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Stu­di­en­ab­bre­cher als Azu­bis ein­stel­len

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Der Passus „Auch Studienabbrecher sind willkommen“ ist immer häufiger in Stellenannoncen zu finden, ein halbes Jahr nach dem Abbruch sind 43 Prozent der Ex-Studierenden in einer Berufsausbildung. Das Projekt shift in Hamburg versucht mit Partnern wie der Jugendberufsagentur die Beratung und Vermittlung zu bündeln. Im Interview erklären Annegret Witt-Barthel, Projektkoordinatorin von shift, und Sönke Fock, Leiter der Arbeitsagentur Hamburg, welche Vorteile Arbeitgeber bei der Einstellung von Studienabbrechern haben.

Annegret Witt-Barthel

„Studienaussteiger wissen genauer, was sie wollen“

Faktor A: Wie ist der Ablauf, wenn ein Studierender sich mit Abbruchsgedanken an shift wendet?

Annegret Witt-Barthel: Die Hochschulen betreuen Studienzweifler und klären, ob doch noch ein Studienerfolg angestrebt werden kann. Wer sich zum Abbruch entschlossen hat, wird zu Beratungs- und Vermittlungsstellen wie zum Beispiel der Arbeitsagentur weitergeleitet. Und wer schon genau weiß, in welche Richtung es gehen soll, ist bei den Kammern an der richtigen Stelle. Durch shift haben diese Stellen ihre Zusammenarbeit intensiviert und für die Betroffenen eine verlässliche Beratungs- und Vermittlungskette vereinbart.

Wie bewerten Arbeitgeber einen Studienabbruch?

Nicht nur durch den Fachkräftemangel haben viele Arbeitgeber die Gruppe der Studienaussteiger als besonders interessante Nachwuchskräfte auf dem Radar. Bewusste Lebensentscheidungen nehmen viele Personalverantwortliche als positiv wahr. Wir veranstalten für Unternehmen eigene Netzwerktreffen, wo Betriebe wertvolle Hinweise und Erfahrungen rund um die Beschäftigung von Studienaussteigern austauschen und wir mit ihnen neue Wege der Ansprache entwickeln.

Und was bedeutet der Abbruch für die Betroffenen selbst?

Ihnen wollen wir mit shift zeigen, dass es auch abseits vom Hochschulstudium Berufsperspektiven gibt. Vor allem sollen Studienaussteiger erfahren, dass sie nicht allein und ungerade Lebensläufe kein Problem sind. Das Feld der Möglichkeiten ist weit, und eine Berufsausbildung eröffnet viel mehr Karrierewege, als die meisten denken. Auch ein duales Studium kann eine Option sein.

Annegret Witt-Barthel, Projektkoordinatorin Shift Hamburg
© Stefanie Thiele

Annegret Witt-Barthel leitet das Projekt shift – Hamburgs Programm für Studienaussteiger/innen.

Warum ist es für Unternehmer interessant, auf Studienabbrecher zu setzen?

Weil diese Menschen meist besondere Stärken mitbringen: In der Regel wissen sie genauer, was sie wollen, und sind in ihrer Persönlichkeit gereifter. Je nachdem, in welcher Phase des Studiums sie abbrechen, bringen sie neue Sichtweisen und Erfahrungen von der Hochschule mit in den Betrieb.

Wie können Arbeitgeber Studienaussteiger auf sich aufmerksam machen?

Die eigene Website ist zentral. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ist für Studienabbrecher bei der Neuorientierung das soziale Umfeld am wichtigsten. An zweiter Stelle kommen bereits die Websites von Unternehmen. Geht es um die Bewertung der Nützlichkeit für die Suche nach neuen Berufswegen, stehen die Unternehmenswebsites sogar an erster Stelle. Egal wie klein der Betrieb also ist, eine ordentliche Internetseite ist die beste Einladung zu einer Bewerbung.

Sollen Arbeitgeber Studienaussteiger explizit ansprechen?

Arbeitgeber sollten bei Lehrstellenangeboten konkret darauf hinweisen, dass auch Studienaussteiger sich bewerben können. Das Unternehmen signalisiert dem Aussteiger dadurch, dass er gebraucht wird und es ein passendes Angebot gibt.
Im Rahmen von shift erproben wir gerade das neue interaktive Online-Tool myshift. Dort können Betriebe ihre Orientierungsangebote einstellen, wie Praktika, Work-Shadowing (Begleitung im Arbeitsalltag) oder Austausch mit Auszubildenden. Studienaussteiger und Arbeitgeber können so direkt miteinander in Kontakt treten. Das ist insbesondere für Klein- und mittelgroße Betriebe interessant.

Programme für Studienaussteiger

Was ist shift?

In Hamburg arbeitet ein kooperierendes Netzwerk aus Handels- und Handwerkskammer, Unternehmensverband Nord, Arbeitsagentur, staatlichen Hochschulen, Studierendenwerk und Behörden  gemeinsam an Maßnahmen, um Studierende bei Studienzweifeln zu beraten und bei einem Studienausstieg in die passende Ausbildung zu vermitteln. Bei shift-Netzwerktreffen tauschen sich die Beratungs- und Vermittlungskräfte auf persönlicher Ebene aus. Die zentrale Webseite shift-hamburg.de bietet einen Beratungswegweiser zur Beratungslandkarte mit fast 60 Einrichtungen. Das Programm wird von einer breiten Öffentlichkeitskampagne begleitet. Ähnliche Programme gibt es in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Berlin, sie werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.

Sönke Fock

„Studienaussteiger stehen hinter ihrer Entscheidung, den Alternativweg zu gehen“

Faktor A: Ein halbes Jahr nach Studienabbruch haben 43 Prozent der Aussteiger eine Berufsausbildung angefangen. Wie bewerten Sie diese Quote?

Sönke Fock: Hinter Zahlen wie dieser stehen Einzelschicksale, bei denen die Erwartung an die Ausbildung nicht erfüllt wurde. Da gehen Träume und Hoffnungen verloren. Wie reduzieren wir die Zahl der Studienabbrüche? Was können wir für jene tun, die aus dem Studium ausgestiegen sind? Wie reibungslos funktioniert ein Umstieg in eine Berufsausbildung? Das sind Fragen, die wir uns stellen müssen.

Wie erreicht die Jugendberufsagentur gezielt Studienabbrecher?

Bei Fragen zu Ausbildung, Beruf und Studium hilft die Jugendberufsagentur. Das ist in den vergangenen Jahren im Bewusstsein in Hamburg angekommen. In der Regel kommen Menschen zu uns, die an der ersten Schwelle von Schule zu Ausbildung oder Studium stehen. Wir sind Partner bei shift, weil Studienaussteiger nicht zwingend gleich an die Jugendberufsagentur denken.

Warum braucht es ein Netzwerkprojekt wie shift?

Weil es wichtig ist, dass es eine Adresse für Fragen rund um die Fortsetzung des Studiums gibt, wo die jeweiligen Partner angedockt sind. Die Vielfalt der Kompetenzen der Netzwerkpartner wird den diversen Ursachen von Studienproblemen gerecht. shift ist für die Studierenden die Antwort auf die Frage, an wen sie sich bei Zweifeln und Problemen zuerst wenden können.

Wie verläuft die Suche nach Alternativen, wenn jemand sein Studium abbrechen will?

Zu Beginn der Beratung steht eine umfassende Situationsanalyse: Was waren die Motive, die mich zur Wahl eines Studiums veranlasst haben? Welche Gründe sprachen damals schon für oder gegen Ausbildungsalternativen? Welche Erwartungen hatte ich, und welche Erfahrungen habe ich gemacht? Was hindert mich daran, mein Studium erfolgreich weiterzuführen? Womöglich sind es gar nicht Dinge, die das Studium selbst betreffen, sondern Fragen meiner persönlichen Entwicklung, Krisen, veränderte Vorstellungen und Wünsche. Mal geht es dabei um Motivationsfragen, mal um die Rahmenbedingungen oder um finanzielle und psychologische Hilfe. Erst im Anschluss folgt die Suche nach möglichen Alternativen.

Ist ein Studienabbruch aus Arbeitgebersicht ein Makel im Lebenslauf?

Arbeitgeber wollen ihre Arbeits- und Ausbildungsstellen mit den bestmöglichen Bewerbern besetzen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist das in den vergangenen Jahren immer schwerer geworden. Studienabbrecher sind ein denkbares und gutes Bewerberpotenzial. Wie bei jedem anderen Bewerber auch wollen die Arbeitgeber wissen, welche Fähigkeiten jemand mitbringt und wie motiviert jemand für eine bestimmte Stelle ist.

Welchen Vorteil kann es für Arbeitgeber haben, Studienabbrecher einzustellen?

Studienaussteiger haben sich mit ihrer Situation intensiv auseinandergesetzt. Sie wissen meist, wo ihre Stärken und Talente liegen und was ihnen Freude bringt. Aus der Studienzeit bringen sie viele Fähigkeiten mit: Lernkompetenzen, Selbstorganisation, den Blick über den Tellerrand oder das eigenständige Erarbeiten von Sachverhalten.

Sönke Fock, Leiter der Bundesagentur für Arbeit Hamburg
© BA

Sönke Fock leitet die Bundesagentur für Arbeit Hamburg, die als Projektpartner bei shift integriert ist.

Haben Arbeitgeber das Bewerberpotenzial Studienabbrecher bereits erkannt?

Ich denke, dass die meisten Arbeitgeber diese Gruppe auf dem Schirm, aber noch kein klares Bild davon haben, wer diese Menschen sind. Das Scheitern rückt in den Hintergrund, weil Studienaussteiger um ein paar Erfahrungen gereifter sind und sich gleichsam bewusster auf eine Stelle oder Ausbildung im Betrieb einlassen.

Wie erleichtere ich als Arbeitgeber Studienabbrechern den Berufseinstieg?

Wenn Arbeitgeber in Anzeigen und Gesprächen deutlich machen, dass Studienaussteiger willkommen sind, senkt das die Hemmschwelle beim Bewerben. Wer danach fragt, was jemand in der Studienzeit gelernt hat, offenbart ein wertschätzendes Klima.

Wie sehr trauern Studienabbrecher in Berufsausbildung ihrem Traum vom Hochschulabschluss hinterher?

Arbeitgeber haben oft die Sorge, dass Menschen, die eine akademische Qualifikation angestrebt haben, mit einer Ausbildung im Betrieb nicht zufrieden sein könnten. Unserer Erfahrung nach haben sich Studienaussteiger explizit mit den Vor- und Nachteilen einer akademischen Ausbildung auseinandergesetzt. Wenn sie dieses Thema für sich bearbeitet und abgeschlossen haben, dann stehen sie hinter dem neuen alternativen Weg. Die Sorge, „der könnte vielleicht unzufrieden sein und wieder gehen“, ist unbegründet.

Wie ist das Image der Berufsausbildung im Vergleich zum Hochschulabschluss?

Die akademische Ausbildung hat einen hohen Stellenwert. Mit ihr verbindet man bessere Gehälter, höheres Ansehen und eine geringe Arbeitslosigkeit. Beim Finanzaspekt kann man dagegen argumentieren: Vergleicht man die Kosten eines Studiums und den finanziellen Nachteil durch den späteren Berufseinstieg mit dem Einkommen eines Auszubildenden, der sich weiterqualifiziert, ist der Finanzvorteil oft aufgebraucht. Akademiker-Arbeitslosigkeit und Fachkraft-Arbeitslosigkeit unterscheiden sich nur noch in Nuancen. Auch das Ansehen einzelner Berufe verändert sich, durch Imagekampagnen und Tarifverträge, in den letzten Jahren etwa bei den Pflege- und Erziehungsberufen. Und die Möglichkeit der Selbstständigkeit steigert das Ansehen zusätzlich.

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Julia Fröhleke
Titelfoto: © Bonninstudio/Stocksy