hätte, wäre das vermutlich schwieriger.“ Eigentlich wäre er gerne Elektriker oder Maurer geworden. Aber im Berufsvorbereitungsjahr wurde schnell klar: Ohne vollwertige linke Hand würde das nichts werden. Er hat dann beim BBW Dresden verschiedene Tätigkeiten ausprobiert und sich für einen Metallberuf entschieden. Zwei Jahre nach Post stieß Pahler zum Betrieb, heute ist er einer von zwei Schichtführern. „Er kennt sich mit jedem Werkzeug aus“, sagt Post, „und man kann sich auf ihn verlassen.“ Pahler macht auch die Qualitätskontrolle.

Immer wieder wird kritisiert, dass die freie Wirtschaft nicht genug Behinderte einstellt – oder zumindest nicht in dem Maße, wie es möglich wäre. Wie sehen Sie das?

Florian Post: Ich persönlich kenne viele Betriebe, die Mitarbeiter mit Behinderungen beschäftigen, aber es könnten mehr sein. Es muss allerdings auch passen. Ein Freund von mir ist Rollstuhlfahrer. Er arbeitet als Schichtleiter in einer Halbleiterfabrik. Ich könnte allerdings für die Werkstatt keinen Rollstuhlfahrer einstellen, das würde nicht funktionieren, weil die Wege für das Rangieren zu eng wären. Dagegen ist es bei uns unwichtig, ob jemand nur einen Arm hat oder drei Finger. Andy und ich beispielsweise, wir wissen uns zu helfen und können eine Schleifscheibe genauso einspannen wie die Kollegen. Was ich schlimm finde, ist, dass so viele Behinderte unsichtbar in Werkstätten arbeiten. Das mag für einige Menschen gut sein, allerdings spalten wir damit die Gesellschaft. Ich glaube, man könnte das anders und besser hinkriegen.

Müssten sich also noch mehr Firmen für behinderte Menschen öffnen?

Auf jeden Fall. Es kommt allerdings immer auf die Art und den Grad der Behinderung an. Die Leute müssen zum Betrieb passen.

Gibt es nach Ihrer Meinung vielleicht sogar Vorteile für Unternehmen, wenn sie behinderte Menschen beschäftigen?

Ja. Meiner Erfahrung nach sind behinderte Kollegen offener und feinfühliger im Umgang. Und mein Eindruck ist: Sie sind ehrlicher. Zumindest habe ich das so im Berufsbildungswerk erlebt. Ich denke außerdem, je mehr Menschen mit Behinderung man im Alltag wahrnimmt, desto normaler wird es für alle. Dann schaut auch keiner mehr auf meine Hand.

Was ist mit der Belegschaft? Profitiert die auch?

Sehr sogar. Meine Jungs können durch die Zusammenarbeit mit Tobias auch außerhalb der Firma ganz anders mit Menschen mit Behinderung umgehen. Und sie erzählen ihren Familien und Freunden davon und geben so ihre Erfahrungen weiter.

Wie ist das mit Ihnen? Als Geschäftsführer haben Sie ja häufig persönlichen Kontakt zu Ihren Kunden. Glauben Sie, dass man Sie aufgrund Ihrer Behinderung anders behandelt?

Nein. Meine Kunden kennen mich schon jahrelang. Für die macht es keinen Unterschied mehr, ob ich mit zwei gesunden Händen ankomme oder nicht. Anfangs wollten sie mir die Kisten noch zum Auto tragen. Als ich dann aber gesagt habe: „Vielen Dank. Ich finde das toll! Aber ich schaff’ das schon“, haben sie verstanden, dass ich es alleine will und kann. Ich sehe mich nicht als behindert, sondern als körperlich eingeschränkt. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, hat es mich sehr geärgert, dass ich wegen meiner Hand kein Moped fahren konnte. Immer nur hintendrauf sitzen, das fand ich wirklich blöd. Heute macht mir das nichts mehr aus. Es ist halt so.

Florian Post, Inhaber WPF
© Gunthild Kupitz

Florian Post

Zur Person

Florian Post

In Dresden-Gohlis stellt Florian Post, 36, mit seinem Werkzeugschleifdienst WFP Sonderwerkzeuge her: Hier werden im Zweischichtbetrieb unter anderem Bohrer und Fräswerkzeuge für die Kunststoff und Metall verarbeitende Industrie gefertigt. Geboren wurde der Unternehmer 1984 in Leipzig mit einer Fehlbildung der linken Hand, deren winzige Finger ebenso wie der Daumen unmittelbar am Ballen sitzen. Nach der neunten Klasse ging Post zunächst für das Berufsvorbereitungsjahr an das SRH Berufsbildungswerk Dresden (siehe Kasten). Anschließend begann er dort eine Ausbildung zum Werkzeugmaschinenspaner und wechselte nach der Zwischenprüfung zum Zerspanungsmechaniker. Dabei lernte er nicht nur Metall zu drehen und zu fräsen, sondern auch das Programmieren von CNC-Maschinen. Beim Werkzeugschleifdienst Sisolefsky, heute WFP, absolvierte er zahlreiche Praktika. Gegen Ende seiner Ausbildung 2005 bot ihm der damalige Inhaber eine feste Stelle an. Zehn Jahre später übernahm Post als „Industriemeister Metall“ die Firma von seinem Chef, der nach knapp 25 Jahren in den Ruhestand ging. Sein Team wuchs seitdem von acht auf zwölf Mitarbeiter.

Berufsbildungswerk Dresden

Das BBW Dresden gehört zu den bundesweit gut 50 Berufsbildungswerken, die Jugendlichen mit gesundheitlichen Einschränkungen eine Erstausbildung anbieten – samt medizinischer und therapeutischer Betreuung, falls nötig. Beim BBW Dresden können die jungen Männer und Frauen zwischen 14 Berufen wählen – von kaufmännisch bis kreativ, von technisch bis IT. Wer will, absolviert zuvor noch ein Berufsvorbereitungsjahr. Derzeit besuchen rund 300 Jugendliche das BBW Dresden, etwa zwei Drittel von ihnen wohnen auf dem Campus. Die Berufsbildungswerke werden unter anderem von der Bundesagentur für Arbeit gefördert. Das gemeinsame Ziel: junge Erwachsene mit körperlichen, psychischen oder geistigen Einschränkungen für einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

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Gunthild Kupitz
Titelfoto: © Gunthild Kupitz

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