Pflegekraefte aus Brasilien

Fachkräfte aus dem Ausland

Von Brasilien nach Berching

Services der Bundesagentur für Arbeit
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Mit Fachkräften aus Brasilien mildern zwei Kliniken in Bayern ihren Mangel an Pflegepersonal. Von der Suche über die Auswahl bis zur Eingewöhnung werden alle Beteiligten von der Arbeitsagentur unterstützt.

In Rio de Janeiro musste Eduardo Ferreira de Carvalho in drei Krankenhäusern arbeiten, um genug Geld für seine Familie zusammenzubekommen. Außerdem belastete ihn die niedrige Lebensqualität in der Stadt und vor allem die fehlende Sicherheit, sich sorglos auf den Straßen bewegen zu können. Für seine drei Kinder hatte er wenig Zeit. Er stellt sich für sie eine bessere Zukunft vor, mit guten Bildungschancen und der Sicherheit, alleine zur Schule laufen zu können. Nach dem Winter könnte sein Traum wahr werden: Wenn er den Deutschkurs besteht und seine Anerkennung bekommt, kann er seine Kinder nach Deutschland holen.

Unternehmen müssen selbst aktiv Fachkräfte suchen

Ferreira de Carvalho ist eine von 18 brasilianischen Pflegekräften, die im Frühjahr 2021 nach Deutschland kamen, um in den bayerischen Vamed-Kliniken Kipfenberg und Berching zu arbeiten. Dem Verwaltungsleiter der beiden Häuser, Steven Theilig, helfen sie, den Fachkräftemangel zumindest abzumildern: „Wir suchen jederzeit und immer Pflegekräfte. Ganz konkret heißt das: Wir könnten in Kipfenberg maximal 207 Patienten betreuen, momentan können wir aber nur 150 Patienten aufnehmen“, sagt Theilig.

Eduardo Ferreira de Carvalho, Krankenpfleger aus Brasilien
© Privat

Eduardo Ferreira de Carvalho

Abwarten, bis sich von selbst etwas am Fachkräftemangel ändert, konnte und wollte man in den beiden Kliniken nicht. „Die Politik versucht, Wege zu finden, aber wir müssen auch als Unternehmen selbst aktiv werden“, sagt Steven Theilig. Durch gute Erfahrungen einer anderen Klinik aus dem Konzern kam der Kontakt zur Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit zustande.

Weil die fachliche Ausbildung in dem Land gut ist, entschied man sich schnell dafür, Fachkräfte aus Brasilien anzuwerben. Ansprechpartnerin bei der ZAV war Neanis del Lutzer-Thomaz. Sie ist selbst Brasilianerin, kam 2008 als Au-pair nach Deutschland, hat geheiratet und ist geblieben – trotz des deutschen Winters. Sie kümmert sich vor allem um Unternehmen, die in Brasilien und Mexiko Personal suchen. Auf die Stellenanzeige für die Kliniken bewarben sich 450 Brasilianerinnen und Brasilianer.

Arbeitsvertrag bereits in Brasilien

Neanis del Lutzer-Thomaz, Mitarbeiterin der ZAV
© Privat

Neanis del Lutzer-Thomaz

Nach einer Auswahl der Klinik wurden 42 Pflegekräfte zum Vorstellungsgespräch eingeladen, für das Verwaltungsleiter Theilig mit weiterem Klinikpersonal und Neanis del Lutzer-Thomaz im März 2020 nach Brasilien flog. „Wir haben drei Tage lang den ganzen Tag Vorstellungsgespräche geführt, aber den Kandidatinnen und Kandidaten auch die Kliniken und das Leben in Deutschland vorgestellt. Sie müssen ja wissen, dass sie aus dem lebendigen Rio de Janeiro in eine ländliche Gegend kommen und wie teuer eine Wohnung, Strom, ein Brot oder eine Cola in Deutschland sind, um Überraschungen zu vermeiden“, sagt Neanis del Lutzer-Thomaz.

Die Begleitung durch die ZAV vor Ort war für die Klinik viel wert: „Das hat es uns extrem erleichtert, es war eine tolle Zusammenarbeit, die ich nur loben kann. Frau del Lutzer-Thomaz war jederzeit eine verlässliche Ansprechpartnerin für uns, die übersetzt hat, aber auch durch die Kenntnis der Mentalität in Brasilien sehr geholfen hat“, sagt Steven Theilig. Am Ende fiel die Entscheidung auf 18 Pflegekräfte: „Sie haben schon vor Ort in Rio de Janeiro den Arbeitsvertrag erhalten, damit sie gleich Verlässlichkeit hatten“, sagt Theilig.

Langfristige Ansprechpartner für die Pflegekräfte sind wichtig

Steven Theilig, Vamed
© Privat

Steven Theilig

Im Februar und März 2021 reisten die Pflegekräfte dann nach Deutschland – die Klinik hat zwei große Häuser angemietet, in denen die meisten der Brasilianerinnen und Brasilianer bis zu ihrer Anerkennung wohnen können. Nach der Quarantäne, den Sprachbarrieren – und dem ersten Schnee für viele von ihnen – standen die ersten praktischen Probleme an: „Winterkleidung, Mülltrennung, Handyvertrag, Bankkonto, alles funktioniert anders als in Brasilien“, sagt Neanis del Lutzer-Thomaz.

Obwohl ihre Arbeit eigentlich beendet ist, ist sie Ansprechpartnerin für das Pflegepersonal – auch bei kleinen Alltagsproblemen. „Ich habe immer noch Kontakt zu den Kandidatinnen und Kandidaten“, sagt sie. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass es sechs Monate oder auch ein Jahr dauern kann, bis man sich eingewöhnt hat. „Sie vermissen ihre Familie und Freunde, die zwölf Flugstunden entfernt sind – für viele ist es herausfordernd, für einen so langen Zeitraum von Familie, Kindern und Freunden getrennt zu sein“, sagt Neanis del Lutzer-Thomaz.

Chance für die Menschen birgt Chance für mehr Fachkräfte

Christina Walter
© Andreas Schneid

Christina Walter

Für die Klinik sind sie auch eine Chance, dem zunehmenden Fachkräftemangel zu begegnen. Die zentrale Praxisanleiterin in der Klinik in Kipfenberg, Christina Walter, ist froh über die neuen Kolleginnen und Kollegen: „Sie sind auf jeden Fall eine tolle Unterstützung, wenn die Einarbeitung abgeschlossen ist, weil sie mit dem Bachelor-Abschluss aus Brasilien eine gute medizinische Ausbildung haben.“ Von Vorteil sei auch, dass sie alle gleichzeitig auf einem gleichen Level einarbeiten könne – bei einzelnen Quereinsteigerinnen und -einsteigern sei das ein komplizierterer und aufwendigerer Prozess.

Die Anerkennung und Einarbeitung ist auch deshalb nötig, weil die Ausbildung in Brasilien anders verläuft. Krankenpflege ist dort ein fünfjähriges Studium, viele praktische Aufgaben müssen sie nun vor Ort lernen. „Die Kollegen kommen gut ausgebildet her, aber unsere deutschen, sehr zeitgesteuerten Abläufe und Dokumentationsprozesse sind unbekannt“, sagt Yves Frömme, Pflegedirektor der Kliniken in Berching und Kipfenberg. „Es sind zwei unterschiedliche Kulturen – aber mit dem gleichen Ziel“, sagt er.

Yves Frömme
© Michaela Orendi/Bildhübsch Fotografie

Yves Frömme

Eines der Erfolgsgeheimnisse ist laut Steven Theilig, dass das bisherige Pflegepersonal einbezogen wurde: „Wir haben früh gesagt, was wir machen, und haben ganz transparent immer die Fortschritte oder Veränderungen kommuniziert“, sagt er. Eduardo Ferreira de Carvalho bestätigt, dass die Zusammenarbeit mit den anderen Pflegekräften sehr gut klappt: „Die Kollegen sagen zum Beispiel: ,Eduardo, jetzt gehen wir zu Herrn X und drehen ihn auf die andere Seite.‘ Sie erklären alles genau. Wenn ich Fragen habe, werden sie gleich beantwortet – und wenn ich ein Wort nicht verstehe, versuchen sie, andere Wörter zu finden.“

Die Klinik packt an und holt auch mal ein Fahrrad ab

Auch außerhalb der Arbeitszeit setzt sich die Klinik für die Pflegekräfte ein. „Wir sind für vieles und jederzeit da, ob es um Bürokratie, Begleitung zum Hausarzt oder mal zusammen ein Eis essen geht“, sagt Steven Theilig. Auch Pflegedirektor Frömme hat viel Engagement erlebt: „Wenn die Kollegen sich ein Fahrrad oder Möbel über Kleinanzeigen gesucht haben, haben wir von der Klinik dann beim Transport geholfen.“ Für Eduardo Ferreira de Carvalho hat es das leichter gemacht, anzukommen: „Wir haben auch Unterstützung beim Einkaufen von Lebensmitteln bekommen. Von einer Kollegin habe ich eine Gitarre geschenkt bekommen. Darüber habe ich mich sehr gefreut“, sagt er. Auch beim Familiennachzug will die Klinik die Brasilianerinnen und Brasilianer unterstützen – wenn die Hürden Deutschkurs und berufliche Anerkennung gemeistert sind. „Das Ankommen in Deutschland war nur der erste Meilenstein“, sagt Neanis del Lutzer-Thomaz. „Sie alle stehen jetzt unter erheblichem Druck und sind erleichtert, wenn der Anerkennungsprozess abgeschlossen und die Sprachbarriere reduziert ist.“

Auch Verwaltungsleiter Theilig freut sich auf den Moment, wenn die Kolleginnen und Kollegen voll im Alltag angekommen sind und mit ihren Familien in der Region wohnen. Die 18 Pflegekräfte könnten dann Mentorinnen und Mentoren sein, denn Theilig würde nicht ausschließen, nach Corona noch einmal weiteres Personal aus Brasilien anzuwerben. Bewerberinnen und Bewerber würden sich sicher wieder mehrere Hundert finden – auch Eduardo Ferreira de Carvalho kennt einige Kollegen, denen er bei einer neuen Runde sofort Bescheid sagen würde.

Service für Unternehmen

So unterstützt die Arbeitsagentur bei der Suche nach internationalen Fachkräften

Der Arbeitgeber-Service ist der perfekte Ansprechpartner, um neue Wege der Personalsuche zu beschreiten. Viele Unternehmen haben auf diesem Weg bereits sehr positive Erfahrungen gemacht, wir porträtieren diese Beispiele in unregelmäßigen Abständen hier bei Faktor A. Der Arbeitgeber-Service und die ZAV (siehe unten) arbeiten Hand in Hand, um bei der Suche nach Personal aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland zu unterstützen. Sie erhalten kostenlose Beratung, wie Sie zum Beispiel

  • passende Bewerberinnen und Bewerber finden,
  • eine Arbeitserlaubnis für ausländische Mitarbeitende beantragen oder
  • finanzielle Fördermöglichkeiten wahrnehmen können.

Hintergrund

Was ist die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung?

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit (BA) berät und vermittelt qualifizierte Fachkräfte aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland, die eine neue berufliche Perspektive in Deutschland suchen, sowie besondere Berufsgruppen (Künstlerinnen und Künstler und schwerbehinderte Akademikerinnen und Akademiker). Derzeit sucht sie international besonders Ingenieurinnen und Ingenieure, IT-Kräfte und Pflegekräfte. Für die dahinterliegende faire Mobilität und transparente Verfahren sorgt der Fachbereich „Internationales“ der BA, dem die ZAV untergeordnet ist. So erfolgt die Rekrutierung von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften anhand der Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dabei arbeitet sie immer mit einem staatlichen Pendant in den Partnerländern zusammen: Das jeweilige Land hat sich also mit dem Anwerben von Arbeitskräften einverstanden erklärt und ist in alle Aktivitäten eingebunden.

Außerdem ist die ZAV Mitglied im EURES-Netzwerk. EURES steht für European Employment Service und ist ein Netzwerk der EU, das den Austausch von Arbeitskräften in Europa fördert. Die BA vertritt Deutschland in diesem Netzwerk und kann Unternehmen, die auf der Suche nach Fachkräften aus anderen europäischen Ländern sind, beraten. Durch EURES können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber im europäischen Job- und Informationsportal von EURES nach passenden Bewerberinnen und Bewerbern suchen, dort selbst eine kostenlose Stellenanzeige aufgeben oder sich von EURES-Expertinnen und -Experten vor Ort beraten lassen. Mehr Informationen und konkrete Unterstützung erhalten Sie beim Arbeitgeber-Service.

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Maria Zeitler
Titelfoto: © Agentur für Arbeit Ingolstadt