Charlotte beim Maler

Nach­wuchs fürs Hand­werk

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Mein Faktor A

Fünf Monate lang hat die 20-jährige „Charly“ aus Flensburg im Rahmen der Aktion „Die Rekordpraktikanten“ 44 Handwerksbetriebe in ganz Deutschland besucht – auf der Suche nach dem idealen Ausbildungsplatz. Vor einem Monat endete ihre Tour. Was müssen Arbeitgeber tun, um sie für sich zu begeistern?

„Nach dem Schulabschluss wusste ich noch nicht genau, was ich später machen will. Mich interessierte es, andere Menschen in ihrer Berufung zu sehen. Deshalb war ich so begeistert von der Idee, Rekordpraktikantin zu werden.

Rekordpraktikantin Charlotte beim Posamentenmacher Josef Müller in München.
© Privat

Station 41: Rekordpraktikantin Charlotte beim Posamentenmacher Josef Müller in München.

Ich hätte nie gedacht, dass mich Kanalarbeit mal faszinieren würde. Bei einem Praktikum bei einer Baufirma bekam ich gute Einblicke in diese Arbeit. Normalerweise werden für Kanalsanierungen ganze Straßenzüge aufgerissen. Aber die Firma schleuste kleine Kameras in die Rohre unter der Erde und erfasste auf diese Weise 3-D-Bilder vom Inneren. Die sahen wir uns dann auf dem Computer an. Sie ließen uns sogar mal in schwindelerregender Höhe auf einen Kran steigen. Es war windig, der Kran drehte sich und schwankte. Für Leute mit Höhenangst wäre das nichts.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich die Arbeit beim Fleischer cool finde. In Sachsen besuchten wir einen Betrieb, bei dem ich genau erfuhr, woher das Mett kommt, wie Leberwurst gemacht wird und wie ein Reifeprozess aussieht.

Bei jeder Praktikumsstation haben wir Mitarbeiter interviewt und die Filme auf Social-Media-Kanälen veröffentlicht. Bei Facebook hatten wir irgendwann mehr als 5000 Follower. Es ist für junge Leute offensichtlich spannend, zu erfahren, wie sich die Arbeit aus der Perspektive eines Gleichaltrigen anfühlt. Sie haben ja ähnliche Fragen an den Beruf! Und Arbeitgeber können so erfahren, worauf es uns Nachwuchskräften ankommt.

„Fairness spricht sich herum“

Wir haben Kunstwerke beim Glasmaler gebrannt, Körbe beim Raumausstatter gebastelt, Brötchen beim Bäcker gebacken und Reitzubehör beim Sattler angefertigt. Immer wieder habe ich gesehen, dass Menschen ihren Beruf mit ganz viel Leidenschaft ausgeübt haben.

Es gibt so viele Jobs, die spannend und abwechslungsreich sind, über die viele Azubis aber nichts oder nicht genug wissen. Hier sind die Arbeitgeber gefragt! Mein Eindruck ist, dass Unternehmen heute dann bei Azubis punkten können, wenn sie sich ernsthaft für deren Interessen und Belange interessieren – und das auch nach außen kommunizieren: in den sozialen Medien, aber eben auch von Mensch zu Mensch. Fairness spricht sich herum.“

Über die Aktion

Die Rekordpraktikanten

44 Praktika in 150 Tagen – so lautete die Aufgabe, der sich „Charly“ und Marvin im August 2017 stellten. Für die Aktion „Die Rekordpraktikanten“ unternahmen sie einen Roadtrip durch Deutschland und lernten dabei jede Woche zwei Handwerksbetriebe kennen. Ihre Eindrücke teilten sie über Facebook und Instagram, um so auch andere an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Mit der Aktion sollen Jugendliche auf die beruflichen Möglichkeiten im Handwerk aufmerksam gemacht werden – und Arbeitgeber beobachten können, worauf es jungen Menschen heute bei der Berufsausbildung ankommt. Denn: Der Praktikant von heute ist nicht selten der Auszubildende von morgen.

Interview

„Noten haben für uns nicht oberste Priorität“

120 Mitarbeiter, Provinzlage und immer auf Azubisuche: Peter Finkel ist Ausbildungsbeauftragter beim Bauunternehmen bendl in Günzburg. Er kennt die Vorurteile gegenüber seiner Branche – weshalb er Nachwuchskräfte mit Erfolg über Online-Kanäle rekrutiert.

Faktor A: Wie spontan, flexibel und kreativ müssen Sie bei der Nachwuchsrekrutierung sein?

Peter Finkel: Sehr! Viele Schulabgänger wissen mit 14 oder 15 Jahren nicht genau, was sie machen wollen. Also entscheiden sie sich spontan für eine Ausbildung. Darauf reagieren wir schon mal flexibel, indem wir Ausbildungsverträge auch nach dem offiziellen Start im September ermöglichen. Auch Noten oder Schulabschlüsse haben für uns nicht die oberste Priorität: Interesse und Begeisterung für den Beruf sind wichtiger.

Warum ist es für Sie wichtig, junge Leute so frühzeitig für bendl zu begeistern?

Peter Finkel ist Ausbildungsbeauftragter beim Bauunternehmen bendl.
© Privat

Ausbildungsbeauftragter Peter Finkel.

So binden wir sie besser an uns. Nach einem Schulpraktikum können sie zum Beispiel noch ein paar Ferienarbeiten ausführen. Dann lernen wir uns gegenseitig kennen, und sie verdienen nebenbei noch Geld. Wenn sie bei uns gute Erfahrungen sammeln, werben sie automatisch in ihrer Schule und im Freundeskreis für uns. So bekommen wir Aufmerksamkeit und mögliche Bewerber.

Was lernen die Jugendlichen bei einem Praktikum?

Sie lernen vor allem, dass die Arbeit auf einer Baustelle abwechslungsreich ist. Man macht nie länger als zwei Tage am Stück dasselbe. Die Praktikanten teilen wir zunächst einem Polier zu, der mit ihnen zur Baustelle geht. Dort bekommen sie einen Eindruck von den einzelnen Arbeitsschritten. Am nächsten Tag dürfen sie selbst Hand anlegen: mit Bindedraht und Zange Eisen binden oder mit einem Versetzkran mauern.

Wie rekrutieren Sie Azubis?

Die meisten sprechen wir über unsere Homepage an. Zusätzlich nutzen wir die Datenbank der Handwerkskammer, wo man uns im Internet und in der App findet. Die häufigste Ansprache läuft über die Schulen und die Azubimesse in Günzburg.

Wie haben Sie gemerkt, dass der Facebook-Auftritt bei bendl so wichtig ist?

Es ist wichtig, zu wissen, wer seine Zielgruppe ist und wo diese sich bewegt. In unserem Fall haben wir durch eine Recherche festgestellt, dass sich sowohl Kunden und Geschäftspartner, aber gerade auch potenzielle Mitarbeiter auf Facebook bewegen. Nachdem wir den Kosten- und Nutzenfaktor abgewägt haben, kamen wir zu dem Entschluss, dass der Arbeitsaufwand für die Pflege eines Facebook-Accounts zwar sehr intensiv ist, aber der Nutzenfaktor immens ist. So generieren wir deutlich mehr Traffic, steigern unsere Bekanntheit, sind näher an den Usern und schaffen damit Vertrauen und verbessern damit unser Image.

Warum ist es wichtig, jungen Leuten so kurze Einblicke in Ihre Arbeit zu ermöglichen?

Weil die Arbeit auf einer Baustelle immer noch negativ behaftet ist. Eltern und Lehrer haben noch die alten Knochenjobs vor Augen und geben dieses Bild an die Kinder weiter. Wir merken aber, dass viele Jugendliche Spaß an der abwechslungsreichen Arbeit im Freien haben. Sie können ihr praktisches Talent auf der Baustelle testen und sich beweisen. Ohne diese Einblicke entscheiden sie sich oft für Berufe, die nur vermeintlich gut zu ihnen passen.

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Andreas Buck

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