Wer bekommt wie viel vom Gehaltskuchen?

Pro & Con­tra

Wie sinn­voll sind trans­pa­ren­te Ge­häl­ter?

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Nun ist es da, das Entgelttransparenzgesetz: Arbeitnehmer in Betrieben mit mehr als 200 Mitarbeitern dürfen seit ein paar Wochen erfahren, was ihre Kollegen verdienen. Was spricht für das Gesetz und was dagegen?

PRO

„Mehr Transparenz sorgt für weniger Frust“

In der Hamburger Digitalagentur Elbdudler weiß jeder, was der andere verdient. Für Gründer Julian Vester gehört das offene Modell zur Firmenphilosophie.

Julian Vester ist Gründer der Hamburger Digitalagentur Elbdudler.
© Elbdudler

Julian Vester ist Gründer der Hamburger Digitalagentur Elbdudler.

„Bei uns sind alle Zahlen transparent, auch das Gehalt. Wenn Mitarbeiter das Gehalt ihrer Kollegen nicht kennen, denken Sie doch im Zweifel, dass sie schlechter bezahlt werden als die anderen, und sind frustriert. Das gibt es bei uns nicht.

Wir haben im Laufe der Firmengeschichte viel herumprobiert, bis wir ein passendes System gefunden haben. Unter anderem testeten wir ein kommunistisches Modell, bei dem jeder das gleiche Gehalt bekommt. Das funktionierte aber nicht. Irgendwann fragte jemand nach einer Gehaltserhöhung, und dann hätten wir allen eine geben müssen. Also fragte ich meine Mitarbeiter: ,Ich habe keine Ahnung, wie das geht, aber wollen wir uns gemeinsam ein funktionierendes und transparentes Gehaltssystem ausdenken?‘ Die Mehrheit war dafür.

Am Ende lag die Lösung in einer Tariftabelle: Alle Gehälter sind bei uns pro Berufsgruppe und Erfahrung ablesbar. Dabei unterscheiden wir die Erfahrungslevel Junior, Intermediate und Senior. Wer eine bessere Leistung bringt, steigt schneller auf.

Die Gehälter an sich sind nicht verhandelbar. Wir diskutieren aber gern noch mal über die Einstufung des Erfahrungslevels, meistens wird das bei uns jedoch über die Anzahl der Berufsjahre bestimmt.

Der Preis für die Fairness und Transparenz ist, dass man nicht individuell auf jeden Mitarbeiter eingehen kann. Der Vorteil ist, dass wir keine geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede haben. Dass wir jedes Jahr automatisch das Gehalt erhöhen und so garantieren, dass auch introvertierte Mitarbeiter eine Lohnerhöhung bekommen. Und dass wir kein starres System pflegen. Wir überlegen uns jeden Tag neu, wie sich das Modell noch optimieren lässt.“

CONTRA

„Zu viel Offenheit führt zu Unzufriedenheit“

Beim Lebensmittel-Unternehmen Alnatura wurde bisher nicht offen über Gehälter gesprochen. Personaler Joachim Schledt glaubt, dass Diskretion für den Einzelnen ganz wichtig ist.

„Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch immer gut. Vielen Menschen in unserem Land fällt es nicht leicht, souverän und locker über das eigene Einkommen zu reden. Das sollte man respektieren. Ich glaube, dass eine Offenlegung der Gehälter zu mehr Unzufriedenheit in den Unternehmen führt, weil es einfach viel zu viele Angriffsflächen bietet.

Vergleichen Arbeitnehmer die Gehaltsdaten ihrer Kollegen mit ihren eigenen, besteht immer die Gefahr, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen. Aus meinen Erfahrungen als Personaler kann ich sagen, dass Mitarbeiter sich meistens mit denen vergleichen, die mehr verdienen als sie – ob die nun in einer ganz anderen Position arbeiten oder nicht. Wer sich als ,gleichwertiger Performer‘ empfindet, nimmt Gehaltsunterschiede dann als ungerecht wahr.

Joachim Schledt ist Personaler bei Alnatura.
© Alnatura

Joachim Schledt ist Personaler bei Alnatura.

Werden Gehälter zu transparent, vielleicht sogar branchenübergreifend und für jeden sichtbar, dann vergleichen sich manche sogar mit Kollegen aus ganz anderen Berufen oder Unternehmen. Das führt zu nichts, denn die Bezahlung erfolgt ja immer abhängig von der Branche oder der Region: Der IT-Markt ist ein anderer als der für Ökotrophologen, das Gehaltsgefüge in München ein anderes als in Görlitz. Solche Aspekte spielen in der Gehaltsfindung eine große Rolle.

Dass Transparenz zu einer faireren Vergütung führt, weil die erbrachte Leistung dadurch objektiver beurteilt werden kann, ist für mich eine fadenscheinige These, da normalerweise kein Abgleich von individueller Leistung und Gehalt erfolgt, sondern nur ein Vergleich mit anderen. Auch glaube ich nicht an die Behauptung, dass Unzufriedenheit bei den sich Vergleichenden konstruktive Energien freisetzt und Klarheit schafft, sondern eher Anlass für noch mehr Diskussionen ist.

Bei Alnatura machen wir Gehälter nicht gegen den Willen der Mitarbeiter transparent. Das passiert nur vereinzelt in Teams, die das auch wünschen.“

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Wie offen sprechen Sie über Ihr Gehalt?

Für die einen bringt es notwendige Offenheit, für die anderen nur eine unnötige Unruhe. Wie offen sprechen Sie über Ihr Gehalt?

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Für die einen bringt es notwendige Offenheit, für die anderen nur eine unnötige Unruhe. Wie offen sprechen Sie über Ihr Gehalt?

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Ich habe kein Problem damit, über mein Gehalt zu sprechen, und finde, dass Gehälter offengelegt werden sollten.
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Ich finde, Gehälter sollten diskret behandelt und nur im Einzelfall transparent gemacht werden. Ich selbst spreche nur mit engen Vertrauten darüber.

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Kommentare

Alles was im Geheimen gemacht wird, führt zu Lügen und Missverständnisse, leider basiert das System des Kapitlismus und auch der Bundesrepblik darauf. Ehrlichkeit und wozu auch eine leistungsgerechte und offen gelegte Bezahlung in allen Branchen gehören sollte, ist nicht von denen gewollt, die ihr Einkommen verschleiern müssen. Kein Mensch, ist egal in welcher Position er tätig ist oder womit er sein Geld erwirtschaftet kann Millionen erarbeiten oder sogar verdienen. So das davon auszugehen ist, daß diese Menschen fragwürdige Einkommen erzielen, die niemals ihrem Leistungsvolumen entsprechen können. Da diese Menschen oftmals oder meistens in den Führungsetagen sitzen/tätig sind, ist es ein Logisches, daß Gehälter geheim sein müssen bzw. das Gesetze dazu bestehen bleiben sollen. Alle anderen Ausreden und Floskeln sind da meiner Meinung nach ganz schön "grosser Bullschitt".

Ich finde gerade in großen Unternehmen birgt eine Gehaltstranzparenz eher Unstimmigkeiten als in kleinen, wo ein Team vernetzt voneinander abhängig ist. Daher wäre die umgekehrte Variante eher denkbar.

In unserer vorgeschriebenen Wirtschaftsform, der sozialen Marktwirtschaft, steht es den Verantwortlichen in den Betrieben, den Unternehmern zu, dass die Arbeits -Motivation und -Leistung durch Diversifizierung von Lohn- bzw. Gehaltskomponenten gesteigert werden kann. Nicht alle persönlichen Bewertungspunkte können einen offenen objektiv diskutierbaren Parameter darstellen, sondern einige sind subjektiver Natur, die dem individuellen Empfinden des Unternehmers zugestanden werden müssen. U.a. handelt es sich um Loyalität, übersdurchschnittliche Einsatzbereitschaft, allgemeine Fitness / Gesundheit, Gefolgschaft auch bei Unverständnis in der Arbeitnehmerschaft gegenüber dem persönlich haftenden. Die ganze öffentliche Diskussion zum Thema "gleicher Lohn für Alle" wird im Grunde genommen auch den kleinunternehmerischen (KMU) Handlungsspielraum immer weiter begrenzen, bis durch die weiteren Anhebungsschritte des Mindestlohns wir praktisch in vielen Branchen den "Staatslohn" in der Planwirtschaft bekommen. Den Artikel 43 der hessischen Verfassung, dass "KMU vor Überlastung und Aufsaugung zu schützen sind", interessiert in dieser Verwaltungswirtschaft keinen mehr. Das Äquivalent werden wir dann in der gesetzlichen Mindestrente sehen. Ich darf am Rande noch erwähnen, dass die KMU das Rückrat der sozialen Marktwirtschaft sein sollten.

In der Tat habe ich mich recht schnell für die zweite Auswahlmöglichkeit entschieden.
Getreu dem Aspekt "Was ich nicht weiß, ..." möchte ich auch nicht zwingend wissen, welches Gehalt eine Kollegin bzw. ein Kollege von mir ausgehandelt hat. Da dabei auch nicht nur Qualifikationen, Berufserfahrung und überfachliche Kompetenzen eine Rolle spielen, sondern beispielsweise auch Spezifika in der Aufgabenbeschreibung und letztlich erbrachte Leistungen und Engagement, sind m. E. Gehälter nur selten pauschal zu vergleichen.

Es ist sehr simple. Was ich verdiene, geht niemand etwas an. Meine Mitarbeiter haben kein Recht über mein Gehalt informiert zu werden, auch wenn Offenheit und Transparenz das Gebot der Stunde ist. Auch will ich nicht wissen was andere verdienen.

Meine Erfahrung ist, dass Menschen ihre Leistung sehr unterschiedlich bewerten. Die Selbsteinschätzung steht häufig in einem krassen Gegensatz zu dem was sie wirklich für das Unternehmen leisten - sowohl positiv wie negativ. So sind m.E. Konflikte vorprogrammiert und man ist ständig damit beschäftigt zu moderieren. Letztendlich habe ich selten eine objektiv gerechte Entlohnung für Mitarbeiter herbeiführen können. Darum ist es besser, wenn Gehälter fair verhandelt werden und vertraulich bleiben.
Die öffentliche und betriebliche Diskussion zur Transparenz von Gehältern wird meiner Erfahrung auch geraden von den Personen geführt, die weniger leistungsbereit und loyal sind und sich allzu häufig nur auf dem Papier als qualifiziert zeigen. Und wie Herr Vester bereits feststellte, bringt "kommunistische Tarifgleichheit für alle" auch keinen weiter.

Öffentlich heisst öffentlich und eben nicht nur im Unternehmen. Das lässt sich praktisch nicht trennen. So verschwiegen sind Kollegen und Kolleginnen leider nicht immer.
Per Netz geht das schnell und wird entweder nur noch abgezockt weil Gehalt hoch wirkt oder man verliert Kreditreputation weil zu niedrig.
Da laufen halt nicht nur Freunde draussen rum. Gehalt ist privat und jedem sollte es erlaubt sein selbst zu entscheiden.

Was soll die Geheimniskrämerei ? In anderen Ländern hat man diese Probleme nicht, dort wird ganz offen über das Thema Gehalt gesprochen - nur die Deutschen haben mal wieder Bedenken. Das Verheimlichen dieser Daten wird doch nur von denen befürwortet, die befürchten im direkten Vergleich schlecht abzuschneiden, weil die Leistung nicht der Bezahlung entspricht oder weil man die Arbeitnehmer nicht mehr so gut gegeneinander ausspielen kann. Letztlich sind Heimlichtuereien dem Betriebsklima entschieden weniger zuträglich als Transparenz - aber das wird man hierzulande wohl nie begreifen.

Hallo Zusammen, mal den Gesetzestext durchgelesen? Hier geht es um die Gleichbehandlung von Frau und Mann und nicht darum zu wissen was ein Kollege verdient. Ersteres braucht man nicht diskutieren - wir leben im 21.Jhd. und zweiteres ist schlicht indiskutabel aus all den genannten Gründen!
Habe fertig!

Bei uns wird jedes Jahr gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen über das Thema Gehalt gesprochen. Dieses erfolgt unter Betrachtung der Unternehmensergebnisse. Unstimmigkeiten gibt es dabei nicht, es passiert das Gegenteil. Entscheidungen fallen anhand der Aufgaben, der Verantwortung und wie gesagt der Unternehmensergebnisse. Unser Erfahrung besagt, dass sich keiner ungerecht behandelt fühlt, jeder sieht was das Unternehmen leisten kann, stellt keine überzogenen Forderungen und wird mitgenommen.
Vielleicht hat auch deswegen in den letzten 10 Jahren keiner das Unternehmen verlassen.
Ungleichbehandlungen zwischen Frau und Mann sind noch nie ein Thema bei uns gewesen.
Ich sehe kein Problem darin offen über Gehälter zu sprechen.

Ich denke, dass jeder das so halten soll wie er / sie mag.
Weshalb im Betrieb zu diesem Thema allen eine Maulsperre verhängen ?
Weshalb alles von vornherein offen legen ?

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Nadine Osterhues
Titelfoto: © Iconica/Getty Images