Tag des Bie­res

Schan­zen­bräu: von der Kon­zern­welt in die Selbst­stän­dig­keit

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Ohne seine Erfahrungen als Führungskraft in einem großen Unternehmen hätte Stefan Stretz sich nie zugetraut, seinen Traum wahr werden zu lassen: einmal eine eigene Brauerei zu gründen.

„Mein erstes, selbst gebrautes Bier schmeckte leicht grasig und nach Getreide. Es war fast ungenießbar, aber ich war stolz drauf. Ich war ein Teenager und hatte es aus einem Rezeptbuch meiner Großmutter zusammengebraut. Man hatte Schwierigkeiten, ein Glas davon herunterzubekommen.

Dass ich einmal eine eigene Brauerei haben würde, hätte ich nie gedacht. Die Brauereien in der Region Nürnberg sind hochprofessionell, die Biertradition in Süddeutschland Respekt einflößend. Trotzdem war das Gras-Bier der Beginn meiner Leidenschaft fürs Brauen.

Während einer Lehre als Brauer und Mälzer im Großkonzern Tucher Bräu durchlief ich erst mal alle Stationen vom Sudhaus bis zur Abfüllung. Das war Brauen im Riesenmaßstab und hoch technisiert, sodass ich kaum mit dem Bier in Berührung kam. Aber ich lernte mit den Rohstoffen umzugehen, Pünktlichkeit, Sauberkeit und Teamwork – der beste Garant für gute Biere.

Ich wollte mehr wissen über die Möglichkeiten in diesem tollen Beruf und studierte Brauereitechnologie in Berlin. Als Diplomingenieur hatte ich nach ein paar Jahren aber plötzlich sehr viele berufliche Möglichkeiten und kam erst mal vom Bier-Weg ab. Ich ergriff die Chance, Verkaufsleiter in einem großen Konzern für Reinigungsmittel zu werden. Ich stieg schnell auf und landete im Management, wo ich lernte, mit großen Zahlen umzugehen. Es war eine Herausforderung, die Verantwortung für 30 Millionen Euro Umsatz zu haben. In dieser Zeit lernte ich viel über Verhandlungsgeschick und Mitarbeiterführung und hätte noch weiter aufsteigen können. Aber ich wollte nicht.

Zehn Jahre Stress, Verantwortung und Fahrerei

Gemeinsam mit meinem Bruder und zwei weiteren Freunden hatte ich nebenbei eine Werkstatt in Nürnberg angemietet, um privat an amerikanischen Autos herumzubasteln. Den dazugehörigen Keller funktionierten wir zur Heimbrauerei um. Anfangs brauten wir nur alle sechs Wochen, aber das sprach sich in unserem Freundeskreis schnell herum. Sie kamen und verköstigten unser Bier, eines, bei dem wir die Hefe drinnen ließen und das mehr Hopfen als herkömmliche Biere enthielt. Es war bitterer, aromatischer und intensiver. Das kam gut an. Nebenbei zogen auch unsere Amischlitten ein paar Leute in den Hinterhof. Es kamen immer mehr Leute.

Und so wuchsen wir in kürzester Zeit über unsere Kellerräumlichkeiten hinaus, zogen in eine ehemalige Schlachterei und brauten zusätzlich noch in einer Brauerei in Bamberg, um der Nachfrage gerecht zu werden. Ein weiteres Lager kam hinzu. Das alles wurde neben meinem regulären Job dann aber doch zu arbeitsintensiv. Auch wenn die Aufgabe mir Kraft gegeben hat, statt mich auszuzehren.

Nach zehn Jahren Stress, Verantwortung und 120.000 Kilometern Fahrerei pro Jahr im Konzern wollte ich etwas anderes machen. „Wollen wir das Brauen nicht richtig machen?“, fragte mein Bruder. Ende 2013 kündigte ich meinen Job und zog endgültig nach Nürnberg zurück. Unsere Marke Schanzenbräu hatten wir da schon in einem stetig wachsenden Kreis etabliert.

Anfangs führte ich die Verhandlungen mit den Kunden und profitierte enorm von meinen Erfahrungen als Verkaufsleiter. Businesspläne erstellen, verhandeln, Budgets festlegen – all das fiel mir leicht. Ich hatte keine Angst vor der Investition, weil ich wusste, dass sie funktioniert.

Wir haben Rückschläge erlebt, so ist es nicht. Letztes Jahr im Februar zum Beispiel wurde weniger Bier verkauft als im Vorjahr. Da schluckten wir erst mal. Aber das ist manchmal so am Anfang des Jahres, wenn die Budgets aufgebraucht sind. Wir müssen lernen, die Gesetze des Marktes zu verstehen. Trotzdem wachsen wir im zweistelligen Prozentbereich, und das bestätigt uns. Ohne die Erfahrungen, die ich in Großkonzernen gesammelt habe, wäre die Unternehmensgründung nicht möglich gewesen. Bier brauen ist relativ einfach. Gutes Bier zu brauen schon schwieriger. Die Herausforderung ist, auf dem Markt zu bestehen und zu wachsen. Das heißt, man muss das Bier auch verkaufen können.

Gründer in Sneakers und Kapuzenpulli

Wir machen viel mehr als nur Bier. Wir sind anfassbar, zeigen unsere Brauerei, veranstalten Partys, lassen Rockbands spielen. Unsere Marke hat einen Charakter. Unseren Charakter. Wenn wir nur den Gewinn und das schnelle Geld sehen würden, wären wir längst pleite.

Ich trage heute mehr Verantwortung als je zuvor, aber ich bin viel mehr ich selbst. Wie meine Kollegen renne auch ich in Sneakers und Kapuzenpulli rum und vertrage es, auch mal ausgebremst zu werden. Und das, obwohl ich nicht der einfachste Typ bin. Ich komme immer mit neuen Ideen und Visionen um die Ecke. Auch wenn es manchmal nicht einfach ist, erfahre ich seitens meiner Familie stets Unterstützung.

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Nadine Osterhaus
Titelfoto: © Peter Dörfel

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