Joanna Kortbus mit Ausbilder Patrick Steffan, ATU.

Er­folgs­fak­tor Aus­bil­dungs­mes­se

Auf Au­gen­hö­he mit den Azu­bis

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Soll ich Bäcker werden, Fernfahrer oder Filmstar? Damit sich Jugendliche bei der Wahl ihrer zukünftigen Berufe nicht verlieren, bieten Jobmessen einen guten Überblick. Auf der „Verkauf dich gut“ in Hamburg präsentierten sich Anfang März über 20 Unternehmen aus dem Einzelhandel. Lehrlinge aus den Betrieben standen Interessierten Rede und Antwort – und bauten so manches Vorurteil ab.

Massi Djamily, 21, Auszubildender zum Einzelhandelskaufmann bei Tchibo, 1. Lehrjahr:

Tchibo-Azubi Massi Djamily und die zukünftige Filialleiterin Marie Manshardt.
© Bettina Theuerkauf

Tchibo-Azubi Massi Djamily und die zukünftige Filialleiterin Marie Manshardt.

„Die Jugendlichen wissen oft nicht, dass es bei Tchibo mehr als nur Kaffee gibt. Dabei ist die Produktpalette so vielfältig wie die Aufgaben eines Azubis: Mal steht man im Verkauf, mal bedient man an der Kaffeebar, dann berät man Kunden, die Uhren, Kleidung, Schmuck, Einrichtungsgegenstände kaufen wollen. Wenn junge Leute an unseren Messestand kommen, wollen sie meistens nur wissen, welchen Schulabschluss sie brauchen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, sich für die Vielseitigkeit zu interessieren. Ich erzähle ihnen von den Aufgaben und Lehrinhalten – und auch, wie schwierig die Ausbildung ist. Dass sich die Herausforderung aber lohnt, weil es nie langweilig wird. Ich glaube, es hat viele Vorteile, wenn ich mit am Messestand stehe. Zum Beispiel komme ich aus Afghanistan. Ich spreche gut Deutsch, aber man hört meinen Akzent. Das nimmt vielen ausländischen Bewerbern die Hemmungen, auf mich zuzukommen. Sie identifizieren sich mit mir.“

Marie Manshardt, 22, zukünftige Leiterin einer Tchibo-Filiale:

„Im direkten Gespräch mit uns fällt den Jugendlichen auf, dass das Unternehmen viel zu bieten hat. Und ich meine nicht nur unsere Produktpalette, die Urlaubstage und das Weihnachtsgeld! Sie erfahren, dass das Unternehmen offen und tolerant ist und ein sehr angenehmes Arbeitsklima herrscht. Das lässt sich im Internet nicht so gut rüberbringen wie auf einer Messe. Uns ist kulturelle Vielfalt zum Beispiel ganz wichtig. Wir finden es total normal, wenn ein Azubi mit Kopftuch im Verkauf steht. Auch daher ist es gut, wenn uns ein Auszubildender wie Massi Djamily begleitet. Er kann viel besser vermitteln, ob die Firmenphilosophie auch gelebt wird.“

Sandro Dumke, 41, Filialleiter im Knutzen Einrichtungshaus:

Knutzen-Ausbilder Sandro Dumke und Ex-Azubi Katharina Rix.
© Bettina Theuerkauf

Knutzen-Ausbilder Sandro Dumke und Ex-Azubi Katharina Rix.

„Uns begleitet nun zum ersten Mal ein Ex-Azubi bei der Messe. Ich frage mich, warum wir das nicht schon früher gemacht haben! Als Filialleiter sorge ich dafür, dass es eine Ausbildung gibt, aber die Infos über die Lehrinhalte und was sich aktuell verändert, kann ich selbst ja nicht aus erster Hand liefern. Azubis sind näher dran und daher die besseren Ratgeber. Wir haben die auch nicht gebrieft und gesagt, dass sie bloß alles toll finden sollen! Es nützt nichts, wenn viel versprochen wird und der Bewerber am Ende merkt, dass das nicht zu ihm passt.“

Katharina Rix, 22, hat 2017 die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau im Knutzen Einrichtungshaus  absolviert:

„Wenn mich junge Leute fragen, warum ich die Ausbildung gemacht habe, merke ich, wie viel Spaß es mir macht, Menschen zu beraten. Ich finde es spannend, zu sehen, wie sich Kunden in ihren Wohnungen einrichten und selbst verwirklichen. Dabei berate ich sie. Dazu brauche ich nicht nur ein gutes Gefühl fürs Gestalten, sondern viel Fachwissen. Welche Spachtelmasse braucht man, um einen Boden perfekt zu verlegen? Ich glaube, dass man es mir anmerkt, wie sehr ich den Beruf mag, und darum geht es doch auf einer Messe: anderen zu vermitteln, wie es sich anfühlt, in einer Branche zu arbeiten.“

Lea Masch, 19, Orthopädietechnik-Mechanikerin im Stolle Sanitätshaus, 1. Ausbildungsjahr:

Stolle-Azubi Lea Masch (l.) mit Ausbilderin Heike Roth.
© Bettina Theuerkauf

Stolle-Azubi Lea Masch (l.) mit Ausbilderin Heike Roth.

„Viele stellen zuerst die Frage: Was verdient man? Nicht viel, sage ich, aber der Beruf hat Zukunft – und viel mit Menschen und handwerklicher Leidenschaft zu tun. Ich zeige den Jugendlichen anhand eines Prothesen- und eines Orthesenmodells, was ich in der Werkstatt anfertige. Das sind immer Unikate, weil sie individuell angepasst werden müssen. Genau das ist aber das Spannende an dem Beruf. Um ein perfektes Modell herzustellen, muss ich sehen, fühlen und erfragen, was der Mensch braucht, damit er besser durch den Alltag kommt. Dann kann ich beginnen. Die Arbeit macht einen sensibler für Menschen und ihre Bedürfnisse. Das habe ich anfangs nicht gewusst. Einigen Jugendlichen merke ich an, ob sie an der Ausbildung wirklich interessiert sind. Sie fragen gezielt nach und nehmen nicht nur Bleistifte und Schlüsselanhänger mit.“

Heike Roth, 42, Ausbilderin im Stolle Sanitätshaus:

„Azubis machen es den Interessierten leichter, auf sie zuzukommen. Sie fragen sich nicht erst, ob sie Du oder Sie sagen sollen. Sie sind auf Augenhöhe mit ihnen und trauen sich, ganz andere Fragen zu stellen. Wir Orthopädietechnik-Mechaniker müssen lernen zu erkennen, was Menschen brauchen. Wir arbeiten immer dicht am Menschen, der Beruf hat viel mit „berühren“ zu tun. Auf so einer Messe ist das ähnlich. Wir achten darauf, welche Ansprache ein Jugendlicher braucht. Es ist für die meisten einfacher, auf unsere Auszubildenden zuzugehen. Ich selbst berate dann ja auch noch. Mit dieser Strategie fahren wir jedenfalls ganz gut: An einem Messetag bekommen wir etwa vier bis fünf vielversprechende Bewerbungen zusammen.“

Kevin Metin Baklavaci, 23, im 1. Ausbildungsjahr beim Küchenfachmarkt Küchen Aktuell:

Leif Einfeldt (l.), Ausbilder bei Küchen Aktuell, und Azubi Kevin Metin Baklavaci.
© Bettina Theuerkauf

Leif Einfeldt (l.), Ausbilder bei Küchen Aktuell, und Azubi Kevin Metin Baklavaci.

„Wenn Jugendliche auf mich zukommen, erinnern sie mich an mich selbst vor ein paar Jahren. Ich hätte damals nicht gewusst, dass die Arbeit im Küchenfachmarkt auch was für Jungs ist. Die meisten denken, es ist nur ein Verkaufsjob. Für mich ist es immer wieder schön, zu beobachten, wie Jugendliche plötzlich wach werden, wenn ich ihnen von meinem Hightechberuf erzähle: Es gibt digital bedienbare Kühlschränke, sich selbst reinigende Öfen, mit dem Handy bedienbare Geschirrspüler. Ich sage ihnen, dass das Fachgebiet ähnlich komplex ist wie Kfz-Mechanik. Oder ich erzähle von Kunden, denen man hilft, sich für die nächsten Jahre einzurichten, und wie viel Spaß es macht, sie glücklich zu sehen. Ich erzähle auch von Schulungen, bei denen wir in firmeneigenen Apartments übernachten. Ich denke, ich weiß ganz gut, wie ich Jugendlichen die Arbeit nahebringen kann. Ich war ja selbst mal wie sie.“

Leif Einfeldt, 31, Ausbildungsleiter beim Küchenfachmarkt Küchen Aktuell:

„Azubis, die von ihren Erfahrungen berichten, sind sehr authentisch. Wären wir nicht zu zweit am Messestand, hätten wir wohl 50 Prozent weniger Gespräche. Es ist gut, wenn wir als Team auftreten. Ich kann den Jugendlichen Fragen nach Gehalt, Ausbildung und Einstellungskriterien beantworten. Unser Auszubildender erzählt dann, was die Lehrinhalte im Detail sind, und beantwortet Fragen, die mir selbst eher selten gestellt werden, zum Beispiel: Wie ist denn das Betriebsklima so?“

Patrick Steffan, 40, Ausbildungsbetreuer in der A.T.U-Kfz-Meisterwerkstatt:

Ehemalige A.T.U-Auszubildende Joanna Kortbus mit Ausbilder Patrick Steffan.
© Bettina Theuerkauf

Ehemalige A.T.U-Auszubildende Joanna Kortbus mit Ausbilder Patrick Steffan.

„Unsere ehemalige Auszubildende gibt nicht nur jungen Leuten ein gutes Beispiel, sondern nimmt auch den weiblichen Interessenten die Scheu vor dem Beruf. Die Kfz-Branche ist nach wie vor männerdominiert, und wenn  eine junge Frau davon erzählt, wie viel Spaß und Freude die Ausbildung machen kann, nimmt das die Hemmungen, an den Stand zu kommen – und auch mal außergewöhnliche Fragen zu stellen wie: ,Und wie sind die Vorgesetzten so bei euch?‘“

Joanna Kortbus, 21, gerade zur Kauffrau im Einzelhandel bei A.T.U geworden:

„,Nehmt ihr überhaupt Frauen?‘, fragen mich manche Mädchen, wenn sie an unseren Stand kommen. Klar, sage ich, und zähle auf, in welchen Bereichen ausgebildet wird und was ich selbst gemacht habe. Die kommen vermutlich schneller auf mich zu als auf den Ausbildungsleiter. Nicht weil er unsympathisch ist, sondern weil ich als Frau vielleicht auch Fragen beantworten kann, die sie für ,dumme Fragen‘ halten. Dabei gibt es keine dummen Fragen in der Branche. Aber das musste ich auch erst mal lernen.“

Hintergrund

Warum Messen so wichtig sind

„Kleine und mittelständische Unternehmer müssen und wollen ausbilden“, sagt Sönke Fock, Vorsitzender der Geschäftsführung in der Agentur für Arbeit Hamburg. Er sieht eine große Chance in regionalen Jobmessen, bei denen Jugendliche sich über die Berufe informieren und ihre Hemmungen abbauen können. Das sei nicht nur wichtig, weil in den nächsten zehn Jahren über 160.000 Arbeitnehmer allein in Hamburg ausscheiden würden, sagt Fock. Auf den Messen gäbe es die Möglichkeit, einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Denn immer wieder seien Bewerber gehemmt durch die beruflichen Anforderungen, von denen sie hören oder über die sie sich nur im Netz informieren. So manch ein Anforderungsprofil wirke trotz Nachwuchskräftemangel einschüchternd. Dabei sei die Motivation eines Bewerbers viel ausschlaggebender. „Wer für eine Ausbildung, einen Beruf, ein Produkt, eine Dienstleistung brennt, kann damit auch eine schlechte Note in einem Hauptfach ausgleichen“, sagt Sönke Fock. Die Kompromissbereitschaft in den Unternehmen sei erheblich größer geworden.

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Bettina Theuerkauf

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