„Wir wollen unseren Mitarbeitenden das Maximale bieten“

Gesundheitsmanagement im Handwerk

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
Zum Lesen scrollen

Betriebliches Gesundheitsmanagement ist nur für Konzerne relevant und umsetzbar? Von wegen! Die Sachsenmaier GmbH, ein Handwerksbetrieb mit 30 Mitarbeitenden aus dem baden-württembergischen Göggingen, zeigt, wie auch kleine oder mittelständische Betriebe von gezielten BGM-Maßnahmen profitieren und damit Fachkräfte an sich binden. Geschäftsführer Alexander Sachsenmaier und Personalleiterin Tanja Bleicher erzählen, was sich durch BGM in ihrem Betrieb verändert hat.

Faktor A: Betriebliches Gesundheitsmanagement ist in aller Munde – aber in Handwerksbetrieben noch nicht Standard. Wie kam es dazu, dass Sie damit begonnen haben?

Alexander Sachsenmaier: Der Fachkräftemangel wird fürs Handwerk zusehends zu einem Problem. Unsere Mitarbeitenden waren uns schon immer wichtig – aber 2016 haben wir gemerkt, dass wir noch mehr für sie tun müssen, damit weiterhin die besten Fachkräfte zu uns kommen und bei uns bleiben. Das Thema Gesundheit steht für uns dabei im Vordergrund. Gesunde Mitarbeitende sind das Rückgrat und die Zukunft eines Betriebes. Gerade im Handwerk, wo recht wenige Abläufe automatisiert werden können, sind die Mitarbeitenden das höchste Gut eines Unternehmens und müssen geschützt werden.

Tanja Bleicher: Wer sich vom Wettbewerb abheben will, muss Wertschätzung leben. Wir wollen, dass sich unsere Mitarbeitenden wohlfühlen, Spaß bei der Arbeit haben und gesund bleiben. 2016 fingen wir also an, Ideen für BGM-Maßnahmen zu sammeln und erste Kontakte zu knüpfen. In Kooperation mit einer Krankenkasse haben wir dann kleine Events geplant, zum Beispiel Vorträge oder Workshops zum Thema Rückengesundheit, Stress, Schlaf und gesunde Ernährung am Arbeitsplatz. Nach und nach haben wir das ausgebaut.

Welche BGM-Maßnahmen sind für einen Handwerksbetrieb wie Sachsenmaier besonders wichtig?

Alexander Sachsenmaier: Alles, was das Arbeiten besser und leichter macht und den Körper entlastet. Unser Fokus liegt auf dem Thema rückenschonendes Arbeiten. Wir haben Hilfsmittel wie motorisierte Treppenlifter eingeführt, die den Transport von schweren Heizungsanlagen über mehrere Stockwerke deutlich erleichtern. Auch Hochhubwagen in den Lagern oder Lkw mit Hebebühne entlasten die Mitarbeitenden und erleichtern das Transportieren durch eine rückenschonende Hydraulik per Knopfdruck. Generell achten wir darauf, Technik und Maschinen auf dem neuesten Stand zu halten, und fragen uns immer wieder: Wie geht es vielleicht noch etwas leichter und schonender für die Mitarbeitenden?

Tanja Bleicher: Dazu versuchen wir, grundsätzlich die Gesundheit zu stärken – mit frischem Obst, kostenlosen Getränken, aber auch über Broschüren mit Gesundheitstipps, Rückenschulungen und anderen Workshops. Jeder Mitarbeitende hat außerdem einen persönlichen Ansprechpartner im Betrieb, der bei Gesundheitsfragen unterstützt und vermittelt und zum Beispiel bei der Organisation von Arztterminen hilft. Auch das Thema Entspannung ist wichtig. Unsere Mitarbeitenden können auf einer extra dafür angelegten Blumenwiese relaxen. Das sind alles keine großen Dinge – aber sie sind längst nicht überall selbstverständlich.

© Mike Wenski

Tanja Bleicher und Alexander Sachsenmaier

Wie ist die Resonanz aus dem Team?

Tanja Bleicher: Als wir anfingen, waren einige Mitarbeitende skeptisch. Das ist aber völlig normal. Gerade die, die auf den Baustellen arbeiten, waren nicht sicher, was sie erwarten würde bei den Workshops. Am Ende waren aber alle positiv überrascht.

Wie überzeugt man skeptische Mitarbeitende, an BGM-Maßnahmen teilzunehmen?  

Tanja Bleicher: Man muss die Hemmschwelle niedrig halten. Also vielfältige Angebote machen und darauf achten, dass sie in der Arbeitszeit und nicht in der Freizeit stattfinden. Dazu sollte man immer wieder die Freiwilligkeit betonen, aber auch aktiv auf die Mitarbeitenden zugehen und sie persönlich ansprechen. Manche brauchen einen kleinen Anschub.

Welche Effekte haben die BGM-Maßnahmen?

Alexander Sachsenmaier: Die Produktivität hat sich durch die Einführung bestimmter Hilfsmittel spürbar erhöht. Außerdem haben wir weniger Fehlzeiten und krankheitsbedingte Ausfälle. Was die Krankentage angeht, liegen wir deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Das ist das Schöne: Die Maßnahmen kommen den Mitarbeitenden, aber auch uns als Unternehmen zugute. Eine echte Win-win-Situation. Auch die Unternehmenskultur hat sich noch mal verbessert, denn die Maßnahmen ermöglichen viel persönlichen Austausch zwischen den Kolleginnen und Kollegen.

Tanja Bleicher: Wir hatten mal einen Workshop zum Thema Schlaf, da haben einige zuerst mit den Augen gerollt. Die dachten: Was geht es meine Kolleg:innen an, wie gut ich schlafe? Am Ende war es für alle ein toller Tag, der zu viel Verständnis auch im täglichen Miteinander geführt hat. Wenn ich weiß, dass ein Kollege gerade Schlafprobleme hat, begegne ich ihm einfach anders. Insgesamt hat sich die Mitarbeiterbindung erhöht, und wir haben eine geringe Fluktuation. Es ist ganz klar ein Wettbewerbsvorteil für uns, dass wir in Sachen BGM so viel machen. Die Mitarbeitenden sprechen auf den Baustellen ja auch permanent mit Mitarbeitenden aus anderen Betrieben und machen so indirekt für uns Werbung.

Warum tun viele andere Handwerksbetriebe noch so wenig in Sachen BGM?

Alexander Sachsenmaier: In vielen Handwerksbetrieben sind die Strukturen noch sehr konservativ. Nach dem Motto: Das kostet Geld? Dann machen wir das nicht. Ging doch immer ohne. Klar kostet Betriebliches Gesundheitsmanagement was. Allein schon, weil die Maßnahmen während der Arbeitszeit stattfinden. Ich sehe aber auch die vielen weichen Faktoren und sage: Das ist es absolut wert! Es gibt diesen schönen Spruch, wo ein Unternehmer zum anderen sagt: „Ich gebe für den Mitarbeitenden Summe X aus – was mache ich, wenn die oder der dann bald kündigt?“ Und der andere entgegnet: „Aber was machst du, wenn du nichts für ihn ausgibst und er bleibt?“ In Zeiten des Fachkräftemangels wollen wir das Maximale für unsere Mitarbeitenden bieten. Unser Anspruch: Wenn jemand das Unternehmen verlässt, dann hat es nichts mit uns zu tun.

Deshalb gibt es auch noch mal spezielle Angebote für die Auszubildenden?

Alexander Sachsenmaier: Ja. Neben vielen Events und Aktionen veranstalten wir jedes Jahr einen Azubi-Gesundheitstag. Auszubildende sind unsere Zukunft, und durch eine gute Ausbildung generieren wir Fachkräfte. Wir beschäftigen pro Ausbildungsjahr zwei bis drei Lehrlinge, derzeit sind es insgesamt sechs, ab September 2022 sogar neun. Unser Ziel ist, dass sie nach Abschluss der Ausbildung bei uns bleiben. Aber selbst wenn jemand geht, profitiert der Markt, und wir haben einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Fachkräftemangel geleistet.

Ende 2021 haben Sie für Ihr BGM-Engagement beim Corporate Health Award den Sonderpreis „Gesundes Handwerk“ bekommen. Macht Sie das stolz?

Alexander Sachsenmaier: Auf jeden Fall. Es ist eine tolle Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Tanja Bleicher: Der Preis motiviert, kreativ zu bleiben – man kann in Sachen BGM so viel machen. 2022 setzen wir einen Fokus auf die Themen Stress und physische Belastungen und werden alle Büroplätze ergonomisch gestalten. 2023 wird es unter anderem um die Themen Sucht und Pflege gehen. Außerdem planen wir E-Bikes für die Mitarbeitenden, testen ein Exoskelett zur Lastenverteilung und Rückenschonung, werden die Büros für ein besseres Raumklima weiter begrünen und noch mehr Entspannungsbereiche einführen.

Wer es Ihnen gleichtun will – wie fängt man am besten an?

Tanja Bleicher: Eine oder einer muss sich verantwortlich fühlen und dann einfach loslegen. Mein Tipp: einfach mal die Krankenkassen ansprechen! Die haben ganz viele Angebote für Vorträge und Workshops, die dann unkompliziert im Unternehmen umgesetzt werden können.

Das sagen die Mitarbeitenden

„Wir sind ein gutes Team“

Matthias Grossmann ist Projektleiter „Bad, Sanitär“ bei der Sachsenmaier GmbH  

„Was es bei Sachsenmaier an Zusatzangeboten gibt, ist nicht selbstverständlich, und ich kenne es in dieser Form auch von keinem anderen Betrieb. Wir bekommen das ganze Jahr über kostenlose Getränke und frisches Obst, im Sommer manchmal Eis, dazu werden regelmäßig Betriebsausflüge und eine Weihnachtsfeier organisiert – und eben die regelmäßigen Gesundheitsschulungen. Ich persönlich fand besonders die Schulung zum Thema Rückengesundheit und Stress interessant, da konnte ich viel für mich rausziehen. Das Engagement des Unternehmens spiegelt sich auch in der Kultur wider, die bei uns herrscht: Wir sind ein gutes Team, das Miteinander ist freundlich und hilfsbereit und sehr wertschätzend.“

„Mich motivieren die Aktionen total“

Jens Elser ist Azubi zum Anlagenmechaniker bei der Sachsenmaier GmbH 

„Ich finde es toll, dass bei Sachsenmaier so viel für die Mitarbeitenden und speziell auch für uns Auszubildende gemacht wird. Mich motivieren die Aktionen total: Der jährliche Azubitag ist immer superinteressant, aber auch Vorträge und Workshops zu bestimmten Gesundheitsthemen finde ich spannend. Wie geht man besser mit Stress um? Wie kann man bei der Arbeit den Rücken schonen? All das habe ich schon gelernt. Durch meine Klassenkameraden in der Berufsschule habe ich den direkten Vergleich und kriege mit, was in anderen Unternehmen der Branche gemacht wird – nämlich sehr wenig bis gar nichts. Ich finde das schade. Oft sind die Strukturen in den Betrieben noch sehr klassisch und ,von oben herab‘, die Auszubildenden sind nicht viel wert. Bei uns ist die Firmenkultur ganz anders. Es ist ein tolles Miteinander, alle helfen sich gegenseitig, Gesellen und Azubis arbeiten Hand in Hand. Das würde ich mir für mehr Betriebe der Branche wünschen.“

Ihre Meinung: Jetzt kommentieren! 11
Kommentare


javascript:alert(1);


HTML with PHP

body {
margin: 0px;
}







-->

Teilen Sie Ihre Meinung zum Thema und Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen mit anderen Nutzern! Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Immer gut informiert

Faktor A als Newsletter
Personalsuche, Qualifizierung, Führungsfragen – fundiert, auf den Punkt und kostenlos, alle zwei Wochen: Jetzt zum Faktor-A-Newsletter anmelden!

Faktor A als Podcast
Alle Folgen des Faktor-A-Podcasts können Sie über Deezer, Google Podcasts, Spotify, Apple Podcasts und Amazon Music hören.

Faktor A auf Facebook
Noch mehr Faktor A gibt es auf Facebook:
Zur Faktor-A-Facebookseite


Nicole Benke
Titelfoto: © iStock/franckreporter

Mehr zu diesem Thema