Mann guckt durch Jalousie.

Be­trug im Be­trieb

So kom­men Sie Tä­tern auf die Spur

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Kein Unternehmen ist davor gefeit: Mitarbeiter handeln nicht immer loyal ihrem Arbeitgeber gegenüber. Betrug und Vertrauensmissbrauch können zu immensen Schäden führen, wenn Chefs nichts dagegen unternehmen. Als Privatermittler weiß Marcus Lentz (49), worauf es ankommt.

Faktor A: Herr Lentz, Sie klären seit 25 Jahren Fälle von Betrug in Unternehmen auf. Was sind die Top drei der Missbrauchsfälle?

Marcus Lentz: Materialdiebstahl, Betrug bei der Arbeitszeit und Lohnfortzahlungsbetrug. Manche Mitarbeiter melden sich krank und pflastern währenddessen ihre Hofeinfahrt. Andere stehlen Maschinen, Werkzeuge oder Shoppingartikel. Verkäufer decken Kunden, damit sie Produkte aus dem Laden stehlen können. Die wenigsten betrügen ihre Chefs schwerwiegend, aber ein Großteil von ihnen hat einfach kein Unrechtsbewusstsein. Zum Beispiel einen Lohnfortzahlungsbetrug– den sehen viele nicht als Straftat. Es gab mal einen Arzt in Berlin, der fragte die Patienten immer, was er auf das Attest schreiben soll. Der rechnete jeweils 70 Euro bei der Krankenkasse ab. Pro Tag brachte ihm das schon mal 2800 Euro ein. Manche Mitarbeiter nutzen ihre Arbeitszeit auch, um Kunden zu akquirieren. Die sagen einfach, ich repariere dein Auto am Samstag für die Hälfte des Preises.

Privatermittler Marcus Lentz
© Detektei Lentz & Co. GmbH

Privatermittler Marcus Lentz rät Chefs, einen guten Draht zu seinen Mitarbeitern zu haben.

Wie klärt eine Detektei diese Fälle auf?

Unternehmer kommen mit einem Verdacht zu uns. Sie fürchten zum Beispiel, dass Werkzeug oder Kupferleitungen im Lager abhandenkommen. Eine Tonne Kupfer bringt 5000 Euro, das lohnt sich für Diebe. Wir überwachen dann das Betriebsgelände mit einem getarnten Observationsfahrzeug und schauen, ob jemand über den Zaun klettert oder etwas in einen Privat-Pkw einlagert. Einmal versteckte ein Niederlassungsleiter mit zwei Lagerarbeitern Elektrozubehör, Schalter und andere hochwertige Materialien in einer Altpapierkarre. Die stellten sie zur Papierpresse und holten die Ware in der Nacht ab. Wenn das zweimal die Woche passiert, entgehen dem Unternehmen mehrere 10.000 Euro im Monat. Oft kommt der Verlust erst bei der jährlichen Inventur ans Licht.

Mit einer Überwachung allein ist es vermutlich nicht immer getan …

Nein, manchmal schleusen wir auch einen als Mitarbeiter getarnten Detektiv ins Unternehmen ein.

Wie geht der vor?

Er arbeitet mit psychologischer Gesprächsführung und dem Erkennen von Lügen. Das kann ein Chef nicht leisten. Detektive sind darauf geschult, Anzeichen von Lügen gut zu erkennen: Erwidert jemand den Blick beim Gespräch? Nestelt er an seinen Händen? Muss er für jede Antwort erst mal überlegen? Verwendet er immer wieder dieselben Phrasen? Dann stimmt etwas nicht. Lügner erzählen extrem ausschweifende Geschichten. Jemand, der die Wahrheit sagt, hält sich kurz und knapp. Das sind nur einige Aspekte.

Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, sich vor Betrug zu schützen.

Das Wichtigste ist, alles dafür zu unternehmen, um einen guten Draht zu seinen Mitarbeitern zu haben. Sie müssen ihnen vertrauen können. Zudem muss man differenzieren. In der Gastronomie zum Beispiel gelten für Betrug andere Regeln: 15 Prozent Schwund sind okay, Gastronomen kommen erst, wenn das überhandnimmt. Aber in anderen Branchen ist so etwas fatal. Ein Radhersteller berichtete, dass aus seinem Lager massenhaft Einzelteile verschwunden sind. Wir fanden heraus, dass vier Mitarbeiter hochwertige Teile entwendet und daraus Fahrräder gebaut haben. Über die Verkaufsplattform E-Bay kassierten sie dann Geld für die Bikes.

„Einige Chefs versehen die Autos ihrer Mitarbeiter mit GPS-Sendern oder installieren Trojaner auf Firmenhandys. Dafür können sie ins Gefängnis wandern.“Marcus Lentz, Privatermittler

Wie reagieren Unternehmer, wenn sie einen Verdacht haben?

Leider sehr naiv. Sie versuchen, die Tat selbst aufzuklären.

Funktioniert das?

Nein. Sie verstecken sich im Lager oder sprechen Mitarbeiter direkt an. Das ist nicht besonders intelligent. Die verneinen die Tat ja, und so steht Aussage gegen Aussage. Chefs setzen manchmal auch Videoüberwachungen ein. Darauf kann die Tat noch so gut dokumentiert sein – das verstößt gegen Persönlichkeitsrechte und ist vor Gericht nicht verwendbar. PCs überwachen, Telefonate abhören – all das kann eine Gewerbeuntersagung nach sich ziehen. Ich kenne jede Menge Selbstschutzmaßnahmen von Chefs. Einige versehen die Autos ihrer Mitarbeiter mit GPS-Sendern oder installieren Trojaner auf Firmenhandys. Dafür können sie ins Gefängnis wandern.

Dann liegt es doch nahe, sich bei einer Detektei zu melden …

Ja, aber Unternehmer scheuen die Kosten. Den bestohlenen Fahrradhändler kosteten wir zum Beispiel 15.000 Euro. Das fand er schmerzhaft, aber sein Schaden belief sich auf 180.000 Euro. Da verstehe ich Chefs nicht.

Sie wollen nicht noch mehr Verlust machen.

Die Kosten einer Detektei sind Kosten zur notwendigen Beweisführung. Die können von den Tätern zurückgefordert werden.

Wie gehe ich als Unternehmer mit hochsensiblen Daten um?

Sie müssen sie gut streuen. Das Rezept von Coca-Cola kennen weltweit nur 30 Mitarbeiter. Den kompletten Algorithmus von Google kennen auch nur ein paar Leute – und dann auch nur einen Teil davon, aus dem sich kein Ganzes bilden lässt. Aber so dringt Wissen nicht nach außen. Diese Strategie empfehle ich auch kleinen und mittelständischen Unternehmern. Mittlerweile ist man als Arbeitgeber sogar gesetzlich dazu verpflichtet, nicht alle sensiblen Daten preiszugeben.

Gibt es denn keine Software, die mich vor Betrug schützen kann?

Sie müssen als Arbeitgeber auf Ihre Führungsqualitäten vertrauen und nicht auf technische Hilfe. Schaffen Sie eine Kultur des Vertrauens und der Offenheit in Ihrem Unternehmen. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie die Loyalität Ihrer Mitarbeiter auch zwischendurch mal mit einem Testkauf prüfen. Verlangen Sie 15 Fahrradschläuche, und verzichten Sie auf den Bon. Dann sehen Sie ja, ob das in der Kasse eingebucht wurde.

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Kommentare

Grundsätzlich finde ich Detektiveinsätze dann gerechtfertigt, wenn ein Betrugsverdacht ernsthaft im Raum steht. Auch zum Schutz der ehrlichen Arbeitnehmer, die sonst evtl. unter Generalverdacht stehen würden. Man muss als Arbeitgeber aber offen und transparent damit umgehen und dann auch den übrigen Kollegen klar sagen: Hört zu, der Herr Maier wurde beim Schwarzarbeiten erwischt und ist nun nicht mehr in unserer Belegschaft. Wer ehrlich krank ist, hat nichts zu befürchten, aber wer uns betrügt, muss halt mit den Konsequenzen leben können.

Genau wie unsere Mitarbeiter Rechte haben, haben wir als Arbeitgeber die auch. Das Recht des Mitarbeiters besteht darin, sich bei ehrlicher Krankheit krank melden zu dürfen und trotzdem Lohnfortzahlung zu erhalten. Unser Recht ist es, bei konkretem Verdacht natürlich, diese Krankheit, bzw. diese Verhaltensweise auf Korrektheit zu überprüfen, um unser Unternehmen vor Schäden (Kosten der Lohnfortzahlung, Mehrarbeit der Kollegen, Zeitarbeiter organisieren etc.) zu bewahren. Insoweit sehe ich den Einsatz von Detektiven bei konkretem Verdacht auf Missbrauch der Lohnfortzahlung als absolut legitim und gerechtfertigt.

Es geht ja nicht nur um Missbrauch der Lohnfortzahlung. Auch bei Diebstählen im eigenen Haus, Arbeitszeitbetrügereien, Wiederkehrende Einbrüchen am Firmengelände etc. haben Detektive für uns schon wertvolle Dienste geleistet.

Wer den Chef und das Geschäft betrügt, ist auch oft denjenigen, der den Chef immer zusagt. Also liegt es meinst an Chefs, ob ihre Schwächen von den Betrüger erkennt und ausgenutzt werden. Wer sich gut reflektiert kann, sich gut kennt (zum Beispiel durch das Feedback von Mitarbeiter), kann schneller und einfacher den Betrüger entdecken.

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Ja, es kann der Unternehmenskultur sogar nutzen, wenn der Chef zwar durchgreift, aber nicht gleich kündigt.
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Nein, das Vertrauen lässt sich nicht mehr wiederherstellen.

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Getty Images/Simon Potter