Kann eine Firma ohne Chef funktionieren?

Te­le Haa­se Wien

Fir­ma oh­ne Chefs – geht das?

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Vor fünf Jahren schuf das Wiener Technologieunternehmen TELE Haase alle Chefposten ab und ließ die Angestellten vollkommen autark arbeiten. Geschäftsführer Markus Stelzmann erinnert sich an einen aufwendigen Prozess, der das Unternehmen von grundauf veränderte.

„Vor ein paar Jahren hatten wir ein Aha-Erlebnis. Wir fragten uns: Geht es eigentlich immer nur um Wachstum? Wohin wollen wir noch wachsen? Ist Umsatz das einzige Ziel? Diese Gedanken haben eine regelrechte Revolution ausgelöst. Wir stellten die klassischen Hierarchien zwischen Angestellten und Vorgesetzten infrage und beschlossen, unseren Mitarbeitern viel mehr Freiräume zu lassen. Wir wollten den Einzelnen in die Verantwortung ziehen, damit das kreative Potenzial im Unternehmen steigt. Wir waren überzeugt davon, dass nur so die richtigen Ideen entstehen, die uns wettbewerbsfähig halten – und gleichzeitig sinnstiftend für den Einzelnen sind. So wurde TELE Haase zur ,Firma ohne Chef‘ – und das war gut so.

Jahrelang war ich der klassische Geschäftsführer-Typ. Ich habe entschieden, unterschrieben, bestimmt. Wenn Mitarbeiter die Organisation in meinen Augen nicht genug unterstützt haben, habe ich ihnen gekündigt. Es gab viele Konflikte, und ich traf einige schwere Entscheidungen.

„Ich entscheide nicht.“

Heute sehe ich mich als Mitglied einer Organisation, so wie jeder andere Mitarbeiter auch. Mein Geschäftsführer-Büro wurde in einen Hub (Anm. d. Red.: Treffpunkt) umgewandelt, ich sitze jetzt im Großraumbüro neben unserer HR-Abteilung oder arbeite von zu Hause aus. Ich verhandle mit Banken, gründe Subunternehmen oder berate Mitarbeiter, wenn sie nicht weiterkommen. Ich entscheide nicht. Die Lösung eines Problems müssen sie selbst finden. Sie stehen in der Verantwortung für ihren Bereich. Das klappt mittlerweile so gut, dass ich auch mal länger verreisen kann, ohne Angst zu haben, dass alles den Bach heruntergeht. Aber das war ein Lernprozess.

Vertrauen, Transparenz und Impulse von außen

Unser Betrieb funktioniert heute so: Sieben Personal- und elf Prozessverantwortliche wuppen relativ autonom den Betrieb. Bei Gehaltsverhandlungen wird das jeweilige Personalbudget innerhalb der Personalverantwortlichen offengelegt. Wer qualifizierte Funktionen übernimmt, erhält mehr Geld. Es kommt aber auch auf die Tätigkeit und Rolle im Unternehmen an. Unsere rund 85 Mitarbeiterinnen haben Gleitzeitarbeit, und bis zu zwei Tage pro Woche ist Home Office möglich. Wir haben alles transparent gemacht. Die Mitarbeiter können betriebswirtschaftliche Zahlen locker im Intranet nachlesen. Das zeigt ihnen, dass wir ihnen vertrauen.

 

Markus Stelzmann ist Geschäftsführer bei Tele Haase in Wien
© Tele Haase

Markus Stelzmann

Wir schotten uns auch nicht mehr ab, sondern lassen uns stark von außen inspirieren. Deshalb stellen wir 15 Start-ups Räume zur Verfügung und kooperieren auch mit Universitäten. Impulse von draußen sorgen für einen regen Wissenstransfer. Sich als Unternehmen zu öffnen und vom Know-how anderer zu profitieren ist ein großes Ziel unserer Firma. Deshalb pflegen wir das Verhältnis zu unseren „Mitmietern“ und stellen ihnen unter anderem Fertigungsmaschinen zur Verfügung.

„Wir haben 2,5 Millionen Euro Umsatz für die Veränderungen weggeschmissen.“

Um es kurz zu sagen: Wir haben ungefähr 2,5 Millionen Euro Umsatz weggeschmissen für diese Veränderungen. Zu den grundlegenden Veränderungen gehörte nämlich auch, dass wir moralisch korrekt handeln. Wir lassen unsere Ware zum Beispiel nicht in Bangladesch produzieren, nur weil ein Kunde es billiger haben möchte. In den ersten Jahren sind wir finanziell erst mal abgestürzt. Es braucht Mut, ein Unternehmen so umzukrempeln. Jeder beäugt eine Firma kritisch, in der es keinen Chef gibt. Aber es hat funktioniert: In den letzten Jahren haben wir große Gewinne geschrieben.

Förderung von Eigenverantwortung

Die Verwandlung war auch psychologisch kein Kinderspiel. Für manche Mitarbeiter war es schwer, den Job, den sie 20 Jahre gemacht haben, nun vollkommen eigenverantwortlich zu erledigen. 30 Prozent der Kollegen waren nicht gemacht für diesen Schritt und haben das Unternehmen verlassen. Ich bin überzeugt davon, dass das Thema Eigenverantwortung viel zu wenig gefördert wird in unserer Gesellschaft. Das fängt schon in der Schule an: Da geht es immer noch viel zu stark ums Funktionieren statt ums eigenständige Denken.

Auch Unis generieren oft nur Spezialisten. Dabei brauchen wir Mitarbeiter, die auch weltoffen, interessiert, neugierig und gespannt auf die Zukunft sind. Wir brauchen mehr Generalisten. Menschen, die sich dazu entscheiden, sinnhaft zu wirken. Bei uns ist es so: Wenn es unserer Firma nicht gut geht, schläft nicht nur die Geschäftsführung schlecht, sondern die ganze Belegschaft. Dann wird gemeinsam an einer Lösung gearbeitet. Die Mitarbeiter haben sich verändert. In den letzten fünf Jahren arbeiteten sie aktiv an einer Entschuldung des Unternehmens. Das macht uns stolz und zeigt, dass unser Weg richtig war. In Zukunft möchten wir sie am Unternehmen beteiligen. Ich bemerke viel mehr Stolz und Selbstständigkeit bei ihnen.

Der Mittelstand muss mit der Zeit gehen

Ich glaube, KMU tun sich schwer mit Veränderungen. Jetzt funktioniert das hierarchische Führungsprinzip vielleicht noch. Aber sollte sich die wirtschaftliche Hochphase abkühlen, wird sich zeigen, wer wirklich mit der Zeit gegangen ist. Welche Unternehmen sich mit den Fragen der Zukunft beschäftigt haben: mit künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und der Ressource Mensch. Welche Schritte haben sie unternommen, um ihren Mitarbeitern die Angst vor Verantwortung zu nehmen?

Wir können als Unternehmen immer noch scheitern, aber wir könnten das auch, wenn wir so weiterarbeiten würden wie vorher. Der Unterschied zu damals ist, dass es gut für uns läuft – und dass wir uns viel besser als vorher fühlen.“

Eva Stöger ist Office-Managerin bei Tele Haase.
© Tele Haase

Eva Stöger

Meinung

Eva Stöger, seit 1989 Office-Managerin bei TELE Haase

„In unserem Unternehmen handle ich sehr eigenverantwortlich und selbstständig. Bei meiner Arbeit schaut mir keiner über die Schultern, und ich verfolge ganz konsequent meine Ziele. Das empfinde ich als großen Vorteil. Der Nachteil des Arbeitens ohne Chef ist, dass ich einen klassischen Zehn-Stunden-Tag auch mal überschreite. Gar nicht mal nur am Arbeitsplatz, sondern auch gedanklich. Ich schalte dann nicht ab, sondern denke Arbeitsvorgänge zu Hause weiter. Ich glaube, das liegt daran, dass ich das Ganze viel mehr lebe als vorher – und das ist eine Bereicherung.“

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Ein Unternehmen ohne klassische Chefposten zu führen, das wird auch in Zukunft nur im ganz seltenen Ausnahmefall gelingen.
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Betriebe ohne klassische Hierarchien, mehr Verantwortung für den einzelnen Mitarbeiter, ein Arbeitsleben ohne ständige Kontrolle von oben – das ist die Zukunft.

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Kommentare

Den alles bestimmenden Chef gibt es zum Glück schon in vielen Unternehmen nicht mehr. Mehr Verantwortung für den einzelnen Mitarbeiter funktioniert aber nur im individuellen Austausch, um den jeweiligen Menschen nicht zu überfordern. Mitarbeiterorientierte Organisation ist der Schlüssel zum Erfolg.


Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank dafür, dass ich Ihnen einmal Rückmeldung geben darf. Das tut gut. - Ich tue es gern, allerdings auch mit einer Bitte:


als Start- up ist es zwar mein Ziel, viel gleichberechtigter zu handeln, aber die gesetzlichen Vorgaben und meine mangelnden betriebswirtschaftlichen Kenntnisse und ressourcen wie auch die Verwaltungsvorschriften lassen mich lediglich mit Praktikanten arbeiten. Meine Schulden werden kaum kleiner, obwohl ich viele Freunde und Unterstützer habe, die genauso genommen werden wollen, wie andere Selbstständige. - Ich sehe nicht, wann ich eines Tages auf den 'Grünen Zweig' gekommen bin, nur dass etwas sich verbessert.
Allein, um die nötige Transparenz zu schaffen, bräuchte ich einen fleißigen professionellen Betriebswirtschaftler. an meiner Seite. Ich arbeite im erziehungswissenschaftlichen und Gesundheitsbereich, allerdings auf dem Land, 16 km von einer Unistadt entfernt. Zunehmend werde ich auch von Kurzeitmitarbeitern aus den Ausland gefunden.

Es ist für mich noch zu schwer, Genaueres abzusehen nach 5 Jahren gemeinnützigkeit im sozailwirtschaftlichen Bereich , trotz Mitgliedschaft im Wohlfahrtsverband.

Was kann die Arbeitsagentur noch für uns tun? Ich bitte um Beratung, damit es schneller gehen kann.
Danke!

ich freue mich, dass es deutschland wieder richtig gut geht, aber mir bleibt zurzeit ein Einkommen von unter 1000 €, 3-4 Tage urlaub im Jahr, und viel Freude mit Helfern, aber auch Steuerschulden von 25.000 €. Auch unsere Klientel ist hoch erfreut über unsere Arbeit, kann und will aber mit den Notwendigkeiten der Bezahlung kaum mitgehen. Auch spielt Krankheit eine große Rolle.

Bitte helfen Sie uns, mit unserem Wirken schneller aus dem Defizitbereich in eine wirtschaftlichkeit zu kommen. www.bunte-lebenswelten.de


Mit herzlichem Dank.für Ihr Verständnis
Angelika Specht

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Nadine Osterhues
Titelfoto: © Stone Sub/Getty Images