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Nach­wuchs­kräf­te? Teil­zeit­aus­bil­dung!

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Unternehmer haben gute Chancen, mehr Bewerbungen zu bekommen, wenn sie eine Ausbildung in Teilzeit anbieten. So ermöglichen sie vielen guten Arbeitskräften den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Ein Augenoptiker und seine Teilzeitauszubildende berichten aus der Praxis – und ein Leitfaden beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Der Arbeitgeber

Rainer van Ackeren, 48, Augenoptiker in Emlichheim/Niedersachsen

„Die Möglichkeit einer Teilzeitausbildung ist ein Riesenvorteil für mich. So habe ich einfach eine größere Auswahl an Kandidaten, die infrage kommen. Es gibt ja kaum noch Azubis, die sich in der Augenoptik bewerben.

Rainer van Ackeren
© Privat

Rainer van Ackeren sieht in der Teilzeitausbildung vor allem Vorteile.

Gisela Tönsing ist meine erste Teilzeitauszubildende. Sie hat in einem Beruf gearbeitet, den es heute praktisch nicht mehr gibt, und suchte nach einer Tätigkeit, die sie mit ihrem Alltag als Mutter vereinbaren konnte. Erst mal absolvierte sie ein Praktikum bei mir. Da zeigte sich schon ihr gutes Gespür für Menschen. Wir haben viele Kunden, und da ist es wichtig, nicht scheu in der Ecke zu stehen, sondern auf sie zuzugehen und zu beraten. Sie war auch über das Praktikum hinaus interessiert an dem Beruf, las Fachzeitschriften und stellte Fragen. In der Augenoptik braucht man Sorgfalt und Genauigkeit. Es ist Feinarbeit, wenn man ein Glas anpasst. Die Fähigkeiten dazu habe ich bei ihr erkannt. Man merkte ihr an, dass sie Erfahrungen in einem anderen Beruf gesammelt hat und dass sie fokussiert ist. Mütter sind oft gut organisiert, und das spiegelt sich in der Arbeit wider.

Bei Frau Tönsing dachte ich sofort: „Das kriegen wir auch mit einer 50-prozentigen Anwesenheit hin – auf die kann ich mich verlassen.“  Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand einen ganzen Tag lang oder nur einen halben da ist. Frau Tönsing muss ich öfter etwas erklären, weil sie in der kurzen Zeit nicht immer alles mitbekommt, was im Tagesgeschäft passiert. Aber sie hat den Willen dazu, es gut zu machen und langfristig zu bleiben.

„Ich bin darauf angewiesen, dass die Leute mitdenken und Eigeninitiative entwickeln.“Rainer van Ackeren, Augenoptiker

Frau Tönsing war schon Mitte 30, als sie bei mir anfing. Die meisten Auszubildenden haben gerade erst die Schule absolviert und kommen ohne Lebenserfahrung zu mir. Ich habe nur ein kleines Unternehmen und bin darauf angewiesen, dass die Leute mitdenken und Eigeninitiative entwickeln. Mit ein paar Auszubildenden hatte ich auch schon bösen Schiffbruch erlitten. Es ist blöd, wenn man Leuten nicht trauen kann, weil sie schon während der Probezeit in die Kasse greifen oder sich bei einfachsten Arbeiten ungeschickt anstellen.

Ich rate Unternehmern, sich Leute mit dem Wunsch nach einer Teilzeitausbildung genau anzuschauen und nicht gleich mit der Begründung abzuschmettern: ,Hier brauchen wir vollen Einsatz!‘ Oft täuscht man sich, was die Effizienz eines Mitarbeiters betrifft.“

Die Auszubildende

Gisela Tönsing, 37, Teilzeitauszubildende im Augenoptik-Fachgeschäft in Emlichheim/Niedersachsen

„Es war ziemlich frustrierend, sich jahrelang von einem Minijob zum nächsten zu hangeln. Ich bin gelernte Textilstopferin, aber für diesen Beruf gibt es in unserer Region kaum noch Jobs. Nach der Geburt meiner Tochter habe ich mir erst mal eine Auszeit genommen. Doch ich fing recht schnell wieder an, nebenbei Geld zu verdienen. Ein Job, der mich erfüllt hätte, war nicht dabei. Als meine Tochter dann älter wurde, suchte ich wieder nach einer richtigen Herausforderung.

© Privat

Gisela Tönsing ist Teilzeitauszubildende beim Optiker.

Vor zwei Jahren begann ich ein Praktikum im Augenoptik-Fachgeschäft von Rainer von Ackeren. Da merkte ich, dass mir genau diese Tätigkeit liegt! Die Präzision, mit der Brillengläser angepasst werden, erinnerte mich ein wenig an meinen Beruf als Stopferin. Da musste ich auch präzise und konzentriert arbeiten. Ich habe gelernt, kleinste Fehler in Geweben zu finden oder feine Farbunterschiede in Textilen zu erkennen.

In einem Gespräch bei der Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft hörte ich, dass es die Möglichkeit einer Teilzeitausbildung für Mütter gibt. Das fand ich super, denn so konnte ich die Betreuung meines Kindes mit der Arbeit verbinden! Ich bin froh, dass Herr van Ackeren mir, ohne zu zögern, einen Ausbildungsvertrag gegeben hat. Ich arbeite nun 28 Stunden die Woche in seinem Geschäft, berate Kunden und passe Brillen an. Er zahlt mir nur die geleisteten Stunden, also keine Vollzeitvergütung. In drei Jahren kann ich die Ausbildung abschließen.

„Ich trage die Verantwortung für eine Familie, das macht einen selbstbewusster.“Gisela Tönsing, Teilzeitauszubildende

Mir liegt es, auf Kunden zuzugehen und sie zu beraten. Als Teenager hätte ich vermutlich Hemmungen gehabt. Heute habe ich davor keine Scheu, denn ich bin ja selbst schon 37 Jahre alt und trage seit vielen Jahren die Verantwortung für eine Familie. Das macht einen selbstbewusster. Manchmal merke ich auch, dass es mir nicht leichtfällt, Aufgaben abzugeben. Das liegt vielleicht daran, dass ich im Alltag alles selbst erledige.

Die Ausbildungsjahre sind spannend, aber nicht leicht. Privates muss oft hintenanstehen, unter anderem weil die Berufsschule 120 Kilometer entfernt ist. Ich muss dort genauso oft erscheinen wie ein Vollzeit-Azubi. Anfangs hatte ich Angst davor, zur Schule zu gehen, meine Klassenkameraden sind ja deutlich jünger als ich. Aber mein Alter war nie ein Thema für sie, und das hat mich schnell gelöst im Umgang mit ihnen.

Mein größter Wunsch ist es, für immer im Augenoptik-Fachgeschäft zu arbeiten – das ist zum Glück auch keine vom Aussterben bedrohte Branche!“

Leitfaden

Azubi in Teilzeit: Was muss ich beachten?

Handwerksbetriebe stehen heute mehr denn je im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. Flexible Modelle wie eine Teilzeitausbildung können es Arbeitgebern und Jobsuchenden erleichtern, beruflich zusammenzufinden. Dies sollten sie beachten:

  • So wie eine Vollzeitausbildung – mit dem Unterschied, dass die Ausbildungszeit im Betrieb reduziert wird. Azubi und Betrieb einigen sich auf eine 20- bis 35-stündige Arbeitszeit und halten die genauen Details in einem Vertrag fest.

  • Genauso oft wie ein Vollzeit-Azubi. Prinzipiell ist eine Teilzeitberufsausbildung in allen Berufen des dualen Ausbildungssystems möglich.

  • Nicht zwingend. Beträgt die Arbeitszeit einschließlich des Berufsschulunterrichts mindestens 25 Stunden pro Woche, wird die Ausbildungsdauer meistens nicht verlängert. Bei nur 20 bis 24 Wochenstunden kann sie sich um maximal ein Jahr verlängern.

  • Das hängt mit der schulischen Vorbildung und eventuell vorhandener Berufserfahrung des Auszubildenden zusammen. Der Betrieb schätzt ein, ob die verkürzte Zeit ausreicht, um ihr oder ihm alle Kenntnisse zu vermitteln. Die Ausbildungsdauer kann zu einem späteren Zeitpunkt auch noch mal geändert werden.

  • Dafür gibt es keine klaren Vorgaben. Die Ausbildungsvergütung sollte der einer Vollzeitstelle entsprechen. Sie wird dann zeitanteilig angepasst. Rein rechtlich kann die Vergütung auch verringert werden, solange sie noch als angemessen zu betrachten ist.

  • Azubis können bei der Agentur für Arbeit noch weitere Leistungen beantragen: Berufsausbildungsbeihilfe, Kindergeld für sich und das eigene Kind, Wohngeld, Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld.

  • Teilzeitauszubildende haben einen anteiligen Urlaubsanspruch.

  • Bei Arbeiten auf dem Bau ist eine Teilzeitausbildung schwieriger umzusetzen als bei kaufmännischen Tätigkeiten. Wenn sich beide Seiten aber auf weniger, dafür volle Tage einigen, lässt sich das meistern.

  • Vor allem Klein- und Kleinstunternehmen profitieren von geringeren Ausbildungskosten. Sie könnten sich eine volle Vergütung oft gar nicht leisten. Daher ist das Teilzeitmodell eine gute Möglichkeit für sie, überhaupt erst einmal in die Ausbildung einzusteigen.

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Ulaş And Merve/Stocksy

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