Schwerbehindert – was bedeutet das?

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Es kursieren Vorbehalte und Vorurteile, wenn es um die Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen geht. Dabei bringt ihre Einstellung oft einen Mehrwert fürs Unternehmen und fürs gesamte Team. Expert:innen der Bundesagentur für Arbeit beantworten die wichtigsten Fragen für Arbeitgeber:innen.

Wer zählt eigentlich als schwerbehindert?
Im Alltag haben viele ein eher eingeschränktes Bild von Menschen mit Schwerbehinderung. Sie denken an Personen im Rollstuhl oder mit einer geistigen Behinderung. Aber das spiegelt nicht die Realität wider. Denn häufig sieht man den Menschen ihre Schwerbehinderung gar nicht an. Auch Migräne, Diabetes, Asthma, Autismus, Bluthochdruck, Tinnitus oder eine überstandene Krebserkrankung können beispielsweise dazu führen, dass eine Schwerbehinderung festgestellt wird. Genauso kann eine Schwerbehinderung die Psyche betreffen, wie etwa bei Depressionen. Oder die Sinnesorgane, wie bei Schwerhörigkeit oder einer starken Sehbehinderung. Außerdem können neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Epilepsie als Schwerbehinderung eingestuft werden. Die Liste ist also länger, als sich viele bewusst sind. Fakt ist: Rund acht Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Und mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Betroffenen.

Gezählt – im wörtlichen Sinne – wird als schwerbehinderter Mensch, wenn von der zuständigen Behörde (z. B. einem Versorgungsamt) ein Grad der Behinderung von mindestens 50 festgestellt worden ist. Ebenso zählen Menschen dazu, die von der Agentur für Arbeit gleichgestellt worden sind. Sie erhalten dadurch grundsätzlich den gleichen Status wie Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung.

Welches Vorurteil hält sich am hartnäckigsten?
Häufig wird vermutet, dass Menschen mit Schwerbehinderung weniger leistungsfähig sind. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Menschen mit Schwerbehinderung sind oft besonders motiviert. Wer täglich sein Leben mit Beeinträchtigungen meistert, bringt oft neue, ungewohnte Denkansätze mit. Wir bekommen häufig das Feedback, dass Menschen mit Handicap für das Teamgefühl eine große Bereicherung sind. Sie verbessern den Zusammenhalt und das Arbeitsklima. Inklusion ist ein gesellschaftliches Thema, das uns alle betrifft. Was man oft vergisst: Es kann jeden zu jeder Zeit treffen.

Welche finanzielle Unterstützung gibt es?
Jede:r Arbeitgeber:in, die oder der im Jahresdurchschnitt monatlich über mindestens 20 Arbeitsplätze verfügt, ist verpflichtet, fünf Prozent der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten oder diesen gleichgestellten behinderten Menschen zu besetzen. Tut er das nicht, muss er eine Ausgleichsabgabe zahlen. Die liegt zwischen 140 und 360 Euro im Monat pro unbesetzten Pflichtarbeitsplatz. Wenn ich mich entscheide, jemanden mit Schwerbehinderung einzustellen, kann ich diesen Betrag einsparen. Und zwar für die gesamte Dauer des Arbeitsverhältnisses.

Schwerbehinderte Auszubildende werden dabei auf mindestens zwei Pflichtarbeitsplätze angerechnet. Außerdem zählen bei der Quotenberechnung Ausbildungsplätze nicht als Arbeitsplätze mit. Das lohnt sich dann gleich doppelt. Außerdem gilt: Bedeuten die Einschränkungen der Person einen erhöhten Aufwand für das gesamte Team und den Betrieb, gibt es auch hier die Möglichkeit der Mehrfachanrechnung. Das bedeutet, ich kann die schwerbehinderte Person auf zwei, manchmal sogar drei Arbeitsplätze anrechnen lassen.

Kann ich jemanden erst einmal auf Probe einstellen?
Sicher. Es besteht die Möglichkeit einer Probebeschäftigung für den Zeitraum von maximal drei Monaten. In diesem Zeitraum können beide Seiten sehr gut feststellen, ob sie zueinander passen. Die Lohnkosten sowie der Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung werden von der Agentur für Arbeit übernommen. Es entstehen dabei keinerlei Risiken oder Pflichten für die Arbeitgeber:innen.

Gibt es auch Zuschüsse, wenn ich jemanden direkt sozialversicherungspflichtig einstelle?
Betriebe können für die Zeit der Einarbeitung einen Eingliederungszuschuss erhalten. Hierbei handelt es sich um einen Lohnkostenzuschuss, über den immer im Einzelfall entschieden wird. Am besten ist es, sich an den Arbeitgeber-Service vor Ort zu wenden und die Möglichkeiten zu besprechen.

Auch die Aus- oder Weiterbildung eines schwerbehinderten Menschen kann mit einem monatlichen Zuschuss gefördert werden, wenn eine Aus- oder Weiterbildung ohne die Förderung nicht möglich ist. Die monatlichen Zuschüsse werden für die gesamte Ausbildungsdauer gewährt.

Welche Besonderheiten gelten, wenn ich jemanden mit Schwerbehinderung einstelle?
Diese Menschen haben einen Anspruch auf fünf Tage zusätzlichen Urlaub im Jahr. Sie können die Freistellung von Mehrarbeit verlangen und haben einen Anspruch auf Teilzeitarbeit, wenn die Behinderung eine kürzere Arbeitszeit erfordert. Außerdem muss der Betrieb einen behindertengerechten Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Aber auch dabei werden Arbeitgeber nicht allein gelassen. Der technische Beratungsdienst der Agentur für Arbeit kommt direkt zum/zur Arbeitgeber:in und schaut sich vor Ort an, welche Hilfen eventuell notwendig sind: Seien es eine Rampe, Hebebühne oder sanitäre Einrichtungen. Die notwendigen Kosten können dabei bis zur vollen Höhe erstattet werden.

Kann ich einen schwerbehinderten Menschen wieder kündigen?
Natürlich. Viele sind der Meinung, dass jemand mit Schwerbehinderung unkündbar ist. Das ist falsch. Aber dennoch hält diese Fehlinformation viele Arbeitgeber:innen davon ab, Menschen mit Einschränkungen eine Chance zu geben. Richtig ist: Das Integrationsamt muss bei einer Kündigung eingeschaltet werden und dieser zustimmen. Weit überwiegend erfolgt auch eine Zustimmung. Wichtig sind hier insbesondere nachvollziehbare Gründe für die Kündigung.

Wo finde ich weitere Informationen?
Der Ratgeber für Arbeitgeber „Schwerbehinderte Menschen im Betrieb“ fasst die wichtigsten Fakten noch einmal zusammen.

Ich habe noch Fragen. An wen kann ich mich wenden?
Der Arbeitgeber-Service ist immer Ihr erster Ansprechpartner. Wenn Sie schon einen persönlichen Kontakt haben, können Sie dort alle Fragen loswerden. Oder Sie wählen die kostenfreie Servicerufnummer 0800 4 5555 20.

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Nele Justus
Titelfoto: © iStock/Prostock-Studio

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