Aus­bil­dung

Sechs ehr­li­che Azu­bi-Wün­sche an die Chefs

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Mehr Gehalt? Einen Firmenwagen? Feste Arbeitszeiten? Azubis wünschen sich heute ganz andere Dinge als noch vor einem Jahrzehnt – vor allem aber Respekt und Verantwortung. Mit diesen sechs Aspekten punkten Lehrbetriebe bei der Generation Z.

1. Eine langfristige Perspektive

Kurz mal den Ausbildungsplatz wechseln, weil es gestern nicht so spannend war? So sprunghaft denken Jugendliche heute nicht mehr. Sie wünschen sich einen Lehrbetrieb, in dem ein angenehmes Arbeitsklima herrscht, einen Arbeitsplatz, der ihnen eine Zukunftsperspektive bietet. Sie wollen langfristig bleiben, und dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob es sich um ein großes oder kleines Unternehmen handelt.

2. Ein verantwortungsvoller Betrieb

Trägt das Unternehmen eine gesellschaftliche Verantwortung? Wie geht es mit seinen Angestellten um, in welchen Ländern und unter welchen Bedingungen lässt es seine Ware produzieren? Diese Fragen sind wichtig für Jugendliche. Gerade weil sie Wert auf eine langfristige Zusammenarbeit legen, wollen sie sich mit dem Unternehmen identifizieren. Gut gemachte Imagefilme verschaffen einen Blick hinter die Kulissen.

3. Abwechslung und Erfahrungsaustausch

Es motiviert Azubis ungemein, wenn sie selbst einmal Experte sein dürfen. Sie fühlen sich dann respektiert und gebraucht. Beim „Reversed Mentoring“ nutzt das Unternehmen den Erfahrungsschatz der Generation Z. Die Jugendlichen coachen ihre Vorgesetzten zum Beispiel bei Fragen zur Digitalisierung. Welchen Vorteil bringen soziale Medien oder Messenger-Dienste für den Alltag in der Firma? Die Ausbilder coachen die Jungen wiederum in fachlichen Fragen. Das sorgt für reichlich Abwechslung. Gut so! Denn die steht nämlich weit oben auf der Wunschliste.

4. Ein gut erreichbarer Arbeitsplatz

Azubis wollen nicht stundenlang zur Firma pendeln. Sie denken schon jetzt an die Vereinbarkeit ihres Arbeitsplatzes mit einem Familienleben, daher sind kurze Wege wichtig. Auch mit Firmenhandys, Prämien oder Dienstwagen lassen sie sich nicht vom Gegenteil überzeugen. Kompromissbereiter sind sie, wenn der Arbeitgeber ihnen schon jetzt flexible Arbeitszeiten oder ein Home Office in Aussicht stellt. Das sehen sie nebenbei als Zeichen des Vertrauens, das der Chef seinen Mitarbeitern entgegenbringt.

5. Ein gutes Image

Nichts überzeugt potenzielle Azubis mehr als die Stimmen der Mitarbeiter. Sie wünschen sich authentische Geschichten aus dem Alltag einer Firma. Dabei lassen sie sich gern von Mitarbeiterblogs überzeugen, in denen über das letzte Projekt, das nächste Coaching-Wochenende oder den kommenden Firmenausflug berichtet wird. Sie schauen sich auch gern YouTube-Videos an, auf denen Azubis eigene Konstruktionen oder Ideen für die Firma vorstellen. Social Media bietet eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten für die Außendarstellung.

6. Verantwortungsvolle Aufgaben

Traut der Chef seinen Azubis etwas zu? Lässt er sie vieles selbst machen, oder sind sie nur Zaungäste? Azubis sind oft sehr kreativ, verantwortungsvoll und eigeninitiativ, wenn man sie nur lässt. Warum nicht mal einen Lehrling ein eigenes Projekt leiten lassen? Oder seine Ideen für ein besseres Teamwork anhören?

 

Zum Hintergrund:

Die Liste basiert auf einer schriftlichen Repräsentativbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Bundesagentur für Arbeit (BA) von rund 2.000 Ausbildungsstellenbewerberinnen und -bewerbern.

Erfahrungsberichte

Das sagen Auszubildende

Sophie Hombrecher, 21, im zweiten Ausbildungsjahr zur Industriemechanikerin bei Hansgrohe in Baden-Württemberg

„Auf der Suche nach einem Lehrbetrieb waren mir mehrere Dinge wichtig: Ich wollte einen guten Arbeitgeber in der Region finden, unbedingt praktisch arbeiten und übernommen werden. Ich habe ein bisschen im Internet nach Firmen recherchiert, aber ausschlaggebender waren für mich die Erfahrungsberichte im Bekanntenkreis. Viele sprachen von Hansgrohe, einem führenden Unternehmen der Bad- und Küchenbranche mit 5.000 Mitarbeitern weltweit. Es bietet Ausbildungsberufe von der Industriekauffrau über den Werkzeugmechaniker bis hin zur technischen Produktdesignerin.

sophie hombrecher
© Privat

Sophie Hombrecher ist es wichtig, praktisch zu arbeiten.

Da ich schon immer gern gewerkelt und gebastelt habe, interessierte mich der Beruf des Industriemechanikers. Hansgrohe organisiert die gewerblich-technische Ausbildung so, dass alle Azubis im ersten Lehrjahr mit ihren Ausbildern ausschließlich an den verschiedenen Maschinen und Werkbänken einer Talentschmiede arbeiten, einem hochmodernen Ausbildungszentrum. Das fand ich toll!

Ich stellte es mir zwar nicht so leicht vor, als Frau in einem von Männern dominierten Beruf zu arbeiten, das Bewerbungsgespräch hat meine Bedenken aber zerstreut. Es verlief sehr offen und nett, die Ausbilder erzählten auch von den Zukunftsaussichten: Azubis werden in der Regel übernommen. Zu Anfang der Ausbildung ging es mit allen Lehrlingen auf eine Selbstversorgerhütte in den Schwarzwald. Das fühlte sich an wie eine Klassenfahrt! Dort gab es keinen Handyempfang, wir kochten, kletterten und wanderten durch Bäche – so haben wir uns und die Ausbilder gut kennengelernt. Vielleicht ist das der Grund, warum wir heute ein eingeschworenes Team sind.

„Das Lernen hört nie auf.“Sophie Hombrecher, Auszubildende zur Industriemechanikerin

Ich lerne hier jeden Tag etwas Neues, und es ist nie langweilig. Nach dem ersten halben Jahr gab es einen Workshop, in dem wir unsere bisherigen Eindrücke und Erfahrungen ausgetauscht haben. Zur Mitte der Ausbildung ziehen wir mit unseren Ausbildern eine Halbzeitbilanz, und gegen Ende der Lehrzeit findet der Workshop „Neue Horizonte“ statt, in dem wir über unsere Zukunft im Unternehmen sprechen.

Heute bin ich Patin eines neuen Azubis. Ich erkläre ihm alles und nehme ihm die Nervosität. Das gelingt mir ganz gut, weil ich mich immer routinierter im Unternehmen bewege. Das Lernen hört nie auf. Auch nicht, wenn ich einmal übernommen werde. Dann kann ich mich noch intensiver auf dem Hansgrohe Campus weiterbilden. Das ist eine Lernplattform mit sechs Fakultäten von „Digitalisierung“ bis hin zu „Strategie & Innovation“. Dort gibt es Vorträge, Workshops oder auch Onlinekurse. Wichtig ist aber auch, dass ich mich hier mit anderen Mitarbeitern vernetzen und meinen Horizont erweitern kann. Was brauch’ ich da noch mehr?“

Tim Köchling, 20, im zweiten Lehrjahr zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel/Wirtschaftsfachwirt beim Agrarhandelsunternehmen Agravis in Nordrhein-Westfalen

„Ich wollte schon immer in einem großen, etablierten Unternehmen arbeiten, in dem ich Verantwortung übernehmen kann. Meine Horrorvorstellung von einem Lehrbetrieb wäre gewesen, den ganzen Tag nur herumzustehen oder Kaffee zu kochen.

tim köchling
© Privat

Tim Köchling übernimmt auch als Azubi gern Verantwortung.

Ich interessiere mich schon seit meiner Kindheit für Landwirtschaft und die Frage, wie man etwas anbaut und erntet. Bei meiner Internetrecherche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz stieß ich auf das Unternehmen Agravis, nicht weit von meinem Wohnort entfernt. Auf der Homepage konnte ich Artikel und Filme anklicken, in denen Azubis über ihre Arbeit berichten. Egal aus welcher Abteilung sie kamen, immer erzählten sie davon, wie selbstständig sie arbeiten dürfen. Das hat mir gefallen.

Heute bin ich selbst Lehrling bei Agravis und profitiere von einer ganz vielseitigen Ausbildung. Zum Beispiel durfte ich mit einem Team von 14 Lehrlingen ein kleines Start-up gründen, ein fast autark laufendes Projekt, in dem wir sehr eigenverantwortlich arbeiten können. Wir entwickelten ein Geschäftsmodell für Gemüsegärten, die wir an Städter ohne Garten vermieten. 70 Prozent des Gemüsebeetes sind vorbepflanzt, 30 Prozent können die Kunden individuell gestalten. Wir gründeten ein Marketingteam, entwarfen Plakate, einen Kinospot mit Standbild. Außerdem gibt es das Team „Infrastruktur Acker“, in dem ich mich mit den anderen darum kümmere, dass die Flächen gepflügt und eingezäunt sind und die Wasserversorgung gut läuft.

„Wir lernen, auch mit Misserfolg oder Druck besser umzugehen.“Tim Köchling, Auszubildender zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel/Wirtschaftsfachwirt

Wir arbeiten selbstständig und tragen viel Verantwortung. Das ist nicht immer leicht. Manchmal haben wir tolle Ideen, die wir aber aufgrund rechtlicher Bestimmungen nicht umsetzen können. Aber so lernen wir unter anderem, auch mit Misserfolg oder Druck besser umzugehen.

Wenn alles gut klappt, habe ich später viele Möglichkeiten, bei Agravis oder einer Tochtergesellschaft unterzukommen: Ich kann Händler für Futtermittel, Saatgut oder Düngemittel werden, in der Abwicklung oder im Einkauf arbeiten.

Alle sechs Monate fragen mich die Ausbilder in einem Feedback-Gespräch, wie es mir gefällt und welche Ziele ich habe. So kann ich den Verlauf der Lehre sogar ein bisschen mitbestimmen. Genau das wünsche ich mir von einem Ausbildungsbetrieb.“

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Kommentare

was hat sich denn tatsächlich geändert? die Ansprüche sicher nicht. Ich erinnre mich noch an "meine" Azubis" (120)aus den Endachzigern die meinen Anspruch das sie zu den Besten gehören sollten, mit mir diskutierten und mit tollen Vorschlägen (ich sage bewusst nicht Forderungen) kamen z.B Computer in der LW mit Programmen, die sie u.a. auf die neuen Technologien in der Fertigung die wir damals installierten vorbereiteten und sie zu begehrten Mitarbeitern machten.
Und sie konnten stolz über ihre Lehre bei "ihrer" Firma zuhause, im Verein und der Schule sprechen.-denn sie waren die Besten....
Heute würde man viele Begriffe verwenden wie z.B. employer Branding etc . wir haben uns einfach um die Mitarbeiter gekümmert weil wir als Führungskräfte wussten das wir ohne sie nicht wirklich erfolgreich sein können.
Im Übrigen wurde ich extrem gut von den Kollegen und der GF unterstützt auch die konnten "angeben"

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © BONNINSTUDIO/Stocksy

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