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Spargelernte: Das ist die Rettung!

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Wegen der Corona-Pandemie kommen Zehntausende osteuropäische Erntehelfer nicht ins Land. Aber wie läuft die Ernte ohne sie ab? Ein Spargelbauer und zwei Studenten erzählen, wie sie in der Krise zusammengefunden haben.

Als Hinrich Niemann in den 90er-Jahren den Betrieb seiner Eltern im niedersächsischen Eimke übernahm, fing er mit einem Hektar Spargel an. Das ist ein Feld, so groß wie ein Fußballplatz. Mittlerweile bewirtschaftet der 49-Jährige über 20 Hektar. Das schafft niemand alleine. Normalerweise helfen ihm 18 Erntehelfer aus Polen und Bulgarien dabei, den Spargel zu stechen, zu waschen und zu sortieren. Aber in diesem Jahr kam alles anders.

Spargelbauer Hinrich Niemann
© privat

Spargelbauer Hinrich Niemann und seine Familie bei ihrem Hof im niedersächsischen Eimke.

„Normalerweise kommen die Erntehelfer Ende März zu uns auf den Hof. Das war auch für dieses Jahr geplant und vereinbart, aber nur zwei der Männer kamen tatsächlich. Die anderen blieben in ihrer Heimat, in Polen und Bulgarien, aus Angst vor Corona. Die Grenzen waren da noch offen, sie hätten einreisen können – aber sie wollten nicht. Also haben wir zwei Sachen gemacht: eine Personalvermittlung beauftragt, die normalerweise Putzkräfte an Hotels und Gastronomiebetriebe vermittelt, und einen Aufruf auf Facebook gestartet. Von da an stand unser Telefon nicht mehr still. Ganz viele Leute aus der Region meldeten sich, um im Verkauf oder bei der Ernte zu helfen. Am Ende hatten wir zweieinhalb Seiten mit Namen und Telefonnummern vollgeschrieben – und einige davon arbeiten jetzt bei uns.

Über die Personalvermittlung haben wir acht Personen engagiert. Die kosten mich fast doppelt so viel wie normale Erntehelfer, etwa 20 Euro die Stunde inklusive Mehrwertsteuer statt des Mindestlohns von 9,35 Euro brutto die Stunde. Aber wir wollten uns absichern. Das Schlimmste für uns ist, wenn der Spargel wächst und wir ihn nicht ernten können. Und das ist manchmal eine Sache von Tagen. Was man sagen muss: Die Zusammenarbeit war anfangs ziemlich schwierig. Von zweien mussten wir uns direkt in den ersten Tagen verabschieden, einer ist von selber gegangen. Aber wenigstens haben wir nichts liegen lassen.

„Ohne Abstriche geht es nicht“

In diesem Jahr geht es eben nur, wenn man überall kleine Abstriche macht. Dafür können wir weiterarbeiten – und müssen nicht wie die Gastronomen die Türen ganz dicht machen. Statt wie sonst alle eineinhalb Tage ein Feld zu bearbeiten, liegt unser Schnitt jetzt bei drei Tagen. Und natürlich gibt es einen Unterschied, ob jemand zum ersten Mal in seinem Leben Spargel sticht oder das schon seit Jahren macht. Spargel ist ein Qualitätsprodukt. Nur wenn er gut gestochen wird, können wir auch hohe Preise dafür verlangen. Außerdem muss man beim Stechen aufpassen, dass man die Pflanze nicht beschädigt – die steht bis zu zehn Jahre auf dem Feld und bringt sonst weniger Ertrag.

Um die Qualität zu halten, haben wir deshalb mit den Mitarbeitern eine Bonusregelung von zehn Cent pro Kilo vereinbart. Die gibt es aber nur, wenn der Spargel Solllänge hat, abgedeckt ist und Ordnung in der Kiste herrscht. Wer seinen Job ordentlich macht, der kann sich so ganz gut was dazuverdienen. Jens, unser deutscher Topmann, eigentlich Koch, hat zum Beispiel richtig Power. Der schafft 25 bis 30 Kilo die Stunde. Damit hat der die gleiche Leistung wie sonst die osteuropäischen Spitzenleute.

Viele meiner Berufskollegen sagen, mit regionalen Kräften zu arbeiten, endet in der Katastrophe. Ich bin da anderer Meinung: Die, die hier bei mir arbeiten, kommen, weil sie wollen. Die sind total motiviert. Ich habe sechs Studenten, zwei Leute, die in Kurzarbeit sind, und eine Person, der wegen der Krise gekündigt wurde. Und die hauen richtig rein!“

„Spargelstechen? Wir ziehen das durch!“

Lena Lemmermann, 25, und Jonas Gehrke, 22, studieren Tiermedizin in Gießen und verdienen sich normalerweise in Tierkliniken ihr Geld dazu. Aber wegen der Corona-Pandemie mussten die beiden pausieren. Deswegen bewarben sie sich kurzerhand bei Hinrich Niemann zum Spargelstechen. Hier erzählen sie von ihren ersten Wochen als Erntehelfer.

Freiwillige Helfer: Lena und Jonas
© Privar

Freiwillige Helfer: Lena und Jonas auf dem Weg zum Spargelfeld.

 

„Weil unsere letzte Prüfung ausfiel, hatten wir ab Mitte März nichts mehr zu tun. Als wir dann über die Medien mitbekamen, dass die meisten osteuropäischen Erntehelfer nicht kommen würden, haben wir spontan gedacht: Dann machen wir das doch! Ist auf jeden Fall besser, als in den Semesterferien zu Hause rumzuhängen. Also haben wir uns einen Spargelhof in der Nähe rausgesucht und dort angerufen. Hinrichs Frau ging ans Telefon. Die hat uns erst mal gefragt, ob wir uns auch wirklich sicher sind.

Die ersten zwei Tage, das hat man gemerkt, haben sie uns noch als kritische Fälle eingestuft und waren sich nicht ganz sicher, ob wir auch wirklich bleiben würden. Spargelstechen ist harte Arbeit. Die Fingerknöchel schwellen an, man spürt jedes Gelenk, das man im Körper hat. Jeden Abend wickeln wir uns mit kühlenden Verbänden ein. Der Rücken hat sich mittlerweile an die neue Belastung gewöhnt. Man muss eben sein eigenes Tempo finden, sich ab und an mal hinknien. Dann geht’s. Manchmal denken wir schon: Warum machen wir das nur?!? Aber wir ziehen das durch.

Wenn man mit einem der Bulgaren sticht, die hier sind, ist das ein bisschen demotivierend. Die fliegen durch die Reihen! Das ist der Wahnsinn. Und wenn wir nach fünf Stunden vollkommen fertig sind, arbeiten die noch drei Stunden länger. Und dabei sieht jede gestochene Stange schier aus. Das war bei uns, gerade am Anfang, ganz anders.

 

„Wir wissen genau, was wir für jeden Euro getan haben“

Einer, mit dem wir angefangen haben, ist ab dem zweiten Tag nicht mehr gekommen. Meinte, er hätte Hexenschuss. Dass einer nicht mehr auftaucht, scheint bei Erntehelfern häufiger vorzukommen. Aber wir wissen ja, warum wir das machen. Wir können hier acht Wochen am Stück arbeiten. Da kommt für unsere Verhältnisse ein ganz schöner Betrag zusammen, so um die 3.000 Euro pro Person. Im Oktober beginnt unser praktisches Jahr. Das wird bei Tiermedizinern nicht bezahlt. Für uns ist das jetzt also eine gute Möglichkeit, etwas auf die hohe Kante zu legen. Auch wenn man sich jeden Euro hart erarbeitet hat.

Unser Verhältnis zu Lebensmitteln hat sich jedenfalls in den vergangenen Wochen verändert. Weil man sieht, wo alles herkommt. Seit wir wissen, dass sich für jede Spargelstange eine Person drei Mal gebückt hat, essen wir die mit deutlich mehr Demut als vorher.“

Saisonarbeit: So können auch Sie helfen!

Wegen der Corona-Krise fehlen in der Landwirtschaft jeden Monat mehrere 10.000 Helfer. Aber Spargel, Salate und Erdbeeren müssen trotzdem geerntet werden – auch, damit die Regale in den Supermärkten gefüllt bleiben. Wenn auch Sie von der Krise betroffen sind, Ihre Firma geschlossen hat oder Kurzarbeit anmelden musste, ist Saisonarbeit vielleicht auch für Sie ein Weg, um in den kommenden Monaten etwas dazuzuverdienen.

Weil viele Erntehelfer fehlen, hat die Bundesregierung beschlossen, dass Saisonarbeitskräfte bis Ende Oktober 115 statt bisher 70 Tage sozialversicherungsfrei arbeiten dürfen. Und auch wenn Sie in Kurzarbeit sind, ist es möglich, das Gehalt aufzustocken. Alle Infos zu Corona, Kurzarbeit und Saisonarbeit finden Sie hier.

Und wenn Sie konkret nach Jobs suchen wollen, oder ein Betrieb sind, der Hilfe braucht, schauen Sie auf www.agrarjobboerse.de, der bundesweiten Plattform aller Landwirtschaftskammern.

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Nele Justus
Titelfoto: © iStock/juefraphoto

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