„Lernt die Leute kennen und schaut, ob ihr zueinanderpasst“

Autisten im Arbeitsalltag

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
Zum Lesen scrollen

Der Autist Raimund Magg absolviert beim Apothekengroßhändler NOWEDA in Rastede eine Ausbildung. Ein Glücksgriff für beide, wie er und die Personalleiterin erzählen

„Eine Bereicherung, keine Belastung“

Tatjana Börger, 35, ist Personalleiterin bei NOWEDA.

Faktor A: Was wussten Sie über das Autismus-Spektrum, bevor Raimund zu Ihnen kam?

Tatjana Börger: Das war bei mir wahrscheinlich wie bei den meisten Leuten: Man hat so ein Bild aus Filmen und Dokumentationen, bei denen man Menschen mit Inselbegabungen sieht, die ein Buch lesen und es dann hinterher auswendig können. Und die keine Gefühle lesen können. Das war auch mein Vorurteil.

Und wie hat sich das verändert, seit Raimund da ist?

Das Bild hat sich um 180 Grad gedreht. Es gilt der Satz: Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten. Nicht ohne Grund spricht man ja von einer Autismus-Spektrum-Störung. Da zeigt schon der Begriff, dass es von minimalen bis hin zu extremen Einschränkungen alles gibt. Raimund ist total witzig, er hat einen guten Humor, und er erkennt Gefühle. Nur manchmal ist er eben recht plump. Ihm ist wichtig, dass er das rauskriegt, was er im Kopf hat. Aber genau das finde ich super. So weiß man immer, woran man ist. Und man kann sich stets darauf verlassen, dass er einem die Wahrheit sagt. Das ist total erfrischend und verändert Dinge oft positiv.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Kürzlich waren wir auf einer Jobmesse in Oldenburg. Da stand ich mit dem Rücken zum Gang und habe einem Azubi etwas erklärt. Und dann kam Raimund zu mir und meinte: „Du, Tatjana, ich glaube, das ist nicht so gut, was du da machst. Du stehst hier wild gestikulierend mit dem Rücken zu den Leuten, da fühlen die sich doch abgeschreckt und trauen sich gar nicht an den Stand, weil sie denken, sie stören.“ Das war ein sehr gutes Feedback, denn Raimund hatte einfach recht. Kein anderer würde sich das in dieser Direktheit trauen.

„Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten.“

Wussten Sie schon beim Vorstellungsgespräch, dass Raimund ein Autist ist?

Nein, das ging nicht so klar aus seiner Bewerbung hervor. Ich hatte in seiner Bewerbungsmappe aber gelesen, dass er zuletzt beim Berufsbildungswerk war. Das kam mir schon ein bisschen komisch vor, weil er ja vorher auch studiert hatte. Als er beim Vorstellungsgespräch vor mir saß, war mir schnell klar, dass er irgendeine Beeinträchtigung hat.

Wieso?

Er nuschelte ein bisschen, hatte eine zusammengesackte Körperhaltung. Im Gespräch war er sehr nervös und wippte auf seinem Stuhl vor und zurück. Und den Blickkontakt konnte er auch nicht gut halten. Relativ zügig sagte er: „Ich lass’ jetzt mal die Bombe platzen.“ Dann erzählte er, dass er Asperger-Autismus hat und deshalb manchmal etwas stumpf daherkommt. Dass er so offen und ehrlich war, fand ich super. Und ich habe beschlossen, das gucke ich mir an. Ich finde es wichtig, in einer Firma die ganze Gesellschaft abzubilden. Und da gehören Menschen mit Behinderung auch dazu. Wir haben Raimund ein Praktikum angeboten. Das müssen alle absolvieren, die später bei uns eine Ausbildung machen wollen.

Wie hat Raimund im Praktikum gepunktet?

Bei der Inventur. Er hatte uns erzählt, dass Mathe sein Ding wäre. Das wollten wir testen. Wir schickten ihn im Team mit einem Kollegen los. Und er hat tatsächlich weniger Fehler gemacht als der Kollege mit Taschenrechner.

Was sind Raimunds Stärken und Schwächen?

Er sieht die Fehler und ist sehr genau. Manchmal ist er dadurch aber auch langsamer als andere. Bei uns in der Kommissionierung ist das mitunter etwas schwierig, weil wir „just in time“ arbeiten. Oft vergehen nur ein bis zwei Stunden vom Auftrag aus der Apotheke bis zu der Zeit, wann der Fahrer mit den Waren losfahren muss. Aber wir bilden Raimund nicht aus, damit er später Kommissionierer wird, sondern weil wir ihn in einer Fachabteilung zur Fehleranalyse einsetzen wollen – genau da ist er super drin.

Haben Sie die direkten Kollegen vor Raimunds Einstieg über seine Beeinträchtigung informiert?

Ich habe einen Aushang gemacht, auf dem stand, dass wir einen Praktikanten bekommen, der Autist ist. Und dann habe ich eine Infoveranstaltung gemacht.

Kommen denn alle Kollegen mit seiner Art gut klar, oder gibt es da Probleme?

Die meisten wissen ihn so zu nehmen, wie er ist. Aber natürlich gab es schon Situationen, wo sich Kollegen angegriffen gefühlt haben. Viele können direkte Kritik eben nicht gut verarbeiten. Dann habe ich Raimund zur Seite genommen und ihm gesagt: „Da bist du jetzt übers Ziel hinausgeschossen“ oder: „Arbeite bitte an deinem Tonfall“. Das hat er für sich aufgenommen und danach gehandelt. Er ist dann auf die Kollegen zugegangen und hat sich entschuldigt.

Brauchte Raimund irgendeine Unterstützung für seinen Arbeitsplatz?

Nein, das lief alles reibungslos. Wir bekommen vom Integrationsamt einen Zuschuss, aber das ist nicht der Grund, warum wir ihn eingestellt haben. Raimund ist für uns ein Gewinn durch und durch.

Werden Sie Raimund übernehmen?

Ja, wir wären ja schön blöd, wenn wir den gehen lassen. Raimund ist top. Er kommuniziert, er berichtet über Ergebnisse, er reicht mir regelmäßig seine Berichtshefte ein, er ist pünktlich und immer zuverlässig. Und er ist sehr motiviert und dankbar für die Chance, die er bekommen hat. Wenn es Zusatzarbeiten gibt, ist er der Erste, der die Hand hebt und macht. Prinzipiell sprechen wir allen Azubis eine Übernahmegarantie aus, wenn sie ihre Abschlussprüfung mit Eins oder Zwei machen. Raimund hat seine Zwischenprüfung mit einer Eins abgelegt. Da sehe ich also keine Schwierigkeiten.

Viele Unternehmen scheuen sich davor, Menschen mit Autismus einzustellen. Können Sie das nachvollziehen?

Vielleicht ist das ein kulturelles Problem. Wir haben Angst vor Neuem und äußern ganz schnell unsere Befürchtungen, anstatt zu sagen: „Hey, das ist spannend, das könnte eine Chance sein.“ Ich würde Unternehmen ans Herz legen wollen, neue Wege zu beschreiten, um positive Erfahrungen machen zu können. Gerade als Personaler muss man mit der Zeit gehen. Wir alle spüren den Fachkräftemangel deutlich. Da müssen wir uns neue Arbeitnehmerquellen erschließen. Und ob das nun Menschen mit Behinderung sind, die über den zweiten Arbeitsmarkt (Anm. d. Red.: mithilfe von öffentlichen Fördermitteln geschaffene Arbeitsplätze, z. B. Werkstätten für behinderte Menschen) kommen, Umschüler oder Geflüchtete – da sollten wir offen sein. Und wie das Beispiel Raimund zeigt, ist das Ergebnis großartig.

Was würden Sie also anderen Unternehmen raten?

Testet das. Lernt die Leute kennen und schaut, ob ihr zueinanderpasst. Gerade Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung einzustellen ist für viele Unternehmen eine Bereicherung und keine Belastung.

Scheint die Aufgabe also größer, als sie eigentlich ist?

Absolut! Jeder Personaler hat Problemfälle in seinem Unternehmen. Menschen, die nach langer Krankheit wieder eingegliedert werden müssen oder deren Arbeitsplatz man anpassen muss. Als Personaler ist man ein Problemlöser. Und ein Autist bringt nicht mehr Probleme mit sich als ein anderer Mitarbeiter auch.

Personalleiterin Tatjana Börger und Azubi Raimund Magg
© Noweda

Personalleiterin Tatjana Börger und Azubi Raimund Magg

„Die Kollegen schätzen meine direkte Art“

Raimund Magg, 23, ist Auszubildender im dritten Lehrjahr zur Fachkraft für Lagerlogistik bei NOWEDA.

„Ich habe das Asperger-Syndrom, das ist eine Form des Autismus. Das wurde früh bei mir diagnostiziert. Etwa als ich fünf Jahre alt und noch im Kindergarten war. Es bedeutet, dass ich soziale Beeinträchtigungen habe. Ich bin nicht gut im Small Talk. Ich komme meistens direkt auf den Punkt. Auch Blickkontakt zu halten, fällt mir schwer. Dafür bin ich sehr gut im Rechnen, im Mustererkennen und im Kombinieren.

In der Schule hatte ich wenig Probleme. Den Stoff konnte ich mir gut merken. Nur meine mündliche Mitarbeit fiel nie gut aus. Freunde hatte ich kaum. Als Handicap habe ich Asperger trotzdem nie empfunden. Ich dachte, die anderen wären nicht normal. Ich habe eben oft eine andere Sicht auf die Dinge.

Nach dem Abi habe ich versucht zu studieren, Elektrotechnik. Das hat nicht geklappt. Ich musste feststellen, dass ich mich in diesem Maß nicht selbst organisieren kann. Mich alleine hinsetzen und Lernstoff in meinen Kopf prügeln, das funktioniert bei mir nicht. Ich lerne durchs Zuhören. Das Studium habe ich abgebrochen und ein paar Bewerbungen geschrieben – alle wurden abgelehnt. Dann bin ich zur Arbeitsagentur gegangen. Die haben mich gefragt, ob ich eine berufsbildende Maßnahme in Lingen machen möchte. Da gibt es spezielle Angebote für Menschen mit ADHS und Autismus. Das fand ich gut.

„Ich habe eben oft eine andere Sicht auf die Dinge.“

Die ersten drei Tage dort dienten der Orientierung. Man konnte sich verschiedene Bereiche anschauen. Ich habe Metallbau, Elektrotechnik und Lager gewählt. So etwas wie Bank wäre auch möglich gewesen. Aber ich will nicht den ganzen Tag nur rumsitzen. Das ist nichts für mich.

Danach folgten mehrere Praktika. Das erste war bei einem Badezimmeraussteller. Die haben direkt gesagt, dass sie mich nehmen würden. Aber ich hätte umziehen müssen. Das wollte ich nicht. Eines der nächsten Praktika war bei NOWEDA. Vier Wochen lang. Das hat mir sehr gut gefallen. Da war alles gut strukturiert und gut organisiert. Das ist für mich wichtig. Am Ende des Praktikums habe ich noch bei der Inventur geholfen. Die Kollegen waren begeistert von mir, weil ich so gut zählen und rechnen konnte. Schneller und fehlerfreier als die Kollegen mit Taschenrechner. Im Anschluss haben sie mich gefragt, ob ich noch weitere vier Monate bleiben wolle. ,Natürlich‘, habe ich gesagt. Und danach habe ich die Ausbildung angefangen.

Das war 2019. Mittlerweile bin ich im dritten Lehrjahr. Ich habe verschiedene Abteilungen durchlaufen. Gerade bin ich bei der Auftragsvorbereitung. Ich kann nach der Zeit auf jeden Fall sagen, dass die Arbeit im Lager gut zu mir passt. Und auch, dass mich die Ausbildung verändert hat. Ich bin offener geworden. Am Wochenende war ich auf einer Jobmesse in Oldenburg, wo ich Leute ansprechen musste. Das hat gut geklappt. Sobald ich ein Thema habe, kann ich problemlos mit anderen darüber reden. Nur bei Belanglosigkeiten bin ich eben nicht so gut.

„Die Ausbildung hat mich offener gemacht.“

Im Arbeitsalltag ist das Thema Autismus gar kein Thema mehr. Meine Kollegen wissen, dass ich etwas stiller bin, dass ich gerne arbeite und nicht faul rumsitzen kann. Und sie wissen, was sie an mir haben: Sie mögen meine direkte Art und nennen mich „den lebenden Taschenrechner“.

Arbeit ist für mich sehr wichtig. Sie strukturiert meinen Tag und mein Leben. Ich wüsste sonst nicht, was ich tun sollte. Deswegen habe ich auch noch so viele Urlaubstage offen.

Wenn meine Abschlussprüfung gut ist, dann werde ich übernommen. Und das wäre auch mein Wunsch. Im letzten Jahr habe ich nur Einsen gehabt. Da sollte das wohl klappen.“

Ihre Meinung: Jetzt kommentieren! 2
Kommentare

Ganz wunderbar! Ich bin selbst Personalerin und Mutter eines Autisten. Dieser Artikel macht Mut und sorgt für Verständnis. Bravo

Frau Tanja Börger hat den richtigen Beruf. Sie gibt auch Menschen eine Chance die sonst wenig Perspektiven haben.
Ich freue mich für Magg und drücke die Daumen für seine Abschlussprüfung.

Teilen Sie Ihre Meinung zum Thema und Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen mit anderen Nutzern! Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Hintergrund

Das Autismus-Spektrum

Autismus ist eine angeborene Entwicklungsstörung, die zu einer veränderten Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung im Gehirn führt. Die Symptome und ihre Ausprägungen sind vielfältig, weshalb man heute auch vom Autismus-Spektrum spricht. Sie äußern sich vor allem im sozialen Umgang, in der Kommunikation und dem Bedürfnis nach Beständigkeit. Oftmals fällt es Menschen im Autismus-Spektrum schwer, Blickkontakt aufzunehmen sowie die Mimik und Gestik des Gegenübers zu deuten. Sprichwörter und Redewendungen werden oft wörtlich genommen. Veränderungen in der vertrauten Ordnung können zu Verunsicherung führen.

Dafür bringen Menschen im Autismus-Spektrum durch ihre ungewöhnlichen Denk- und Problemlösungen ein hohes Potenzial mit. Durch ihre teilweise ausgeprägten Spezialinteressen entwickeln manche von ihnen ein gefragtes Expertenwissen. Die Ausprägung der Schwierigkeiten ist bei allen Menschen im Autismus-Spektrum individuell. Wenn Sie überlegen, einen Menschen im Autismus-Spektrum einzustellen, gibt es viele personelle und finanzielle Hilfsangebote, unter anderem von der Bundesagentur für Arbeit. Eine Zusammenfassung und Informationsmaterialien finden Sie auch auf autismusundarbeit.de.


Nele Justus
Titelfoto: © iStock/golero

Mehr zu diesem Thema