Team der Porzellanfabrik Hermsdorf, Inklusionspreisträger 2020

Porzellanfabrik Hermsdorf

„Jeder profitiert von Inklusion“

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
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Die Porzellanfabrik Hermsdorf in Thüringen lebt vor, wie Inklusion geht: Ein Zehntel der Mitarbeiter sind Menschen mit Behinderung. Von der Produktion bis zur Verwaltung arbeiten sie in allen Bereichen. Dafür wurde der Betrieb gerade mit dem „Inklusionspreis für die Wirtschaft“ ausgezeichnet. Warum nicht nur das Unternehmen, sondern auch jeder Einzelne durch Inklusion gewinnt, erzählen Geschäftsführerin Sybille Kaiser und der sehbehinderte Azubi Florian Zapf.

Faktor A: Zehn der 111 Mitarbeiter in Ihrem Betrieb haben eine Beeinträchtigung. Wie normal ist Inklusion für Sie?

Sybille Kaiser: Wir leben das hier einfach, ohne Ausnahme. Jede Person ist bei uns eine vollwertige Arbeitskraft, egal ob sie beeinträchtigt ist oder nicht. Das Wichtigste ist, dass man die richtige Aufgabe für jeden Einzelnen findet. Es ist traurig, dass Menschen mit Behinderung, egal ob geistig oder körperlich, in unserer Gesellschaft keine Lobby haben. Es gibt keinen Grund dafür.

Was für Beeinträchtigungen haben die zehn Mitarbeiter?

Zwei sind geistig behindert und zwei schwer körperlich. Die anderen haben schon länger bei uns im Betrieb gearbeitet und sind erst mit der Zeit als Folge von unterschiedlichen Erkrankungen behindert geworden. Sie konnten nicht mehr schwer heben oder lange stehen. Um sie zu halten, haben wir deren Arbeitsbereiche den Fähigkeiten angepasst.

Und wie?

Zum Beispiel durch Hebehilfen, die wir nun in der Produktion einsetzen und durch die wir die körperlichen Belastungen deutlich reduzieren konnten. Außerdem bieten wir flexible Arbeitszeitmodelle an. Gerade die schwerbehinderten Mitarbeiter können meist nicht voll arbeiten. Die Kraft und auch die Konzentrationsfähigkeit lässt irgendwann nach. Aber das ist doch kein Thema. Bei uns herrscht eine offene Unternehmenskultur. Wir können hier über alles reden. Jeder weiß, wer Unterstützung braucht, bekommt sie.

Warum ist Arbeit gerade für Menschen mit Behinderung so wichtig?

Sie gibt den Menschen eine Aufgabe, Sinn und Anerkennung. Wer beeinträchtigt ist, lebt mit dem ständigen Stigma: Der ist behindert, der kann also nichts. Aber das ist falsch! Wir nehmen eine Person ja nicht, weil sie behindert ist, sondern weil sie gut ist und wir eine passende Aufgabe haben. Was ich immer wieder feststelle: Es gibt keine loyaleren Mitarbeiter als die Mitarbeiter mit Behinderung.

Das heißt, man tut sich als Unternehmen einen Gefallen, wenn man sie einstellt?

Auf jeden Fall! Wenn sie einem Menschen mit Behinderung die Chance geben, sich beruflich ganz normal zu entfalten, dann ist der voll motiviert und zeigt: Ich kann das genauso gut wie jemand ohne Behinderung. Und was man nicht vergessen darf: Inklusion verändert die ganze Belegschaft. Das Miteinander. Die Hilfsbereitschaft. Alle profitieren davon. Und auch die Sicht aufs eigene Leben wandelt sich. Wer jeden Tag vor Augen geführt bekommt, was für ein Glück es ist, gesund zu sein, wird automatisch dankbarer.

Sybille Kaiser, Geschäftsführerin der Porzellanfabrik Hermsdorf, mit einem ihrer Mitarbeiter
© Zeichensetzen/Harms

„Es gibt keine loyaleren Mitarbeiter als die Mitarbeiter mit Handicap“, sagt Geschäftsführerin Sybille Kaiser, hier mit einem ihrer Mitarbeiter, Christian Gensch.

Sie haben gesagt: Das Wichtigste sei, für jeden die passende Aufgabe zu finden. Wie stellen Sie das sicher?

Durch Praktika und durch Probearbeit. Da stellt man schnell fest, ob die Aufgabe zur Person und der Mensch ins Team passt. Und wenn es doch mal nicht hinhaut, dann muss man absagen. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Warum, glauben Sie, haben andere Arbeitgeber so eine Scheu, Menschen mit Behinderungen einzustellen?

Ich höre oft: „Wenn ich einen behinderten Menschen einstelle, werde ich den nie wieder los.“ Aber das ist absoluter Blödsinn. Erstens stelle ich niemanden ein, um ihn sofort wieder loszuwerden. Und zweitens, wenn die Chemie doch einmal überhaupt nicht stimmt, dann kann man sich von einem Menschen mit Behinderung genauso trennen wie von jedem anderen Mitarbeiter auch. Man braucht zwar das Einverständnis des Integrationsamtes, aber daran wird es nicht scheitern. Ein weiteres Argument, das ich immer wieder höre, ist: „Da müssen wir zu viel investieren.“ Aber auch da kann ich nur sagen: Wenn man eine geeignete Aufgabe hat, ist das meistens nicht der Fall. Und wenn doch, gibt es Unterstützung. Zum Beispiel von der Bundesagentur für Arbeit.

Wie hat die Bundesagentur für Arbeit Ihr Unternehmen unterstützt?

Wir haben im vergangenen Jahr einen Azubi eingestellt. Den Florian. Ein ganz toller Typ. Sehr engagiert, sehr motiviert, prima Auftreten. Florian ist stark sehbehindert. Wir mussten für ihn einen speziellen Arbeitsplatz einrichten. Bei der Umsetzung und auch bei der Finanzierung hat uns die Arbeitsagentur unter die Arme gegriffen. Die 20.000 Euro für die technischen Hilfsmittel und die Ausstattung des Arbeitsplatzes hat die Agentur komplett übernommen. Und dazu wurde ich noch aufgefordert, einen Antrag zur Erstattung der Ausbildungshilfe auszufüllen und einzureichen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.

Sie haben im Oktober den Inklusionspreis verliehen bekommen. Was hat sich seitdem verändert?

Mich haben mehrere Unternehmer aus der Umgebung angerufen und gefragt, ob ich sie dabei beraten kann, wie sie am besten bei sich im Betrieb inklusive Arbeitsplätze schaffen können. Eine Geschäftsführerin wollte sogar direkt eine ganze Abteilung für behinderte Menschen aufbauen. So viel Engagement finde ich spitze. Was ich allen rate: Macht einfach mal den ersten Schritt. Bietet Praktika für Menschen mit Handicap an. Arbeitet mit den Behindertenwerkstätten zusammen. Es wird so viel investiert. Warum dann nicht in Inklusion? In die Einbeziehung von Menschen, die anders sind? Das würde ich mir noch mehr wünschen.

#Inklusion: Best Practice aus Thüringen

Das sagt der Azubi

„Hier bin ich nicht der Außenseiter“

Florian Zapf, 21, ist Auszubildender zum Industriekaufmann bei der Porzellanfabrik in Hermsdorf. Hier erzählt er, warum es so wichtig ist, ein Teil des Teams zu sein.

„Ursprünglich hatte ich die Porzellanfabrik gar nicht auf dem Schirm. Ich wollte bei der Stadtverwaltung eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter machen. Beim Vorstellungsgespräch waren die auch sehr begeistert von mir. Aber es stellte sich heraus, dass ich auf eine Schule in Gera hätte gehen müssen, wo ich schon einmal gescheitert war. Die Lehrer dort waren komplett überfordert mit meiner Erkrankung und der Unterstützung, die ich benötige. Deswegen bin ich damals nach nur drei Monaten wieder abgegangen.

Ich habe Morbus Best, eine Krankheit, die den Sehnerv betrifft. Seit ich sieben Jahre alt bin, sehe ich auf beiden Augen nur noch fünf bis zehn Prozent. Das klingt erst mal wenig, aber im Alltag komme ich gut zu recht. Für die Schule bedeutet es aber, dass die Lehrer bestenfalls mitlesen, was sie an die Tafel schreiben. Dass sie mir vergrößerte Kopien geben oder ihre Materialien digitalisieren, damit ich sie mir auf dem Laptop vergrößern kann. Leider stellt das für einige eine zu große Herausforderung dar. Die Schule und ich: Das war deshalb oft ein schwieriges Kapitel.

Florian Zapf, Azubi in der Porzellanfabrik Hermsdorf, mit einem Kollegen
© Zeichensetzen/Harms

Azubi Florian Zapf (r.) und sein Kollege Christian König.

Die Stadtverwaltung gab mir eine Absage. ,Wir können dich nicht auf eine Berufsschule schicken, bei der wir wissen, dass es nicht funktionieren wird‘, meinte der Personalverantwortliche. Er versprach mir aber, mich an einen anderen Betrieb zu vermitteln. Sein Wort hat er gehalten. Eine Woche später hielt ich die Nummer von Frau Kaiser in der Hand.

Schon das Vorstellungsgespräch mit ihr war ausgesprochen gut: offen und unkompliziert. Das kenne ich auch ganz anders. Aber Frau Kaiser hatte überhaupt keine Bedenken, mir eine Chance zu geben. Stattdessen bot sie mir direkt ein zweiwöchiges Praktikum an. Und auch das lief glatt. Mit meinen direkten Vorgesetzten habe ich mich auf Anhieb verstanden. Sie haben mir von Anfang an Aufgaben gegeben, die über die stumpfen Prakti-Tätigkeiten wie Kopieren und Kaffeekochen hinausgehen. Ich konnte Listen vergleichen, Werte einpflegen und habe etwa eine Bestandsliste von unserer Arbeitskleidung gemacht. Klar war das erst mal etwas mühsam, weil ich keinerlei Hilfsmittel hatte. Jeder, der einmal am Rechner in Word oder Excel etwas vergrößert hat, weiß, das wird irgendwann superpixelig. Aber das war egal. Dafür hatte ich direkt das Gefühl, dass ich dazugehöre und ein Teil des Teams bin.

Ich denke, das ist das Besondere an der Porzellanfabrik: das gute Miteinander. Dass man sich gegenseitig hilft und nicht gegeneinander arbeitet. Hier bin ich nicht der Außenseiter. Ich werde auch nicht anders behandelt, nur weil ich schlecht sehe. Hier bin ich wie jeder andere auch. Ich gehöre dazu.

„Das Besondere an der Porzellanfabrik: Hier hilft man sich gegenseitig und arbeitet nicht gegeneinander. “

Mit meinen Vorgesetzten habe ich einen offenen und ehrlichen Umgang. Ein ,Das kannst du nicht machen‘ gibt es nicht. Zusammen finden wir immer eine Lösung. Einen Weg, wie ich unterschiedliche Probleme bewerkstelligen kann. Manchmal dauert der eben fünf Minuten länger. Na und? Ich habe jetzt hier alle technischen Hilfsmittel, die ich zum Arbeiten benötige: ein Kamerasystem etwa, eine Vergrößerungssoftware, zwei Monitore. Damit läuft alles ganz problemlos.

Ich habe das Gefühl, gut angekommen zu sein. Meine Chefin hat von Anfang an gesagt, sie bildet niemanden aus, den sie nicht auch übernimmt. Und ich hänge mich richtig rein. Zum einen, weil ich dankbar bin, dass ich diese Chance bekommen habe. Das ist nicht selbstverständlich. Und vielleicht auch, weil Arbeit generell einen höheren Stellenwert für mich hat als für manch anderen. Die Arbeit gibt mir Selbstbewusstsein. Ich wusste nie: Was kann ich eigentlich? Und ich habe mich oft gefragt: Wo soll ich denn überhaupt hingehen? Jetzt merke ich täglich, wie die Unsicherheit weniger wird. Denn es stimmt, was man immer sagt: Man wächst an seinen Aufgaben. Gerade vertrete ich den Einkäufer. Das hätte ich mir vorher auch nicht vorstellen können. Aber es klappt. Wenn man etwas will, dann schafft man es auch. Mal sehen, was noch kommt.“

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Kommentare

Ich kann nur bestätigen, wie sich das Arbeitsklima in der Belegschaft zum positiven verändert! Wir sind insgesamt viel offener geworden, im Recruiting ergeben sich dann für mich auch viel mehr Möglichkeiten, offenen Positionen zu besetzen!
Wir haben im September drei gehörlose MA eingestellt, war am Anfang etwas Verwaltungsaufwand, aber wir sind so zufrieden und die drei fühlen sich wohl. Bisher haben wir nur Vorteile für alle! Ich kann Firmen, vorallem, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, die Augen nach allen Seiten offen zu halten! Augen und Herzen!

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Nele Justus
Titelfoto: © Zeichensetzen/Harms

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