Nach Suchtkrankheit wieder zurück im Job

Chan­ce für Ex-Jun­kies

Bü­ro­kauf­frau mit Ver­gan­gen­heit

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Kurz vor dem Abitur verfällt eine junge Frau den Drogen. Sie schafft den Entzug, macht eine Ausbildung und findet als Jahrgangsbeste einen festen Job.

„Mein Arbeitgeber weiß nicht, dass ich einmal Drogen genommen habe, und das soll auch so bleiben. Ich bin 29 Jahre alt, werde bald 30 und arbeite als Bürokauffrau. Angefangen hat alles kurz vor dem Abitur. Gekifft hatte ich früher schon, aber dann kamen Ecstasy und Crystal Meth dazu. Mein Freund hatte sich von mir getrennt. Die letzte Abiklausur habe ich einfach nicht mehr mitgeschrieben. Statt sie zu wiederholen, wollte ich eine Erzieherinnen-Ausbildung machen. Anfangs lief noch alles gut, aber ich habe weiter Drogen genommen. Irgendwann konnte ich die Fassade nicht mehr aufrechterhalten. Ich hatte einfach zu viele Fehlzeiten. Zu der Zeit habe ich bei meinen Eltern gewohnt, war kaum noch zu Hause und haute irgendwann einfach ab.

Um mich zu finanzieren, habe ich Drogen über die Grenze geschmuggelt. Einmal hat mich die Polizei angehalten. Die Beamten haben nichts bei mir gefunden, ein Zufall. Meinen Führerschein aber musste ich abgeben. Das war schlimm für mich, weil ich ein Stück meiner Unabhängigkeit verloren habe. Noch dazu war ich damals mit einem jungen Mann zusammen, der gewalttätig war. Ich musste deshalb auch ambulant ins Krankenhaus. Es waren meine Eltern, die mich schließlich aus der Beziehung rausgeholt haben.

Mein Bruder, über dessen Freunde ich überhaupt erst an die Drogen geraten war, machte damals schon eine Therapie. Davor war er im Gefängnis. Mit seiner Hilfe habe ich gleich einen Therapieplatz gefunden. Dort habe ich auch meinen jetzigen Mann kennengelernt.

Sechs Monate waren wir in Therapie, anschließend haben wir zeitgleich eine Ausbildung im Trainings- und Ausbildungszentrum in Frankfurt gemacht. Alles ging sehr schnell. Zwei Jahre nachdem ich mit den Drogen angefangen hatte, begann schon der Entzug. Warum ich mich dazu entschlossen habe? Ich war spielsüchtig, habe gemerkt, dass mein ganzes Geld dabei draufging. Wenn ich keine Drogen genommen habe, war ich ständig müde und hatte schlechte Laune. Meine Eltern haben mir klargemacht: bis hierher und nicht weiter. Sie haben mich unterstützt. Und meine Stiefschwester hat mir gut zugeredet. Deshalb bin ich in der Therapie geblieben.

Kampf gegen Depressionen

Die erste Zeit war sehr schlimm. Jeden Tag habe ich an Abbruch gedacht. Ich musste früh aufstehen, pünktlich zum Frühstück kommen. Dann gab es Arbeitstherapie, Sporttherapie, Gruppentherapie. Von morgens bis abends war der Tag durchgeplant. Ich hatte mit Depressionen zu kämpfen, dazu ständig diese Drogengespräche: Was hast du genommen, wie lange? Ständig denkst Du an Drogen. Auch die Beziehung zu meinem jetzigen Mann war nicht einfach. Wir waren nie allein, immer unter Beobachtung.

Nach einiger Zeit haben wir gelernt, wieder selbst einkaufen zu gehen und uns mit Essen zu versorgen. Als es uns besser ging, haben wir beschlossen, die Ausbildung in Frankfurt zu beginnen. Nachdem wir dorthin gezogen waren, hatten wir noch einmal Kontakt zu einigen Leuten aus der Therapie. Die haben uns in unserer Wohnung besucht und sind einfach nicht mehr gegangen. Am Ende ist jemand von der Therapie mit uns hingegangen und hat uns geholfen, sie rauszuschmeißen.

Wir haben geheiratet und gleich ein Kind bekommen. Da war ich im zweiten Ausbildungsjahr. Ich hatte eine schlimme Schwangerschaftsübelkeit, habe keine Antidepressiva mehr nehmen können, bin aber weiter zur Berufsschule gegangen und habe gelernt. Nach der Elternzeit habe ich meine Ausbildung beendet – regulär nach drei Jahren und mit einer Eins vor dem Komma. Auch mein Mann hat den Abschluss geschafft. Während wir bei der IHK-Prüfung waren, hat Frau Iffländer vom Trainings- und Ausbildungszentrum auf unser Baby aufgepasst.

Durch das Baby mussten wir einen geregelten Tagesablauf einhalten und schnell Verantwortung übernehmen. Ich habe dann meinen Führerschein wiederbekommen. Das war sehr wichtig für mich. Kurz nach der Ausbildung habe ich eine unbefristete Stelle gefunden. Weil ich die Beste in meinem Ausbildungsjahrgang war, habe ich von der IHK ein Weiterbildungsstipendium erhalten. Während der Arbeit habe ich die Abendschule besucht und meinen Fachwirt gemacht.

Die Vergangenheit soll geheim bleiben

Ich habe die Ausbildung und Weiterbildung viel ernster genommen als damals das Gymnasium. Ich war total motiviert, auch weil ich wusste, was passiert, wenn ich alles schleifen lasse und nicht zur Schule gehe. Auf der Arbeit habe ich meine Vergangenheit geheim gehalten. Ich dachte, den Kollegen fällt die Kinnlade runter, wenn sie das hören. Und ich hatte Angst, dass es Diskussionen gibt, wenn ich einmal längere Zeit krank wäre. Aber wegen der Lücke in meinem Lebenslauf gab es anfangs viele Fragen. Das war hart.

Wenn wir am Bahnhof vorbeikommen, halten wir schon mal Ausschau nach alten Bekannten. Meist machen wir aber einen großen Bogen darum. Wir möchten damit nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Und ich bin froh, wenn ich nicht darüber reden muss. Ich kenne viele Drogenabhängige, die es nicht geschafft haben. Aber nicht jede Droge und jeder Junkie sind gleich. Heroin ist gemessen am körperlichen Verfall am schlimmsten. Da gibt es die wenigsten, die hinterher eine Ausbildung geschafft haben.

Aber ich kenne auch positive Beispiele. Eine Frau aus meinem Jahrgang, die heroinabhängig war, hat geheiratet, zwei Kinder bekommen und auch wieder Fuß gefasst. Mein Bruder hatte wie ich synthetische Drogen genommen. Er bekam zwischendurch einen Rückfall und war noch mal im Gefängnis. Inzwischen ist er auch clean und heiratet dieses Jahr. Er hat zwar keine Ausbildung gemacht, aber er arbeitet bei meinem Stiefvater im Betrieb.

Drogen sind für meinen Mann und mich heute überhaupt kein Thema mehr. Und darüber bin ich sehr froh.“

Interview mit Ivona Iffländer

Eine Chance für Ex-Junkies

Drogensucht wird oft mit Kriminalität, körperlichem Verfall und Unzuverlässigkeit gleichgesetzt. Das Trainings- und Ausbildungszentrum (taz) in Frankfurt unterstützt Ex-Junkies bei der Rückkehr in den Beruf, Ivona Iffländer leitet es.

Faktor A: An welche Zielgruppe richtet sich das Trainings- und Ausbildungszentrum (taz)?

Ivona Iffländer: Wir bilden junge Erwachsene aus, die eingeschränkt belastbar sind. Sie haben Zeiten mit problematischem Suchtmittelgebrauch durchlebt oder psychische Beeinträchtigungen. Manchmal ist auch beides der Fall. Außerdem bilden wir arbeitslose Menschen aus, die in der Entwicklung ihrer Arbeitsfähigkeit verzögert sind, sowie Arbeitssuchende, die in ihrem erlernten Beruf nicht tätig sein können.

Kann ein ehemals Suchtkranker auch in einem „normalen“ Ausbildungsbetrieb bestehen?

Das ist möglich, gestaltet sich jedoch oft schwierig, weil der letzte Schulbesuch meist schon einige Zeit zurückliegt. Als soziale Einrichtung haben wir einen entsprechend langen Atem und können den Fokus der Teilnehmer durch diverse pädagogische Unterstützungsmaßnahmen auf die Ausbildung richten. Wir gliedern die Ausbildung in Bausteine und können sie nötigenfalls – nach Absprache mit dem jeweiligen Kostenträger (in der Regel das Jobcenter Frankfurt am Main) – auch verlängern. Ein regulärer Ausbildungsbetrieb würde da sicher schnell an seine Grenzen stoßen.

Welche Erfahrungen machen Sie?

Zu uns kommen Personen, die in der Regel bereits eine Therapie gemacht haben. Manche unserer Teilnehmer erhalten auch Substitute, die es ihnen ermöglichen, wieder am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzuhaben. Aktiv konsumierende Menschen werden von uns nicht ausgebildet. Denn wir haben in den letzten 30 Jahren die Erfahrung gemacht, dass eine Ausbildung dann nicht gelingt. Lerninhalte werden dann vergessen.

Gibt es auch Fehlschläge?

Mit unseren Teilnehmern pflegen wir einen vertrauensvollen und offenen Kontakt. Manchmal gibt es einen Rückfall, den wir umgehend bearbeiten. In der Regel machen die Betroffenen eine stationäre Entgiftung. Um die Teilnehmer in ihrer Abstinenz zu stärken, nehmen wir regelmäßig Urin- und Speichelproben. Unsere Sozialdienst-Kollegen sprechen viel mit den Teilnehmern, vermitteln Termine in Beratungsstellen, beim Psychotherapeuten oder empfehlen, wenn nötig, eine freiwillige stationäre Behandlung. Nach erfolgreicher Beendigung können sie die Ausbildung bei uns fortsetzen. Oft ist es so, dass irgendwann der Knoten platzt und wieder ein normaler Alltag möglich wird.

Drogensucht wird oft mit Beschaffungskriminalität gleichgesetzt. Gibt es im taz häufig Diebstähle?

Nicht mehr oder weniger als anderswo.

Womit haben Ihre Lehrlinge die größten Schwierigkeiten?

Gerade am Anfang, wenn die Abstinenz erreicht ist, tritt bei vielen die Psyche in den Vordergrund. Einigen wird bewusst, was in den zurückliegenden Jahren alles falsch gelaufen ist. Bei anderen gab es vielleicht von Anfang an psychische Probleme, und die Drogen wurden unbewusst zur Selbstmedikation, beispielsweise gegen eine Depression, eingesetzt. Wir fangen das mit flankierenden Gesprächen auf. Gemeinsam mit unseren Teilnehmern vereinbaren wir Ziele, überlegen, wie diese erreicht werden können, und überprüfen die Ziele regelmäßig. Ebenso vermitteln wir manche Teilnehmer in eine ambulante Maßnahme wie betreutes Wohnen oder in ambulante Gesprächstherapien zur gesundheitlichen Stabilisierung.

Wie viele Ihrer Auszubildenden schaffen den Sprung in den Beruf?

Im ersten Jahr haben wir die höchste Abbruchquote. Für manche Teilnehmer sind die Anforderungen insgesamt oder zumindest temporär zu hoch. Das taz legt nicht dieselben Maßstäbe an wie Ausbildungsbetriebe in der freien Wirtschaft. Manche unserer Teilnehmer haben keinen Schulabschluss oder haben seit Jahren nicht mehr gelernt. Sie bekommen Förderunterricht oder Stützunterricht. Bei denjenigen, die diese erste Zeit erfolgreich bewältigen, steigt die Wahrscheinlichkeit steil an, die gesamte Ausbildung erfolgreich zu beenden. Wir wissen, dass ein Großteil unserer Absolventen nach sechs Monaten nicht mehr auf Hartz IV angewiesen ist.

Wissen die Arbeitgeber von der Vergangenheit ihrer Gesellen?

Manche ja, die meisten nicht. Denn Drogenmissbrauch ist für die meisten unserer Teilnehmer mit großer Scham behaftet. Das Wort „Sucht“ löst bei anderen Menschen viele Assoziationen aus. Man denkt an schmuddelige Bahnhöfe, bettelnde Menschen, Menschen in schlechtem Zustand und mit fehlenden Zähnen. Unseren Teilnehmern sieht man ihre Vergangenheit nicht an, weil sie oftmals eine Therapie gemacht haben und nun abstinent leben. Sie lassen ihre Vergangenheit hinter sich und treten gepflegt in Erscheinung.

Was wünschen Sie sich von den Arbeitgebern?

Es gibt viele Gründe für Drogensucht. Manchmal sind es durchlebte Traumata, psychische Erkrankungen, oder jemand ist einfach so reingerutscht. Jeder Arbeitgeber sollte sich fragen: Hätte mir das an einem Punkt in meinem Leben auch passieren können, und hätte ich es geschafft, davon loszukommen? Es ist unglaublich schwierig, Gewohnheiten zu ändern. Viele Menschen schaffen es zum Beispiel nicht, mit dem Rauchen aufzuhören oder sich kontinuierlich gesünder zu ernähren. Wenn jemand eine Suchttherapie geschafft, sein Leben verändert und erfolgreich eine Ausbildung absolviert hat, dann hat er bewiesen, dass er etwas leisten kann und will. Durch die Rückmeldung vieler ehemaliger Auszubildender wissen wir, dass eine erfolgreiche Eingliederung in das Berufsleben nach abgeschlossener Berufsausbildung nachhaltig möglich ist. Daher sollten sie unbedingt die Chance dazu bekommen.

Zur Person

Ivona Iffländer

Ivona Iffländer leitet das Trainings- und Ausbildungszentrum (taz) in Frankfurt. Das taz ist ein Betrieb für angepasste berufliche Qualifizierung. Es richtet sich an erwachsene Personen, die bei ihrer Ausbildung eine besondere Unterstützung benötigen. Schwerpunkt des Angebots sind reguläre Berufsausbildungen und Qualifizierungen. Außerdem werden Trainingsmaßnahmen, Schulungen und Weiterbildungen durchgeführt. Im eigenen Betrieb und bei Kooperationspartnern bietet das taz reguläre Berufsausbildungen in den folgenden Bereichen: Bürodienstleistungen, Elektro, Metallbearbeitung, Holzbearbeitung, Küche, Fahrradtechnik, Offsetdruck, Design, Hauswirtschaft, Gastronomie, Gärtnerei, Gebäudereinigung, Malerei und Informatik. Es wurde im Jahr 1982 gegründet und ist als Ausbildungsbetrieb durch die Handwerkskammer ebenso anerkannt wie durch die Industrie- und Handelskammer.

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Kommentare

Ich finde diese aktion hervorragend. Allerdings ist es als Junkie auch dementsprechend schwer, so viel Disziplin an den Tag zu legen und einem strukturierten Alltag nachzugehen. Ich habe es damals geschafft, muss aber zugeben, dass der Kampf gegen die Sucht allgegenwärtig ist und auch bleiben wird. Jedoch wird es im laufe der Jahre mit dem gebührenden Abstand zum alten Leben immer leichter. Ich bin seit über 10 Jahren clean und habe einen guten Arbeitsplatz. Allen denen, die diesen Schritt schaffen wollen, wünsche ich dieses Durchhaltevermögen und viel Kraft.

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Birga Teske
Titelfoto: © Eleonora Grasso/Stocksy