Studentin schaut positiv in die Zukunft

Pra­xis­be­richt

Stu­di­en­ab­bre­cher im Un­ter­neh­men

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Mein Faktor A
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Auf der einen Seite: die Wirtschaft, die unter dem Fachkräftemangel leidet. Auf der anderen Seite: 29 Prozent aller Bachelorstudierenden, die ihre Hochschulausbildung vorzeitig beenden. Was liegt näher, als die Bewerbergruppe Studienabbrecher mit interessierten Unternehmen zusammenzubringen? Ein Arbeitgeber und ein Ex-Student erzählen, wie sie aufeinander aufmerksam geworden sind, und berichten von ihren Erfahrungen.

Das sagt der Ausbilder

„Die von der Uni wissen, wo es
langgeht“

Selectrona, Hersteller von Bauteilen – u. a. für die Automobilindustrie – im sächsischen Dippoldiswalde, bietet sowohl Dualstudiengänge als auch Ausbildungsplätze an. Ein Gespräch mit Jörg Fabian, Ausbildungsleiter bei Selectrona.

Faktor A: Herr Fabian, Sie stellen seit über zehn Jahren auch Studienabbrecher als Azubis ein. Wie kommt der Kontakt überhaupt zustande?

Jörg Fabian: Wir arbeiten seit vielen Jahren mit der Arbeitsagentur zusammen, die uns anruft und Interessenten zuschickt. Wir laden die Leute dann zu einem Schnuppertag ein. Handwerk ist für die meisten ja totales Neuland. Das kriegen die ja in Schule und Studium gar nicht geboten. Wenn es passt, bieten wir ihnen einen Ausbildungsplatz an. Es gibt aber auch direkte Anfragen.

Ausbildungsleiter bei Selectrona, Jörg Fabian
© Selectrona

Jörg Fabian (l.), Ausbildungsleiter bei Selectrona, mit einem seiner Azubis.

Was ist Ihrer Erfahrung nach der größte Unterschied zwischen Jugendlichen, die gerade aus der Schule kommen, und Bewerbern, die zuvor ihr Studium abgebrochen haben?

Egal ob Umschüler, Hauptschüler oder Studienabbrecher – letztlich kommt es auf den Menschen an. Aber das höhere Alter der ehemaligen Studenten und die damit oft verbundene Lebenserfahrung kann schon ein Vorteil sein. Die von der Uni sind oft abgeklärter und wissen, wo es langgeht. Da sie ja oft ein, zwei Jahre nicht mit ihrer Leistung zufrieden waren, wirkt der Wechsel in die Ausbildung für sie oft wie ein Schub.

Wie testen Sie, ob die Person in die Firma passt, und wie geht es nach der Ausbildung für die jungen Fachkräfte weiter?

Generell werden bei uns alle Interessenten ein paar Tage herumgeführt. Vom Maschinenbauer bis zum Politikwissenschaftler war da schon alles dabei. Alle schauen in die einzelnen Fachgebiete hinein, um zu sehen, ob sie eher im Büro oder an der Werkbank arbeiten wollen und können. Es zählen ja nicht nur Noten oder Lebensläufe. Einige machen danach über die IHK noch ihren Techniker und kommen dann wieder zu uns zurück. Oder sie studieren noch einmal. Schließlich hat man es durch die Fachkenntnisse aus der Ausbildung im Studium leichter, das vergessen viele.

Das sagt der Ex-Student

„Ich bin einfach kein Studenten-Typ“

Florian Fischer, 29, Werkzeugmechaniker, hat nach zwei abgebrochenen Studiengängen seine Ausbildung abgeschlossen.

„Mein beruflicher Werdegang war nicht gerade gradlinig. Nach zwei abgebrochenen Studiengängen habe ich vor einigen Monaten meine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker bei der Firma Selectrona beendet. Jetzt will ich erst mal in der Firma bleiben und weiter dazulernen.

Nach dem Abi 2009 hing ich ein paar Monate in der Luft und wusste nicht, was ich machen soll. Ich habe mich dann für ein Dualstudium der Holztechnik an der Akademie in Dresden entschieden. Irgendwann wurde mir das aber zu viel. Das Studium war sehr theoretisch, und dann wurde ich 2012 auch noch Vater.

Ich habe dann ein paar Monate gejobbt und überlegt, wie es weitergehen soll. Philosophie hat mich schon immer interessiert. Nach zwei Jahren Philosophie- und Germanistikstudium an der TU Dresden war mir dann definitiv klar: Das ist nicht meins. Das Studium war zwar interessant, aber die beruflichen Aussichten eher schlecht, und ich bin einfach kein Studenten-Typ. Warum ich zwei Studiengänge gebraucht habe, um das zu merken? Keine Ahnung. Ich dachte einfach, dass man mit einem Abitur auch studiert.

Zumindest war mir aber jetzt klar, was ich wollte: nicht den ganzen Tag vor dem Computer sitzen, sondern etwas mit den Händen schaffen und endlich etwas Richtiges in der Tasche haben. Die Uni hat mir bei meiner Entscheidung gar nicht geholfen. Hilfe kam über die Beratung bei der Agentur für Arbeit. Das ging alles ziemlich schnell: Ostern 2015 habe ich mit dem Studium aufgehört, die Agentur hat mir sofort Stellenangebote zugeschickt, und im Sommer habe ich bei Selectrona angefangen.

Ob mir der Wechsel vom Studenten zum Auszubildenden schwergefallen ist? Anfangs hatte ich schon das Gefühl, einen Rückschritt gemacht zu haben. Aber das hat sich nach kurzer Zeit gelegt. Die Ausbildung hat Spaß gemacht, und man rutscht schnell in den Handwerker-Alltag hinein. Das Interesse an der Philosophie ist trotzdem geblieben: Ich habe angefangen nebenbei zu schreiben – ein guter Ausgleich zu meinem praktischen Beruf.“

Das sagt die Hochschulkoordinatorin

„Gerade für den ländlichen Raum sind Studienaussteiger interessant“

Warum Studienabbrecher so wertvoll für den Arbeitsmarkt sind und wie gerade kleine Unternehmen von ihnen profitieren können, erklärt Dr. Theresa Wand, Hochschulkoordinatorin der TU Freiberg.

Wer ein Studium abbricht, hat nichts vorzuweisen? Diese Annahme ist längst überholt! Im Studium erworbene Fähigkeiten sind durchaus wertvoll für den Arbeitsmarkt, auch wenn sie am Ende nicht zu einem Studienabschluss geführt haben. 29 Prozent der Studenten – also jeder Dritte bis Vierte – brechen heute das Studium ohne Abschluss wieder ab. Ein Studienabbruch ist also durchaus keine Ausnahme mehr. Doch das Potenzial dieser jungen Menschen wurde bisher selten ausgeschöpft, da weder Hochschulen noch Ämter so recht wussten, was mit ihnen anzufangen ist.

Schnittstelle zwischen Studenten und Unternehmen

Orientierungshilfe geben hier seit einiger Zeit Netzwerke wie beispielsweise das Leuchtturmprojekt „Quickstart Sachsen“ – sowohl für Rat suchende Studenten als auch Unternehmen, die die Potenziale von Studienabbrechern nutzen wollen. Das Projekt läuft seit 2017 und ist ein Zusammenschluss aus neun sächsischen Hochschulen, den Agenturen für Arbeit, Beratungsinstitutionen sowie einigen Kammern wie der IHK oder der Handwerkskammer. Quickstart ist die Schnittstelle, die Studenten und Unternehmen zusammenbringen will.

Hilfe gerade in ländlichen Regionen

Besonders Unternehmen in ländlichen Regionen sind vom Mangel an Auszubildenden und Fachkräften betroffen. Am Beispiel Sachsen lässt sich so ein Szenario gut aufzeigen: An den Hochschulen des Freistaats gibt es viele Studenten aus anderen Bundesländern. „Wer hier sein Studium abbricht und nicht weiß, was er machen soll, geht meistens wieder zurück in die Heimat“, sagt Dr. Theresa Wand, Koordinatorin von Quickstart an der TU Freiberg, einer der teilnehmenden Hochschulen. „Diese Studenten sind damit für den sächsischen Arbeitsmarkt verloren. Ein frühzeitiger Ansatz mit einer schnellen Neuorientierung der Abbrecher, wie ihn Quickstart bietet, ist also besonders wichtig“, so die Koordinatorin. Die Hochschule mit Studentenwerken, Studienberatung und anderen internen Partnern sei ein wichtiger Teil in der Vermittlung.

Chance für Kleinbetriebe

Im Visier des Projekts sind vor allem Klein- und Kleinstunternehmen, die im Gegensatz zu Mittelständlern oder Großunternehmen den Mangel an geeigneten Bewerbern besonders spüren. „Sie haben oft großes Interesse an Studienabbrechern, sind aber weniger attraktiv für Arbeitnehmer“, sagt Theresa Wand. Viele Studienabbrecher wollten nicht aus der Stadt weg, erhofften sich dort mehr Chancen und von größeren Unternehmen mehr Sicherheit. Kleine Betriebe sind aber nun mal vor allem im Ländlichen angesiedelt. Und sie haben aufgrund ihres geringeren Bekanntheitsgrads und der Größe des Unternehmens meist keine Kapazitäten, um Bewerber überhaupt auf sich aufmerksam zu machen.

Rat an Unternehmen: Investition in den Nachwuchs

Studenten erhoffen sich durch ein Studium oft mehr Karrierechancen. Dieser Aufstiegswille ist auch nach dem Studienabbruch noch da, und so sind sie langfristig gut geeignet für den Führungsnachwuchs im Unternehmen, weiß Theresa Wand. Diesen Willen sollten Unternehmen für sich nutzen und die Mitarbeiter durch Weiterbildung oder berufsbegleitendes Studium unterstützen. Letztlich auch, um ihr eigenes Überleben zu sichern. „Gerade im ländlichen Raum ist die Auswahl an Bewerbern an Facharbeitern nicht mehr so groß, da muss es zu einem Umdenken kommen“, sagt Theresa Wand von Quickstart. Das sei aufwendig, aber langfristig komme kein Unternehmen daran vorbei.

Über das Projekt

Quickstart Sachsen

Unter dem Motto „Studienabbruch – na und?“ gibt das Leuchtturmprojekt „Quickstart Sachsen“ Beratung und Orientierungshilfe für Studienzweifler und -aussteiger sowie Unternehmen, die das Potenzial der ehemaligen Studenten für sich gewinnen wollen. Das Projekt besteht aus neun sächsischen Hochschulen, den Agenturen für Arbeit, Beratungsinstitutionen sowie den Kammern und bündelt Angebote, Erfahrungen und Informationen aus allen sächsischen Regionen. Gefördert wird Quickstart durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Ähnliche Netzwerke wie Quickstart gibt es noch in Berlin, Hamburg, NRW und Hessen.

 

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Etwas ähnliches gibt es auch in der Oberpfalz, das Projekt der OTH Weiden/Amberg: "OTH mind # aufstieggestalten
Wir arbeiten als Zentrum für regionale Bildung (zrb) Weiden im Rahmen unseres " Jobstarter plus" -Projektes: klein & fein: Ausbildung mit Herz, Hand & Verstand mit der OTH zusammen. Wir bringen KKU und ausbildungsinteressierte Jugendliche passgenau zusammen.

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Barbara Domschky
Titelfoto: © NelliSyr/iStock